Und ein sparsames neues Jahr

TASS
Das russische Neujahrsgeschäft steht dieses Jahr im Zeichen der Wirtschaftskrise. An vielen Stellen wird nun gespart. Ein Vergleich mit dem Vorjahr ist allerdings schwierig.

Weihnachten ist das Fest der Strümpfe. In den USA werden sie an den Kamin gehängt und der Weihnachtsmann legt etwas hi-nein. In Deutschland liegen Socken ebenfalls oft unter dem Baum – wenn auch selten gewollt. In Russland wird zwar nicht Weihnachten, sondern etwas später Neujahr gefeiert, aber auch dieses Fest steht – zumindest in diesem Jahr – im Zeichen besonderer Strickwaren: der Sparstrümpfe.

Die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zwingen viele Russen zu einem Umdenken bei den diesjährigen Ausgaben. Die Reallöhne sind 2015 um rund 13 Prozent gesunken und die kriselnde Wirtschaft des Landes macht den Menschen zu schaffen. Rund zwei Drittel der russischen Bürger planen daher, dieses Jahr weniger für das Neujahrsfest auszugeben. Dieses Ergebnis förderte jedenfalls eine Studie der Marktforschungsagentur IRG zutage. Das durchschnittliche Budget einer russischen Familie für Neujahr liegt demnach bei 16 900 Rubel (rund 240 Euro).

Das Ergebnis stimmt weitgehend mit einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte überein. Diese zeigt auf, dass die Russen durchschnittlich mit 217 Euro für die Neujahrsfeierlichkeiten planen. Das sind sieben Prozent weniger als im Vorjahr und liegt deutlich unter dem europäischen Schnitt von 513 Euro, den das Unternehmen errechnet hat. Im europäischen Vergleich wollen nur die Griechen ihre Weihnachtsausgaben noch stärker reduzieren als die Russen (um 8,6 Prozent). In Deutschland wird hingegen mit einer leichten Erhöhung um 0,9 Prozent auf 423 Euro gerechnet.

Wo gespart wird

Weihnachts-budget: Wer plant wie viel?

884 Euro in Großbritannien                   

617 Euro in Dänemark     

423 Euro in Deutschland  

217 Euro in Russland

Aber die Russen sind auch Meister im Stopfen von Strümpfen. So gaben 20 Prozent der 1 200 Befragten gegenüber IRG an, dass sie planten, den in Russland beliebtesten Feiertag des Jahres ohne Delikatessen zu feiern. Oder dass sie beim Essen auf dem Neujahrstisch sparen wollten, oder an Geschenken. Beides plant jeweils ein Drittel der Studienteilnehmer. 21 Prozent wollen laut der Deloitte-Studie versuchen, in günstigeren Geschäften einzukaufen – 2014 hatten das nur acht Prozent vor. Einige Russen wollen dieses Jahr sogar komplett auf Geschenke verzichten. Ihr Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr von vier auf nun sieben Prozent gestiegen.

Solche Pläne hat Sergej nicht. Der 25-jährige Lehrer aus Moskau sagt: „Ich mag es nicht, für Geschenke zu sparen. Ich schenke gerne. Mich wird auch dieses Jahr nichts von überschwänglichen Ausgaben abhalten – wie immer.“ Mit einem Lächeln wischt er die Wirtschaftskrise beiseite: „Nicht einmal die schwierige ökonomische Lage wird mich aufhalten.“ Dafür achtet er an anderen Stellen stärker aufs Geld, etwa beim Reisen. War er vor zwei Jahren über die Neujahrsfeiertage noch in Prag, verbrachte er die beliebte Urlaubszeit 2014 in Russland. Mit Freunden war er im nordrussischen Murmansk und fotografierte dort die Polarlichter. Ursprünglich wollte er nach Island, erzählt er, aber Russland sei eine gute und günstigere Alternative gewesen. Und man spreche dort Russisch, fügt er hinzu. „In diesem Jahr werde ich wohl entweder in Moskau bleiben oder – etwas weniger sparsam – nach Karelien an die finnische Grenze fahren“, sagt der Hobbyfotograf.

Mit seinen Sparplänen ist Sergej nicht allein. Angaben des Reiseveranstalters Onetwotrip zufolge gingen die Buchungen für Flüge ins Ausland im Vergleich zum Vorjahr zwischen dem 1. und 10. Januar um rund 30 Prozent zurück. Besonders die Flüge nach Deutschland (minus 68 Prozent) und Österreich (minus 60 Prozent) seien sehr viel weniger gefragt. Dass nun mit Ägypten und der Türkei zwei weitere beliebte Destinationen wegen Sanktionen und Terrorgefahr ausfallen, mache den Urlaub in der Heimat umso populärer.

Der Vergleich zum Vorjahr hinkt

Viele russische und europäische Einzelhandelsketten wollen sich nicht zum laufenden Neujahrsgeschäft äußern oder Prognosen abgeben. Ihre Umsatzzahlen werden aber wohl unter denen des Vorjahres liegen. Denn vor einem Jahr, Mitte Dezember 2014, stürzte der Rubel drastisch ab. Das führte zu vorgezogenen Käufen, weil die Kunden das Geld vor der Entwertung schützen und Preiserhöhungen zuvorkommen wollten. Der große russische Elektronikhändler M.video verzeichnete deswe-gen im Dezember 2014 einen Anstieg seiner Verkäufe um satte 73 (!) Prozent.

Quelle: RBTHQuelle: RBTH

Der Vergleich zum Neujahrsgeschäft im Vorjahr ist also schwierig. Ähnliches wird sich dieses Jahr wohl kaum wiederholen. Die Menschen haben sich inzwischen an die Situation und die Preise angepasst. Der Rubel hat sich auf einem hohen Niveau von derzeit rund 70 Rubel je Euro einge- pendelt. Dafür sprechen zudem die Aussagen russischer Unternehmen zum sogenannten „Black Friday“ Ende November, an dem auch in Russland mit deutlichen Preisnachlässen geworben wurde. Der Tag war nach Angaben vieler Händler ein voller Erfolg. Allerdings sanken die durchschnittlichen Rechnungsbeträge bei vielen Anbietern.

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So auch beim bekannten Elektrohändler Swjasnoj. Dies sei der Tatsache geschuldet, dass die Kunden im vergangenen Jahr unter dem Einfluss der Rubel-Abwertung teure Geräte kauften, heißt es seitens des Unternehmens. Heute hingegen, da die Realeinkommen gesunken seien, kauften die Menschen billigere Geräte.

So rechnen die Logistiker in Russland auch nicht mit veränderten Warenmengen zur Neujahrszeit. Das vierte Quartal ist die wichtigste Zeit für die Transportunternehmen. „Wir erwarten keine Differenz zum Vorjahr“, sagt beispielsweise der Russlandchef eines großen europäischen Logistik- Unternehmens zum diesjährigen Neujahrsgeschäft. Und große Unterschiede wird es dieses Jahr wohl auch nicht bei dem Wesentlichen des Neujahrsfestes in Russland geben: der gemeinsamen Zeit mit Freunden und Familie.


Simon Schütt ist Chefredakteur von Ostexperte.de, einem Blog für das Russlandgeschäft.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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