Überwachung im Büro: Der Arbeitgeber hört mit

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InfoWatch, ein russischer Entwickler für Sicherheitssoftware, bietet seit Neustem Arbeitgebern eine Lösung an, die Handygespräche ihrer Mitarbeiter abzuhören. Dies soll helfen, Daten-Leaks zu verhindern. Doch es gibt Zweifel.

Das russische Unternehmen InfoWatch, das Natalja Kasperskaja – der Exfrau von Jewgeni Kasperski, dem Guru der Cybersicherheit – gehört, hat eine Lösung vorgestellt, mit der Handygespräche abgehört werden können. Bislang gibt es nur einen Prototypen, doch die Zielgruppe ist schon jetzt klar definiert: Unternehmen respektive Arbeitgeber.

Eine Bedrohung für die Privatsphäre

Russische Behörden weisen darauf hin, dass die Nutzung einer solchen Software nur mit der Genehmigung der Mitarbeiter möglich sei. Andernfalls verletze es das Post- und Telefongeheimnis, das in der russischen Verfassung verankert ist.

So müssten gültige Arbeitsverträge künftig eine entsprechende Klausel beinhalten. Es bedürfe des expliziten Einverständnisses des Mitarbeiters, „dass der Arbeitgeber mit Hilfsmitteln den Schriftverkehr sowie Telefonanrufe – gleich ob der Mitarbeiter gerade isst, trinkt oder etwas anderes macht – überwachen wird“, forderte Nikolaj Nikiforow, Minister für Telekommunikation, in einem Interview der Zeitung „RBK“. Doch selbst wenn Mitarbeiter dies genehmigen, so warnt der Vorsitzende der Staatsduma Sergej Naryschkin, seien Missbräuche nicht auszuschließen.

Unternehmenschefin Natalja Kasperskaja ist indes überzeugt, dass die Nutzung ihres Abhörsystems nicht gegen das Gesetz verstoße. „Der in Text umgewandelte Sprachverkehr wird von einem Gerät analysiert, an diesem Prozess ist kein Mensch beteiligt. Zudem werden die Inhalte der Gespräche nicht an eine dritte Partei übermittelt“, sagte Kasperskaja der Zeitung „Kommersant“.

Schützt die Lösung vor Daten-Leaks?

Experten bezweifeln, dass die Software massenhaft zum Einsatz kommen wird. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Lösung von InfoWatch die Sicherheit von Unternehmen wesentlich steigert“, meint etwa Alexej Lukazki, Berater von Cisco in Fragen der Informationssicherheit. Um beispielsweise Daten-Leaks zu verhindern, lohne sich diese Software nicht: Die meisten Leaks aus Unternehmen kämen per E-Mail, mithilfe von USB-Sticks oder anderen Datenträgern. „Und das passiert in der Regel zufällig oder aus Versehen“, sagt Lukazki.

Der Anteil von Daten-Leaks per Telefon liege höchstens bei fünf Prozent. „Wenn jemand geheime Informationen weitergeben möchte, wird er das nicht im Büro und schon gar nicht über das Telefon am Arbeitsplatz machen“, fügt Lukazki hinzu. Der Experte glaubt daher, dass die Software eher für militärische oder staatliche Zwecke eingesetzt werden könnte.

Das Gerät wird im Büro installiert und mit dem Mobilfunknetz verbunden. „Dann fängt die Basisstation den Sprachverkehr von Handys ab, die sich in ihrer Reichweite befinden“, erklärt Kasperskaja. Die Spracherkennungs-Software übersetzt die akustischen Signale in Text und sucht in diesem nach Schlüsselworten für den Fall einer Übergabe von vertraulichen Informationen.

Laut Kasperskaja will InfoWatch seinen Kunden empfehlen, das Programm nur für die Überwachung der SIM-Karten von Diensthandys zu aktivieren. In diesem Fall werden Anrufe von anderen Rufnummern ignoriert, die Mitarbeitern oder Partnern des Unternehmens gehören.

Lizenz zum Abhören

Bereits 2012 entwickelte InfoWatch zusammen mit dem Zentrum für Sprachtechnologien eine Lösung zur Aufzeichnung und Analyse von Gesprächen aus dem Festnetz und per Skype. Die Überwachung von Handygesprächen stellte die letzte technische Herausforderung dar.

Anerkennung erhofft sich das Unternehmen durch eine Lizenz des russischen Geheimdienstes FSB, der in Russland Genehmigungen für Abhörgeräte erteilen darf. Mit einer Lizenz wäre das System von InfoWatch ganz offiziell kein Dienst zur Überwachung.

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