Tschernobyl-Katastrophe: Warum die Sowjetunion so lange schwieg

Ohne Know-how und ohne geeignete Ausrüstung stand die Sowjetregierung dem Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 gegenüber. Der damalige sowjetische Ministerpräsident Nikolai Ryschkow leitete den Rettungseinsatz – was er damals dachte und wieso er die Bevölkerung so lange in Unwissenheit ließ, erzählt er im Exklusiv-Interview.

Katastrophenhelfer kurz bevor sie zum havarierten Reaktor hinaufsteigen. / Igor Kostin/RIA NovostiKatastrophenhelfer kurz bevor sie zum havarierten Reaktor hinaufsteigen. / Igor Kostin/RIA Novosti

Die Stadt Prypjat galt als sowjetische Musterstadt. Wegen ihrer modernen Infrastruktur war es ein Privileg, dort zu leben – die Stadt hatte 15 Kindergärten, 25 Ladengeschäfte, fünf Schulen, mehrere Cafés und Restaurants, ein Krankenhaus, einen Hafen, ein Kino, ein Schwimmbad. Und es gab dort ein Atomkraftwerk, in dem der größte Teil der Einwohner beschäftigt war und das als eines der modernsten seiner Zeit galt.

Ausgerechnet hier kam es in der Nacht zum 26. April 1986 im Rahmen von planmäßigen Wartungsarbeiten und dem anschließenden Probebetrieb zu zwei Explosionen. Die erste zerschmetterte eine 1 000 Tonnen schwere Betonplatte, die zweite verströmte 190 Tonnen radioaktiver Substanzen in die Atmosphäre. Die Einsatzgruppe, die den Schaden beheben sollte, stand unter dem Kommando von Nikolai Ryschkow, dem damaligen Ministerpräsidenten der Sowjetunion. Für die Entscheidungen, die er in jenen Tagen traf, musste sich Ryschkow acht Jahre später, im sogenannten KPdSU-Prozess, rechtfertigen. Viele davon sind bis heute umstritten.

„Die Lage war sehr ernst“

„Wir waren keine Dummköpfe“, sagt der damalige Regierungschef Nikolai Ryschkow. / Maksim Blinov/RIA Novosti„Wir waren keine Dummköpfe“, sagt der damalige Regierungschef Nikolai Ryschkow. / Maksim Blinov/RIA Novosti

„Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag. Es war ein Samstag, und ich war auf dem Weg zur Arbeit. Mich rief der Energieminister Anatolij Majorez über die Regierungsleitung an und sagte, dass es im Kraftwerk Tschernobyl zu einer Katastrophe gekommen sei, Einzelheiten wisse er nicht. Ich erteilte den Auftrag, bis zu meiner Ankunft im Büro herauszufinden, was geschehen war. Es kam mir nicht in den Sinn, dass der Reaktor explodiert sein könnte. Unfälle kommen in Kraftwerken vor: Generatoren oder Turbinen können ausfallen. Aber so etwas hatte ich nicht erwartet. Als mir dann gemeldet wurde, dass es den Kraftwerksblock getroffen hatte, war mir klar: Die Lage war sehr ernst. Ich leitete unverzüglich Maßnahmen ein.

Bereits zwei bis drei Stunden später, da war es gegen elf Uhr mittags, unterzeichnete ich das Dokument zur Einrichtung einer Regierungskommission unter der Leitung meines – inzwischen verstorbenen – Stellvertreters Boris Stscherbina. Um 15 Uhr hatte die Kommission sich zusammengefunden, darunter Wissenschaftler und hohe Ministeriumsbeamte. Sie sind dann auch noch am selben Tag nach Tschernobyl geflogen und berichteten mir bereits am Samstagabend, was dort passiert war.

Die ersten Luftaufnahmen nach der Katastrophe.

Sie kamen zu dem folgenden Schluss: Da die Stadt Prypjat sich in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks befinde und 50 000 Menschen dort lebten, müsse sie unverzüglich evakuiert werden. Ich autorisierte die Evakuierung. Die ganze Nacht liefen die Vorbereitungen, gegen 15 Uhr am Sonntag, dem 27. April, wurde mir berichtet, dass keine Menschen mehr in Prypjat seien und nur noch Hunde herumliefen.“

Am Samstag, dem 26. April, wurde in Prypjat eine Hochzeit gefeiert. Mehr als 24 Stunden lang wusste die Bevölkerung nichts von der Katastrophe. Die erste offizielle Erklärung über die Tragödie tauchte in den sowjetischen Medien erst am 28. April auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Westen bereits die Meldung verbreitet, dass es einen Vorfall gegeben habe, die sowjetische Führung aber nicht darüber berichten würde. In Moskau tauchte die Katastrophe erst als vierte Meldung in den Radionachrichten auf, in Kiew sogar als elfte. Und auch in den Abendnachrichten wurde über den Vorfall erst gegen Ende der Sendung berichtet. Der Generalsekretär Michail Gorbatschow zeichnete seine Fernsehansprache nach 18 Tagen auf.

„Sind wir denn wirklich solche Idioten, extra Panik zu verbreiten?“

„Als erste haben (die Katastrophe) die Schweden registriert. In der Nacht zum 26. April verzeichneten ihre Detektoren eine erhöhte Radioaktivität, und sie kamen zu dem Schluss, dass es irgendwo zu einem Austritt radioaktiver Stoffe gekommen war. Das stimmte natürlich. Wir fanden aber erst am Morgen heraus, was passiert war.

