Schwimmende LNG-Anlagen: Revolution am Gasmarkt?

Sergej Sawostjanow / RG
Das russische Unternehmen Novatek plant den Bau mehrerer schwimmender LNG-Anlagen. So sollen weitere Gasvorkommen jenseits des Polarkreises erschlossen werden. Zudem würden russische LNG-Exporte nach Europa an Attraktivität gewinnen.

Der russische Gasproduzent Novatek plant, bis 2020 drei schwimmende LNG-Anlagen mit einer Gesamtförderkapazität von 20 Millionen Tonnen zu bauen. Das Projekt wurde bei der 4. Internationalen Geschäftswoche in Murmansk Ende November vorgestellt.

Das Erdgas wird auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt: Bei dieser Temperatur wird aus dem Gas eine Flüssigkeit. Dabei wird es zu Transportzwecken auf sechs Hundertstel seines natürlichen Volumens reduziert.

Für die Produktion einzelner Elemente der Anlagen wird ein spezielles „Zentrum für den Bau von schwimmenden Großanlagen“ gegründet. An diesem sollen zukünftig auch internationale Projekte entwickelt werden. „Wir erhöhen die Produktionskapazität der LNG-Anlagen im Autonomen Kreis Jamalo-Nenzen. Die Kola-Bucht im Verwaltungsgebiet Murmansk eignet sich besonders gut für die Durchführung von Projekten auf der Halbinsel Jamal“, sagte der Vorsitzende des Konzerns Leonid Michelson zuvor bei einem Treffen mit Vertretern der Gebietsverwaltung.

Momentan baut Novatek auf der Halbinsel Jamal den Sabetta-Hafen und eine neue Verflüssigungsanlage mit dem Namen Jamal-LNG. Zudem plant der Konzern gemeinsam mit dem norwegischen Unternehmen Kværner eine neue LNG-Anlage auf einer schwimmenden Gravitationsplattform im Obbusen zu errichten. Im Gebiet Murmansk werden für solche Industrieobjekte Betonsockel produziert.

Wozu braucht man schwimmende Anlagen?

Schwimmende LNG-Anlagen können schwer zugängliche Offshore-Gasreserven, die mehr als 200 Kilometer von den Abnehmern entfernt liegen, erschließen. Bislang wurde das Gas aus dem Meeresgrund durch Unterwasserpipelines auf das Festland transportiert. Da einige Gasvorkommen in zu großer Entfernung lagen, erwies sich diese Transportmethode letztendlich als ineffizient.

„Die Anlagen ermöglichen schnelle Abwicklungszeiten, niedrigere Logistikkosten und wettbewerbsfähige Preise und bieten weitere Vorteile“, sagt Jewgenij Gilomedow, Leiter des Zentrums für zukunftsorientierte Analyse und strategische Forschung. „Das flexible Design bietet außerdem die Möglichkeit, den Produktionsstandort und die Lieferadressen zügig zu wechseln“, erklärt Andrej Gaus, Experte für multimodale Transportmittel des Unternehmens Prosperity Project Management.

LNG wird immer bedeutsamer

Der LNG-Markt entwickelt sich rasant. 33 Prozent des internationalen Gashandels entfiel 2014 auf diese Form des Transports. Nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft E&Y werden sich die vorhandenen Kapazitäten zur Erzeugung und zum Transport von LNG bis 2025 verdoppeln. Der russische Anteil am globalen LNG-Markt beträgt circa fünf Prozent. „Bis dato wurde in Russland nur eine Verflüssigungsanlage, sie heißt Sachalin-2, in Betrieb genommen. Von hier aus wird Erdgas nach Japan, Korea, Taiwan und Thailand exportiert“, sagt Gilomedow. Novatek aber setzt auf LNG-Lieferungen nach Europa. Dort seien die LNG-Terminals nur zu 30 Prozent ausgelastet, so der Fachmann. Nach Einschätzungen der unabhängigen Expertin Dinara Arifulowa könne der europäische Anteil an weltweiten LNG-Importen bis 2035 auf 19 Prozent steigen. „Aber die traditionellen LNG-Exporteure wie Katar, Australien und die USA bleiben für die europäischen Abnehmer wegen der kostenaufwendigen Logistik zu teuer“, ergänzt Gilomedow.

Die Idee schwimmender LNG-Plattformen könnte in Zukunft zudem andere Anwendungsmöglichkeiten finden. Die Anlagen könnten zum Beispiel das LNG wieder in den gasförmigen Zustand versetzen, glaubt Gaus. „Solche Anlagen könnten in den Flusseinzugsgebieten gebaut und als selbständige Energieträger genutzt werden“, glaubt der Experte.

INFO:

Neben Novatek zeigen auch andere russische Energiekonzerne Interesse an Gebieten jenseits des Polarkreises. Gazprom, Baschneft und Rosneft diskutieren allesamt die Entwicklung von Schiffbaukapazitäten in der Region. Rosneft hat bereits einen Schiffbaubetrieb im Verwaltungsgebiet Murmansk erworben. Der Konzern möchte den Betrieb als Versorgungs- und Wartungsstandort für seine Technik zur Schelferschließung nutzen.

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