Sechs Fragen und Antworten zur Tschernobyl-Katastrophe

Am 26. April 1986 explodierte im AKW Tschernobyl ein Atomreaktor nahe der Stadt Pripyat (heute Ukraine).  Die Region wurde konterminiert. Über ganz Europa zog eine giftige Strahlenwolke hinweg. Russia Beyond beantwortet die sechs wichtigsten Fragen zu dem Super-GAU.

1 Was war die Explosionsursache?

Die genaue Ursache für die schlimmste nukleare Katastrophe in der Geschichte der Menschheit ist immer noch umstritten. Es ist klar, dass der Reaktor beschädigt wurde.

Aber warum ist die Temperatur plötzlich gestiegen? Laut der ersten Version der INSAG (International Nuclear Safety Advisory Group) sind die Kraftwerksbetreiber und ihre "Regelverletzung" schuld.

Dennoch verschiebt der Bericht INSAG-7von 1992, wie seine Autoren bestätigen, „den Schwerpunkt auf die Wirkung besonderer Designmomente wie die Gestaltung der Kontrollstäbe und Sicherheitssysteme“. So betonten Forscher, dass die Struktur des Kernkraftwerks Tschernobyl von Anfang an Mängel hatte.

Andere Versionen wie Erdbeben, Terroranschlag und ähnliches gelten als wenig wahrscheinlich.

Vitaliy Ankov

2 Wie hat die UdSSR auf die Katastrophe reagiert?

Sie schwieg lange, um Panik zu vermeiden.  Am 27. April wurde die Stadt Pripjat, die am nächsten an Tschernobyl (132 km nördlich von Kiew) liegt, evakuiert.

Die "Sperrzone" betrug 30 km. Die stark radioaktiven Ruinen des Reaktors wurden später mit einem speziellen "Sarkophag" bedeckt, um weitere Verschmutzung zu verhindern. Mehr als 600.000 Menschen aus der ganzen UdSSR beteiligten sich an der Bergung und Reinigung des Territoriums sowie dem Bau des Sarkophags.

3 Wie viele Opfer gab es?

Drei Menschen sterben direkt durch den GAU, aber der Schaden ist viel schlimmer. Von den Arbeitern, die am 26. April am Werk waren, starben nach sowjetischen Quellen 42 weitere an später auftretenden Strahlenfolgen. In den nächsten zehn Jahren sind weitere mindestens 45 Menschen der Macht der Strahlen zum Opfer gefallen.

Insgesamt wurde durch die Explosionen ein Bereich von etwa 200.000 Kilometer Durchmesser durch Uran- und Plutonium-Isotope, Jod-131, Cäsium und Strontsium-90 konterminiert. Allesamt sind sie radioaktiv und schädlich für die menschliche Gesundheit. Im Jahr 2005 berichtete die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass der Tschernobyl-Unfall insgesamt um die 4000 Menschen das Leben gekostet haben konnte.

4 Welche Konsequenzen sind heute noch spürbar?

Trotz der starken Umweltverschmutzung sind die meisten Experten der Meinung, dass die Folgen der Katastrophe von vor über 30 Jahren heute nur noch sehr gering sind. Die gravierendste ist das hohe Schilddrüsenkrebs-Risiko bei Menschen, die jünger als 18 Jahre alt waren, als der Unfall passierte. Die WHO erklärt das in ihrem Bericht von 2006 damit, dass die damaligen Kinder oft viel durch radioaktives Jod verunreinigte Milch tranken.

Die russische Nachrichtenagentur TASS zitiert Rafael Arutjunian, einen Experte für nukleare Sicherheit: „Es gibt für die Menschen keine ernsthaften Folgen sind (abgesehen von den Fällen von Schilddrüsenkrebs), und das kann auch nicht sein, da die Menschen nur mit sehr geringen Strahlungsdosen konfrontiert waren. Die Auswirkungen auf die Umwelt sind darum auch noch schwächer als die auf den Menschen. "

Im russischen Brjansk, der dem heute ukrainischen Tschernobyl am nächsten gelegenen Stadt, ist man da jedoch durchaus anderer Meinung: Hier sind die Zahlen der Krebserkrankungen fast doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt.

5 Leben jetzt Menschen in der Nähe von Tschernobyl?

Nicht in der noch immer gesperrten 30-km-Zone um den Katastrophenort. Um die 2000 Menschen aber sind in ihre verlassenen Häuser in Pripjat und den umliegenden Dörfern zurückgelehrt. Sie leben lieber unter harten Bedingungen, als dass sie ihre Heimat verlassen.

Ein 90-jähriger Bewohner der Sperrzone sagte 2016: "Das Geheimnis eines langen Lebens ist es, deinen Geburtsort auch dann nicht zu verlassen, wenn er vergiftet ist."

6 Kann ich heute nach Tschernobyl fahren?

Ja, es gibt bereits auch touristische Touren in die völlig unveränderte Stadt Pripjat und die Sperrzone: Praktisch besucht man da eine echte Geistertadt.

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