US-Raketenschild in Europa: Ist Russland das eigentliche Ziel?

Experten bezweifeln, dass der US-Schild eine Gefahr für Russland darstelle.

Experten bezweifeln, dass der US-Schild eine Gefahr für Russland darstelle.

AP
Laut dem russischen Verteidigungsministerium sei der US-Raketenschild in Europa in der Lage, ballistische Raketen bereits kurz nach deren Start zu zerstören. Dies schränke die Handlungsfähigkeit Russlands ein. Experten hingegen bezweifeln diese Darstellung und vermuten politisches Kalkül hinter den Aussagen.

Das in Polen und Rumänien stationierte US-Raketenabwehrsystem sei in der Lage, von U-Booten abgeschossene Interkontinentalraketen und ballistische Raketen nicht nur im mittleren, sondern bereits im anfänglichen Flugabschnitt abzufangen. Dies berichtete das russische Verteidigungsministerium am Dienstag auf Grundlage einer Simulation der militärischen Möglichkeiten des US-Raketenschilds in Europa.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen bezüglich der US-amerikanischen Raketenabwehr-Raketen „Standard-3" (Standard Missile-3, SM-3) war auch das chinesische Militär gekommen. Das US-Raketenschild in Europa sei eine unmittelbare Gefahr für Russland, so Cai Jun, hochrangiger Offizier aus dem Zentralen Militärrat Chinas.

Laut dem stellvertretenden Leiter des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation Wiktor Posnichir befinde sich Nordkorea noch am Anfang der Entwicklung ballistischer Raketen, während der Iran, gegen den das US-Raketenschild offiziell gerichtet sein soll, nach den Abkommen zum iranischen Atomprogramm keine Gefahr mehr darstellen könne.

„Unter dem Vorwand der Bedrohung durch Nordkorea und den Iran entwickelt sich ein System, das in erster Linie zur Abwehr russischer und chinesischer Raketen eingesetzt werden soll", sagte Posnichir.

„Gegenseitige Schuldzuweisungen“

Russische Militärexperten teilen die Befürchtungen des Verteidigungsministeriums nicht. Eine neue Simulation habe es nicht gegeben, sagt Alexei Arbatow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Zentrums für internationale Sicherheit am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen.

Der Experte glaubt: „Das sind weitere gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Russland und dem Westen.“ Das US-Raketenschild in Europa würde die nuklearen Möglichkeiten Russlands nicht einschränken.

„Die Stützpunkte verfügen nicht über die modernsten Abwehrsysteme. Sie sind weder schnell genug, noch haben sie eine ausreichende Reichweite, um unsere Interkontinentalraketen, die über den Nordpol fliegen, im Falle eines Konflikts abzufangen", gibt Arbatow zu verstehen.

Sind die Vorwürfe eine Reaktion auf die Kritik der Nato?

Dmitri Litowkin, Militärexperte bei „Iswestija", teilt diese Meinung: „In diesem technischen Stadium ist das US-Raketenschild in Europa keine Bedrohung für die russischen Atomstreitkräfte. Das aktive Flugstadium der Raketen „Topol-M" und „Jars" beträgt weniger als fünf Minuten.“ In dieser Zeit sei es für eine Antiraketen-Rakete aus Polen unmöglich, ein Ziel im nächsten Stützpunkt der Interkontinentalraketen in der Oblast Saratow, 835 Kilometer südlich von Moskau, zu treffen, bestätigt er gegenüber RBTH.

Die Äußerungen des russischen Militärs kamen wenige Tage nach den Anschuldigungen der Nato bezüglich einer Eskalation in den Beziehungen mit der Allianz. Dabei gehe es unter anderem um die Verlagerung von „Iskander-M-Systemen" nach Kaliningrad, die in der Lage sind, Atomraketen abzufeuern. Alexei Arbatow glaubt, dass die Äußerungen des Generalstabs eine politische Antwort auf die Nato-Kritik seien.

Dossier: Russland-Nato-Beziehungen

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