Arktis-Erschließung: Warum Gazprom nun doch kein Erdgas fördert

Zu teuer und unnötig sei die Erschließung des Schelfs der Barentssee.

Zu teuer und unnötig sei die Erschließung des Schelfs der Barentssee.

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Der russische Erdgasmonopolist will die Erschließung von Lagerstätten fossiler Rohstoffe im Schelf der Barentssee um mehrere Jahre verschieben. Gleichzeitig wird überlegt, private Unternehmen in die Erdgasförderung miteinzubeziehen.

Gazprom wird seine Erdgasreserven nicht so bald mit Erträgen aus den geplanten Schelf-Projekten in der Barentssee auffüllen können. Rosnedra, die für die Förderung von Bodenschätzen in Russland verantwortliche russische Behörde, genehmigte einen Aufschub der Erschließung des schwer zugänglichen Schelfs der Arktis, den die Konzerne Rosneft und Gazprom zuvor selbst beantragt hatten. Laut der russischen Zeitung „RBC Daily“ ist von insgesamt 31 Abschnitten die Rede. 

Die Termine für die geologische Erkundung und die Erdöl- und Erdgasförderung im Schelf zu verschieben, war ein Vorschlag von Gazprom. Das Unternehmen erachtet die Durchführung der geologischen Erkundung in Anbetracht der aktuellen ökonomischen Situation als nicht zielführend, wie es in der Unternehmenszeitschrift des Erdgasmonopolisten heißt. Ursprünglich sollten die Abschnitte bis 2025 in Betrieb gehen, nun aber werden die Fristen für alle Lagerstätten um mehrere Jahre verschoben.

Kein günstiger Zeitpunkt

Auf Beschluss des Staates werden die seismischen Erkundungen um zwei bis fünf Jahre verschoben und die Bohrungen erst weitere drei Jahre später durchgeführt. Im Endergebnis werden die beiden Abschnitte des Stockmann-Feldes in der Barentssee im Norden des Landes von Gazprom statt wie geplant nicht 2016, sondern frühestens 2025 erschlossen. Ursprünglich sollten laut staatlichem Energieprogramm bis 2035 im Schelf mindestens zehn Prozent des gesamten Erdgases im Land gefördert werden – werden die Erkundungen verschoben, ist diese Planung dahin.

„Der Hauptgrund für die Verschiebung ist in der aktuellen Situation auf dem Weltmarkt für fossile Brennstoffe zu suchen“, sagt Alexej Kalatschew, Analyse-Fachmann bei Finam. Die seismischen Erkundungen und vor allem die Bohrungen auf den abgelegenen Abschnitten des Schelfs seien schlicht zu teuer, meint der Experte, und in Anbetracht der niedrigen Erdgaspreise ökonomisch nicht zielführend. Es sei durchaus vernünftig, die Anstrengungen auf die Erkundung von zugänglicheren Gebieten des Schelfs zu konzentrieren und die aufwändigen Abschnitte für bessere Zeiten aufzusparen, fügt Kalatschew hinzu.

„Die nachgewiesenen Erdgasvorkommen reichen für mindestens 70 Jahre, sodass Gazprom keinen dringenden Bedarf am Abbau der Lagerstätten im Schelf hat“, ergänzt Michail Kortschemkin, Direktor von East European Gas Analysis.

Für die europäischen Verbraucher wirft das jedoch eine wichtige Frage auf: Wird sich die Terminverschiebung auf den Preis des russischen Erdgases auswirken? Kortschemkin zufolge fließen die Förderkosten und die Größe der Vorkommen nicht in die Preisberechnung für das russische Erdgas ein. Das heißt also: Die Preise für die europäischen Erdgas-Verbraucher beeinflusst diese Entscheidung nicht.

Lukoil meldet Interesse an

Die Erkundung im Schelf können die russischen Unternehmen wieder aufnehmen, wenn der Erdölpreis auf über 100 US-Dollar pro Barrel ansteigt – was jedoch nicht vor 2025 der Fall sein dürfte, sagt Georgij Wastschenko, bei der Investmentgesellschaft Freedom Finance zuständig für das Operationsmanagement auf dem russischen Fondsmarkt. In Europa sei aber ohnehin kein Erdgasengpass zu verspüren – die Flüssigerdgaslieferungen nehmen zu, der Anteil der Solarenergie steigt.

Noch Mitte der Zweitausenderjahre versuchte Gazprom, Partner für den Abbau der Schelf- Lagerstätten zu gewinnen. Damals machte die Wirtschaftskrise einen Strich durch die Rechnung. Später wurden Verhandlungen mit dem französischen Konzern Total und dem norwegischen Unternehmen Statoil geführt. „Aufgrund der zunehmenden Lieferungen von Schiefergas aus den USA stiegen die europäischen Partner aus dem Projekt aus und Gazprom hatte Einbußen zu verzeichnen, über deren Ausmaß der Konzern sich bis heute in Schweigen hüllt“, erklärt Wastschenko.

Dieses Mal könnten sich russische Privatunternehmen an der Förderung im Schelf beteiligen. Lukoil, das größte privatwirtschaftliche Erdölunternehmen Russlands, sei bereit, Gazprom bei der Förderung im Schelf der Tschuktschensee zu helfen, wie Konzernchef Wagit Alekperow auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum bekannt gab. 

Doch dafür müssen zunächst Änderungen an der Gesetzgebung vorgenommen werden: Zugang zu den Schelf-Lagerstätten haben bislang ausschließlich die Staatskonzerne Rosneft und Gazprom. Ein entsprechender Gesetzentwurf werde auf Anweisung des russischen Präsidenten Wladimir Putin aber bereits vom Ministerium für natürliche Ressourcen vorbereitet, teilte Umweltminister Sergej Donskoj auf dem Forum mit. 

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