Fifty Shades of Eis

Eugene Ptuschka
Das Weiße Meer im russischen Norden ist ein Naturparadies. Trotz Eiseskälte zieht es jedes Jahr viele Tauchbegeisterte, die die faszinierende Unterwasserwelt entdecken wollen, ins karelische Dorf Nilmoguba. Daran haben sich sogar die zahlreichen Robben dort schon gewöhnt.

Vom karelischen Dorf Nilmoguba, 1 535 Kilometer von Moskau entfernt, bis zum geografischen Polarkreis braucht man mit dem Boot nicht länger als zwei Minuten. Und kaum eine weitere Minute braucht es, um von Boot aus in das eisige Wasser des Weißen Meeres einzutauchen.

Im Dorf leben nur 15 Familien. Es gibt hier weder Geschäfte noch Freizeitangebote. Im Winter wird es sehr früh dunkel. Die Temperaturen fallen dann unter minus 40 Grad Celsius. Im Sommer hingegen ist es während der Polartage auch in der Nacht noch hell.

Nilmoguba ist ein äußerst schwer zugänglicher Ort. Dennoch kommen Jahr für Jahr viele Menschen hierher. Im Gästebuch des Ortes sind zahlreiche Einträge begeisterter Besucher, in englischer, französischer, deutscher und polnischer Sprache. Sogar chinesische Schriftzeichen sind darin zu entdecken.

Zahme Wölfe

Foto: Eugene PtuschkaFoto: Eugene Ptuschka

Die touristische Hochsaison beginnt im Winter, wenn sich das Weiße Meer mit einer festen Eisschicht überzieht. Dann kommt die Zeit der Tauchlehrer. Eistauchen ist bei Extremsportlern sehr beliebt – sie schreckt der Gedanke an das eisige Nass nicht, obwohl selbst im Sommer die Wassertemperaturen eine Gänsehaut hervorrufen.

Was gibt es in dem kalten Weißen Meer zu entdecken? Und was sollte man sich bei einem Tauchgang keinesfalls entgehen lassen? Michail Chrobostow, Tauchlehrer im örtlichen Zentrum Poljarny Krug, kennt die Antworten. Ein Kollege habe beim letzten Mal eine Miesmuschel gefunden, erzählt Chrobostow. Diese hat er mit seiner Taschenlampe angeleuchtet, dann seine Hand und zuletzt den Sand, immer wieder. So ist es ihm gelungen, einen großen Seewolf anzulocken, diesen furchterregend aussehenden Fisch mit seinem gewaltigen Kiefer und den riesigen Zähnen. Der Seewolf fraß ihm schließlich sogar aus der Hand. Das ist beinahe so, als würde man sich wagen, einen wilden Wolf zu füttern. Spontane Tauchaktionen auf bis zu 20 Meter Tiefe sind aber nicht möglich. Vorher geht es in die örtliche Tauchschule.

Zwiebelschicht-Effekt

Foto: Eugene Ptuschka

„Zieht euch warm an …“ Michail Chrobostow reicht mir einen warmen und leichten Einteiler, so etwas wie einen Skianzug. Das ist die Schicht unter dem trockenen Gummianzug, ohne die man auch im Sommer im Weißen Meer nicht tauchen kann. Der Anzug bleibt auch bei vollständigem Eintauchen ins Wasser trocken. Der Taucher hüllt sich quasi in ein großes Heizkissen, die Außentemperaturen dringen nicht mehr zu ihm durch.

Ich bekomme von Michail noch einen schweren Neoprenanzug, der einem Tauchanzug ähnelt, mit integrierten Stiefeln. Der Anzug ist steif und unbequem, mit einem Reißverschluss bis an die Schultern. Man muss ihn über den trockenen Gummianzug ziehen. Gar nicht so einfach.

Aus diesem Grund ist die Teilnahme am Kurs „Dry Suit“ vor dem ersten Tauchgang unumgänglich. Den Lehrgang hat der Professionelle Verband der Tauchlehrer (Padi) entwickelt. Poljarny Krug ist das einzige Taucher-Zentrum am Weißen Meer, das Mitglied dieses internationalen Tauchlehrerverbands ist. Man kann in diesem Zentrum übrigens die komplette Ausrüstung, vom Anzug bis zum Schlauch, leihen.

Eiskalte Entspannung

Foto: Eugene Ptuschka

Wir fahren mit dem Boot hinaus zu den Kreuzinseln und werden von den Robben beobachtet, die auf den Steinen liegen. Dann ist es so weit: Abtauchen. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel und springe ins Wasser. Ein eigenartiges Gefühl, an das ich mich erst gewöhnen muss, umfängt mich. Der Körper scheint in einer Kapsel zu stecken: Rundherum ist es nass, innen trocken, mir ist dabei warm wie am Ufer. Feucht sind nur die Handschuhe geworden, ohne jedoch Kälte durchzulassen, und die Teile der Wangen, die nicht von der Tauchermaske bedeckt sind. Beim Untertauchen des Gesichts hat man in den ersten Sekunden das Gefühl, als würden Dutzende Nadelspitzen eindringen, wenige Minuten später jedoch habe ich mich bereits an das kalte Wasser gewöhnt und der Schmerz wird von einer erstaunlichen Leichtigkeit abgelöst.

Foto: Eugene Ptuschka

Der Anblick um mich herum ist überwältigend. Palmtang zieht sich in die Höhe und bildet schnörkelige Fantasiegärten, zwischen den Steinen huschen Krabben und kleine Fische hin und her, über den Meeresgrund kriechen mit königlicher Würde gigantische Seesterne – violette, bordeauxrote, orangefarbene. Wie in einem Zeichentrickfilm. An den Steinen hängen traubenweise Miesmuscheln. Sie schillern in der Sonne, rosafarbene und blaue Quallen schweben durch das Wasser.

Foto: Eugene Ptuschka

Mit einem Blick in die Wassertiefe zeigen sich zahlreiche winzige Meeresbewohner, etwa die Ruderschnecke – eine fast unsichtbare fleischfressende Schnecke mit einer buchstäblich reichen Innenwelt. Ihr Körper, von außen lang und transparent, hat kleine Flügelchen. In ihrem Inneren leuchtet ein grellroter Kern.

Ich verstehe, warum mein Tauchlehrer Michail Chrobostow sagt, dass er hier seinen Traumjob gefunden hat. „1992 bin ich hierhergezogen und wurde Tauchlehrer“, erzählt er mir auf dem Rückweg. Auch Michails Frau fasziniert die Wasserwelt. Sie trainiert Weißwale aus dem Delphinarium am Utrisch, das auch Filialen in Sankt Petersburg und im Süden Russlands hat.

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