Nächster Halt Weltall: Wie viele Weltraumbahnhöfe gibt es in Russland?

Wissen und Technik
ANNA SOROKINA
Das Land verfügt unter anderem über das erste Kosmodrom, das jemals gebaut wurde, sowie über das nördlichste und das internationalste Kosmodrom. Die Weltraumbahnhöfe befinden sich sowohl auf russischem Territorium als auch außerhalb davon.

Baikonur- das älteste Kosmodrom der Welt 

Das erste und bis heute größte Kosmodrom der Welt wurde 1955 gebaut. Baikonur war das wichtigste Kosmodrom der Sowjetunion. Von hier aus wurde der erste Satellit der Erde in die Umlaufbahn gebracht, und es fanden legendäre Flüge statt, an denen Juri Gagarin, Walentina Tereschkowa, Aleksej Leonow und viele andere sowjetische Helden beteiligt waren.  

Aber warum wurde gerade dieser Ort für den Bau ausgewählt? Nun, es war eine Frage der geografischen Gegebenheiten. Die Gebiete in der Umgebung sind unfruchtbar und dünn besiedelt, so dass die Raketen nicht über Großstädte fliegen und die einzelnen Triebwerksstufen über Wäldern oder Ackerland abstürzen. Ein weiterer günstiger Umstand war die Lage einer nahe gelegenen Eisenbahnlinie. In den westlichen Medien wurde das Kosmodrom häufig als „Tjuratam“ bezeichnet - ein Name, der sich von der nächstgelegenen Station (Tjura-Tam) ableitet. 

Seit dem Zerfall der UdSSR gehört das Kosmodrom Baikonur zu Kasachstan und ist nun an Russland verpachtet - zumindest bis 2050. Das Gelände ist unglaublich groß, mehr als 6.700 Quadratkilometer – dreimal so groß wie Moskau. Der Komplex beschäftigt mehr als 10.000 Mitarbeiter und hat in der Geschichte seines Bestehens fast 5.000 Starts durchgeführt.  

Plessezk - das nördlichste Kosmodrom der Welt 

In der Region Archangelsk im Norden Russlands befindet sich das Kosmodrom Plessezk (etwa 180 km südlich der Stadt Archangelsk). Er wurde 1957 gebaut und ist nach wie vor das einzige aktive Kosmodrom in Europa. Plessezk wird vor allem für den Start kleinerer Raumfahrzeuge (z. B. Wettersatelliten) sowie für die Erprobung von Raketenkomplexen genutzt. Das Kosmodrom hat mehr als 1.600 Trägerraketen ins All geschickt und 13 Raketenkomplexe getestet.  

Nach Angaben des ehemaligen Befehlshabers der russischen Raumfahrtverteidigungskräfte und ehemaligen Leiters von Plessezk, Generaloberst Oleg Ostapenko, folgen die Mitarbeiter dort gerne einer kuriosen Tradition. „Wenn die Rakete betankt wird, bildet sich auf dem Sauerstofftank ein Reiffilm, und kurz vor dem Start schreibt einer der Soldaten mit seinem Handschuh den Namen ‚Tanya‘.“ Der Legende nach war dies der Name der Freundin eines sowjetischen Soldaten. 

Wostotschni - das neueste Kosmodrom der Welt

Im Jahr 2011 wurde in der Region Amur im Fernen Osten Russlands mit dem Bau eines neuen Kosmodroms begonnen. Es erhielt den Namen „Wostotschni“ („Osten“). Der erste Startkomplex für das Trägerfahrzeug „Sojus-2“ wurde 2016 fertiggestellt und bereits für den Start von mehreren Dutzend Satelliten genutzt (einer der jüngsten Starts betraf 36 britische OneWeb-Kommunikationssatelliten). Derzeit werden ein zweiter und ein dritter Startkomplex für Trägerraketen mit unterschiedlichen Ladekapazitäten gebaut. Es gibt auch Pläne für einen nahegelegenen Flughafen außerhalb der nächstgelegenen Stadt Ziolkowski sowie für eine grundlegende U-Bahn-Linie, die die Stadt, den Flughafen und das Kosmodrom miteinander verbinden soll. Außerdem werden Führungen für Besucher organisiert, die die Starts beobachten möchten.