Alles andere ist Fiktion. Niemand hat die Nachricht drei Tage vor der Bevölkerung verheimlicht. Ja, die Worte waren für die Öffentlichkeit sehr vorsichtig formuliert. Aber hätten wir dem ganzen Land sagen sollen: ‚Leute, bringt euch in Sicherheit!‘? Sind wir denn wirklich solche Idioten, extra Panik zu verbreiten, sodass Hunderttausende irgendwohin fliehen, auch dorthin, wo die Radioaktivität am größten ist? Solche Dummköpfe waren wir nicht. Die Menschen mussten evakuiert werden und das organisiert.

Dekontaminierung des Tschernobyl-Atomkraftwerks. / Igor Kostin/RIA NovostiDekontaminierung des Tschernobyl-Atomkraftwerks. / Igor Kostin/RIA Novosti

Nicht alle haben verstanden, was Radioaktivität ist. Ja, die Leute, die in Prypjat lebten und von denen die meisten im Atomkraftwerk arbeiteten, die wussten, was das ist. Ich flog am 2. Mai nach Kiew und fuhr dann von dort mit dem Auto weiter, wir legten Stopps in den Siedlungen unweit der Zone ein. Eine alte Frau trat an mich heran und wollte wissen, was los sei. Ich sagte ihr: ‚Schmutz, Radioaktivität. Man muss sich schützen.‘ Und sie entgegnete: ‚Was denn für Schmutz? Die Kartoffeln sind doch ganz sauber.‘ Solche Vorstellungen hatten die Menschen – sie begriffen nicht, dass der Tod in der Luft lag.

Bis zum 2. Mai wussten wir aus verschiedenen Quellen, wie groß die Gefahrenzone war. Da entschied ich bei einer Besprechung in Tschernobyl, dass alle Bewohner im Radius von 30 Kilometern um Tschernobyl umgesiedelt werden müssen. Wir nahmen die Karte und stachen die Spitze eines Zirkels in die Stelle, wo sich das Kraftwerk befand und zogen den größtmöglichen Kreis. Als ich spät am Abend mit dem Bus aus Kiew wegfuhr, kamen uns bereits Hunderte Busse entgegen, um die Menschen zu evakuieren.“

Im Frühjahr und Sommer 1986 lebten in der Sperrzone und den Gebieten mit „verschärfter Strahlungskontrolle“ rund 400 000 Menschen. Die Radioaktivität breitete sich in Russland (hier nur vier Dörfer mit 186 Einwohnern), in Belarus und der Ukraine aus, wo das verseuchte Gebiet eine Größe von der Fläche Moskaus hatte. 116 000 Personen konnten sofort evakuiert werden, weitere 270 000 wurden in den folgenden Jahren umgesiedelt.

„Niemand dachte daran, abzuhauen“

Die Stadt Prypjat in den ersten drei Tagen nach dem Super-GAU.

„Wir hatten in Wirklichkeit ja nicht einmal einen Hubschrauber mit Strahlenschutz. Das war ein ganz normaler Hubschrauber, dessen Boden mit Stahlplatten ausgelegt wurde, weil Blei die Radioaktivität nicht durchlässt. Wir trugen weiße Overalls und Kappen, in der Tasche hatten wir einen Geigerzähler. Wenn du weit entfernt vom Reaktor fliegst, klickt er, aber nicht allzu oft. Sobald du näher kommst, fängt er an zu knistern, und zwar immer schneller. Wenn du dich dann direkt über der Unfallstelle befindest, fiept er wie verrückt.

Aber was sollten wir anderes tun? Uns war klar, dass wir eine Strahlendosis abbekommen würden, aber niemanden kam es in den Sinn, abzuhauen. Ich war zwei Stunden vor Ort und flog dann wieder fort. Meine Stellvertreter haben mehrere Monate lang der Reihe nach dort gearbeitet. Alle zwei Wochen haben wir sie ausgewechselt. Als wir begannen, sie abzulösen, fluchten sie. Aber wir haben kompromisslos unsere Linie durchgezogen. Wenn es der Arzt empfahl, wurden sie sofort zurückbeordert.

Später mussten wir uns anhören, wir hätten die Menschen gegen ihren Willen dorthin geschickt. Das Gegenteil war der Fall: Ich hatte Tausende von Anträgen Freiwilliger auf dem Tisch. Die Leute wussten, dass eine Katastrophe passiert war, und wollten helfen.“

Im ersten Jahr nach der Katastrophe halfen 350 000 Menschen bei der Beseitigung der Folgen. Auf Anraten der Wissenschaftler wurde der Reaktorkrater mit Sand und Blei zugeschüttet. Blei wurde aus dem ganzen Land über Sondertransporte herangeschafft.

„Uns hat niemand geholfen“

Einsatzkräfte dekontaminieren den havarierten Reaktor. / Vitaliy Ankov/RIA NovostiEinsatzkräfte dekontaminieren den havarierten Reaktor. / Vitaliy Ankov/RIA Novosti

„Wir beschritten den Weg in eine vollkommen unbekannte Welt. 1979 hatte es zwar einen ähnlichen GAU im Kernkraftwerk Three Mile Island in den USA gegeben, aber die Amerikaner hielten alles geheim. Niemand hat uns Informationen gegeben, wir hatten keine Ahnung. Man hat uns nur kritisiert. Es war schließlich Kalter Krieg. Geholfen hat uns keiner.

Als die Kommission am 1. Mai tagte, war bereits klar, dass das Jod zum Schutz der Schilddrüsen für die Kinder nicht reichte, und dass es keine Kräne mit so langen Auslegern und mit einer solchen Tragkraft gab, um einen Sarkophag über den Reaktor zu montieren. An diesem Tag unterzeichnete ich ein Dekret über die staatliche Förderung von Lebensmitteln und Ausrüstung im Umfang von mehr als 120 Millionen US-Dollar, um die Situation zu retten. Später gaben wir unser gesamtes gesammeltes Know-how weiter.“

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