Meldonium-Affäre: Suche nach Schuldigen

Maria Scharapowa.

Maria Scharapowa.

AP
Zahlreichen russischen Spitzensportlern drohen Sperren, weil sie das Meldonium-Verbot der Wada ignoriert haben. Während die Öffentlichkeit noch über Sinn und Unsinn des Verbots diskutiert, werden Rufe nach einer umfangreichen Aufklärung des jüngsten Doping-Skandals laut.

Auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) steht seit Jahresbeginn das Herz- und Kreislaufmedikament Meldonium. 1975 von dem lettischen Forscher Iwar Kalwinsch entwickelt, droht es heute vielen russischen Top-Athleten zum Verhängnis zu werden.

Nicht nur Maria Scharapowa, deren Geständnis weltweit für Furore sorgte, wurde positiv auf die unerlaubte Substanz getestet. Auch bei den Olympiasiegern Jekaterina Bobrowa (Eiskunstlauf) und Semen Jelistratow (Shorttrack), bei Eisschnelllauf-Weltmeister Pawel Kulischnikow, bei der Shorttrack-Europameisterin Jekaterina Konstantinowa und dem zweifachen Volleyball-Universiade-Sieger Alexander Markin wurde der verbotene Wirkstoff im Körper nachgewiesen. Den Spitzensportlern drohen Disqualifikationen von vier Monaten bis zu vier Jahren.

Ärztliche Fahrlässigkeit?

Der russische Sportminister Witalij Mutko macht die Ärzte und Trainer für den erneuten Doping-Skandal verantwortlich: „Vor einem halben Jahr schon haben wir allen die Sachlage dargelegt. Verbände, Trainer und Ärzte müssen verantwortungsbewusster sein“, tadelte der Minister im Fernsehsender R-Sport. Gleichzeitig mutmaßte Mutko, die Verbandsärzte könnten die Neuerung verpasst haben, weil es eine starke Fluktuation bei den Fachkräften gebe. Das mache es unmöglich, alle Änderungen der Wada zu verfolgen, räumte der russische Sportminister ein.

Andrej Smolenskij stimmt der Kritik des Ministers zu. Der Professor ist Direktor des Instituts für Sportmedizin an der Russischen Staatlichen Universität für Körperkultur, Sport, Jugend und Tourismus in Moskau – eine Talentschmiede, die Dutzende sowjetische und russische Olympiasieger hervorbrachte. „Die Meldonium-Geschichte lastet auf dem Gewissen der Verbandsärzte“, glaubt er.

Doch die Ärzte würden nicht immer die notwendige Sorgfalt gegenüber ihren Pflichten aufbringen. „Die Wada hat strenge Regeln, die zwingend eingehalten werden müssen. Meldonium hält sich bis zu drei Monate im Blut. Daher hätten die Sportler schon im Oktober auf das Präparat verzichten müssen. Unsere Ärzte haben das nicht kontrolliert“, betonte Smolenskij im Gespräch mit RBTH.

Zäsur für Funktionäre?

Auch die Sportfunktionäre seien zur Verantwortung zu ziehen. Darauf drängt etwa der Duma-Abgeordnete und Judo-Bronze-Sieger bei den Olympischen Spielen von 2004, Dmitrij Nossow: „Kein Profisportler würde je etwas ohne das Wissen seines Arztes einnehmen. Die Ärzte ihrerseits müssen von den Verbandsspitzen kontrolliert werden“, sagte der Parlamentarier zu RBTH. Nur ein Rücktritt der Spitzenfunktionäre der vom Doping betroffenen Verbände würde alle zum Nachdenken über Doping anregen, ist er überzeugt.

Der renommierte Jurist und Vizepräsident des Internationalen Fonds zur Unterstützung rechtlicher Initiativen, Alischer Aminow, fordert den Rücktritt des Sportministers selbst: „Die verbotenen Präparate wurden den Sportlern auf Empfehlung einer einzigen Zentrale verabreicht. Diese Zentrale engagiert die Ärzte und erhält Zielsetzungen direkt von Minister Mutko – der natürlich an Erfolgen und Auszeichnungen interessiert ist.“

Der wirksamste Weg, „diese Hinterhältigkeit im russischen Sport“ zu überwinden, sei eine unabhängige, öffentliche Untersuchung unter Beteiligung internationaler Organisationen. „Bis zum Abschluss der Ermittlungen muss Mutko von seinem Posten suspendiert werden“, sagte der Jurist im Gespräch mit RBTH.

Der russische Sportminister gibt indes eine Mitschuld an dem Doping-Skandal zu. Die Krise müsse systematisch analysiert werden, sagte er der Nachrichtenagentur Interfax: „Wir müssen herausfinden, was genau schief gelaufen ist, und ein System entwickeln, das unsere Top-Sportler künftig besser schützt.“ 

Ist Meldonium wirklich so gefährlich?

Derweil debattiert die russische Öffentlichkeit darüber, ob das Verbot der Wada überhaupt tragfähig ist. Der frühere Arzt der russischen Olympiamannschaft Surab Ordschonikidse beispielsweise meint, Meldonium sei nicht als Doping einzustufen: „Es hat keinerlei stimulierende Wirkung, sondern ist ein ganz gewöhnliches Mittel gegen Herzerkrankungen. Wenn die Wada das Mildronat auf ihre Verbotsliste setzt, dann kann sie auch gleich Wasser verbieten. In gewissem Sinne ist Wasser ja auch ein Herzmittel“, sagt der Facharzt.

Anderer Meinung ist Sportmediziner Alexander Jardoschwili, ehemaliger Mannschaftsarzt der russischen Nationalelf und der Fußballklubs ZSKA und Lokomotiv: „Mildronat reduziert den Kreatingehalt und synthetisiert Fettsäuren. Infolgedessen wird Sauerstoff freigesetzt, das aktiv in die unterversorgten Körperregionen gelangt. Zudem erzeugt das Präparat Magnesium. Und dieses Element verbessert die Aktivität der Knochen, Muskeln, Sehnen und Gelenke – eben des ganzen Bewegungsapparats“, erklärte der Mediziner der russischen Online-Zeitung Gaseta.ru.

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