Kapustin Jar - ehemaliges militärisches Testgelände, heute Kosmodrom

In der Steppe von Astrachan befindet sich ein weiteres Kosmodrom, das Kapustin Jar. Ursprünglich wurde es als militärisches Testgelände für sowjetische ballistische Raketen sowie für den Start von meteorologischen Forschungsraketen genutzt. Es wurde 1947 gebaut und bereits 1956 dazu genutzt, die erste Trägerrakete mit Hunden ins All zu schicken. In den 1960er bis 1980er Jahren wurde Kapustin Jar für den Start von Weltraumsatelliten genutzt. Heute hat das Gebiet eine Hilfsfunktion. 

Jasni - das am meisten vergessene Kosmodrom

Dieses Kosmodrom in der Region Orenburg im Südural befindet sich in der Nähe der Stadt Jasni. Obwohl es erst vor relativ kurzer Zeit, im Jahr 2006, gebaut wurde, ist es nicht sehr aktiv. Seine Hauptaufgabe ist der Start von Dnepr-Trägerraketen, einem Projekt von Kosmotras - einem gemeinsamen Projekt Russlands, der Ukraine und Kasachstans. Die Raketen werden eingesetzt, um amerikanische, französische, schwedische, thailändische und koreanische Satelliten in die Umlaufbahn zu bringen. Bislang fanden nur zehn Starts statt, der letzte im Jahr 2015. 

Projekt Sojus - Weltraumbasis Guayana 

Russland arbeitet auch mit anderen Ländern auf dem Gebiet der Raumfahrt zusammen. So wurde 2003 das russisch-europäische „Sojus"-Projekt ins Leben gerufen, um gemeinsame Programme zu betreuen. Die Raumfahrzeuge werden auf dem Kosmodrom Kourou/Sinnamary in Französisch-Guayana gestartet. Der erste Start der Sojus-ST-B-Trägerrakete fand 2011 statt: Zwei europäische Galileo-Satelliten wurden in die Umlaufbahn gebracht. Inzwischen haben insgesamt 20 Starts stattgefunden, so dass sich rund 60 Satelliten in der Umlaufbahn befinden.

Swobodni - das stillgelegte Kosmodrom

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR stellte die russische Regierung die Frage nach der Errichtung eines neuen Kosmodroms, das Baikonur in Kasachstan ersetzen könnte. Im Jahr 1997 wurde in der Region Amur auf der Grundlage einer aufgelösten Raketentruppenabteilung der erste Testkosmodrom, Swobodni, errichtet. Innerhalb weniger Jahre wurden dort nur fünf Trägerraketen erfolgreich gestartet (die russische, israelische, amerikanische und schwedische Satelliten in die Umlaufbahn brachten). Doch dann begannen die Wiederaufbauarbeiten, gefolgt von Finanzierungsproblemen, und 2007 wurde das Projekt eingestellt.

Morskoj Start - das einzige schwimmende Kosmodrom der Welt

Dieses unglaublich faszinierende Gemeinschaftsprojekt von Russland, den Vereinigten Staaten, Norwegen und der Ukraine ist ein echtes schwimmendes Kosmodrom. Das Betreiberunternehmen Sea Launch hat seinen Sitz in Kalifornien, wobei die Anteile zwischen den beteiligten Ländern aufgeteilt sind. Der erste Start erfolgte 1999 von einer mobilen Plattform im Pazifik, in der Nähe des Äquators. Zum Einsatz kamen die Trägerrakete „Zenit-3SL“ und eine ehemalige Ölplattform im Meer. Insgesamt wurden 30 erfolgreiche Starts von Raumfahrzeugen und verschiedener Fracht durchgeführt. Das Unternehmen geriet jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, und heute hat Morskoj Start einen neuen Eigentümer - die russische S7-Gruppe (die auch eine der wichtigsten Fluggesellschaften des Landes betreibt). 

Im März 2020 wurde das schwimmende Kosmodrom in eine Werft im Fernen Osten überführt. Es gibt jedoch Pläne, dieses einzigartige Konstrukt zu reaktivieren. 

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