Russland beschließt Wirtschaftsmaßnahmen gegen die Türkei

Tomaten könnten für die Russen künftig teurer werden.

Tomaten könnten für die Russen künftig teurer werden.

Reuters
Der Kreml hat angekündigt, den Import türkischer Waren einzuschränken, und riet Russen von Reisen in die Türkei ab. Indes warnen Experten vor einem Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen: Dies könnte sich auch für Russland negativ auswirken.

Die russische Regierung hat beschlossen, die Einfuhrkontrollen für Agrarerzeugnisse und Nahrungsmittel aus der Türkei zu verschärfen sowie zusätzliche Überprüfungen an den Grenzübergängen durchzuführen. Das erklärte der russische Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschew, wie die Nachrichtenagentur Interfax mitteilte. Durchschnittlich 15 Prozent der türkischen Agrarerzeugnisse würden nicht den russischen Standards entsprechen, begründete der Minister die Entscheidung.

Man reagiere damit auch auf das unberechenbare Verhalten der türkischen Regierung, fügte der Pressesprecher des russischen Präsidenten Dmitrij Peskow hinzu. Die Beschränkungen betreffen in erster Linie den Import von Nahrungsmitteln aus der Türkei, der nach offiziellen Angaben in den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres ein Volumen von etwa 940 Millionen Euro hatte. 

„2014 betrug der Warenumsatz zwischen Russland und der Türkei rund 42 Milliarden Euro. Die Türkei belegt damit den fünften Platz beim Handel mit Russland und liegt unmittelbar hinter China, Deutschland, den Niederlanden und Italien“, erklärt Alexej Portanskij, Professor an der Fakultät für Weltwirtschaft und -politik am Forschungsinstitut der Moskauer Higher School of Economics, gegenüber RBTH. Dies entspreche fünf Prozent des gesamten russischen Warenumsatzes mit dem Ausland, ergänzt der Experte.

Tomaten und Tourismus

Nach Angaben des russischen Wirtschaftsministeriums betrug der Anteil der Türkei am gesamten Nahrungsmittelimport nach Russland im vergangenen Jahr vier Prozent. Allerdings beträgt der Anteil dieses Landes 43 Prozent am russischen Gesamtimport von Tomaten. Laut Andrej Awerjanow, dem Direktor des Instituts für die Entwicklung der Lebensmittelmärkte Petrowskij, importierte Russland in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres Obst und Gemüse in einem Umfang von mehr als 470 Millionen Euro aus der Türkei, wovon etwa 80 Prozent auf Tomaten, Zwiebeln und Gurken entfielen.

Seinen Worten nach könnte der Verzicht auf den Import türkischer Nahrungsmittel die Russen teuer zu stehen kommen. „Für die Türkei aber könnte Russlands Abkehr noch ernsthaftere ökonomische Konsequenzen mit sich bringen, da Russland der größte Importeur von Agrarerzeugnissen aus diesem Land ist“, fügt Awerjanow hinzu.

Darüber hinaus empfahl Außenminister Sergej Lawrow seinen Landsleuten, auf Urlaubsreisen in die Türkei zu verzichten. Daraufhin bat die russische Tourismusbehörde Rostourism die Reiseveranstalter, den Verkauf von Pauschalreisen in die Türkei einzustellen. Gegenwärtig ist das Land das beliebteste Urlaubsziel bei den Russen: 2014 besuchten 3,3 Millionen russische Touristen die Türkei.

Schaden auf beiden Seiten

Wie Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew erklärte, plant die russische Regierung Programme zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit einzufrieren, Beschränkungen für Finanzoperationen einzuführen und die Zolltarife zu revidieren.

„Das Vorgehen der russischen Seite gegenüber der Türkei ist nachvollziehbar und begründet“, meint der Geschäftsführer des Forex-Brokers еТоrо Pawel Salas. „Ein ganz anderes Thema ist jedoch, dass in Anbetracht der engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit beide Seiten mit Einbußen zu rechnen haben.“ So werde die Türkei beispielsweise auf die Mitwirkung russischer Subunternehmen beim Bau des neuen Kernkraftwerks Akkuyu verzichten müssen, der auf 19 Milliarden Euro geschätzt werde.

Bislang wurden aber noch keine radikalen Maßnahmen ergriffen, wie die Fachleute betonen. „Sie könnten sich schmerzhaft auf beide Länder auswirken“, sagt Alexej Portanskij. Ein völliger Abbruch der Beziehungen zur Türkei würde Russland in jedem Falle sehr treffen. „Es kann davon ausgegangen werden, dass die Türkei schneller andere Abnehmer für ihr Obst und Gemüse finden wird als Russland neue Lieferanten“, erklärt der Experte. Deshalb, so mahnt Portanskij, müsse man völlig emotionslos die Konsequenzen durchdenken, bevor man die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Türkei einstelle.

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