Die Trends vom Acker: Bio, Online, Regional

11. November 2015 Ksenija Iljinskaja
Den Großteil landwirtschaftlicher Erzeugnisse stellen in Russland Großbetriebe her. Doch sie bekommen Konkurrenz von Kleinunternehmern, die auf echte Biostandards setzen.
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4,8 Millionen Russen oder 6,7 Prozent aller Beschäftigten arbeiten laut der Statistikbehörde Rosstat in der Landwirtschaft. Quelle:Reuters

Bauernkooperative LavkaLavka

Die eigenen Produkte an den Kunden zu bringen ist für russische Landwirte das größte Problem. Denn für Werbung fehlen Bauern häufig Mittel und Zeit. Also verkaufen sie ihre Ware an einen Zwischenhändler und nehmen die Preisabschläge in Kauf. Dabei gibt es inzwischen Alternativen. Das Internetportal „LavkaLavka“ zum Beispiel. Hier können Landwirte ihre Erzeugnisse persönlich anbieten, die dem Kunden nach Bestellung bis zur Haustür geliefert werden. Das Angebot ist vielfältig: 
Gemüse der Saison, Fleisch, Milchprodukte, frischgebackenes Brot, hausgemachte Süßigkeiten.

Foto: Kommersant

"Eigentlich ist es weniger ein Shop denn ein soziales Netzwerk. Hier kommen Produzenten und Verbraucher in Kontakt“, erklärt Projektgründer Boris Akimow, der mit dem Portal kein geringes Ziel anstrebt: „So soll in Russland und in der Welt eine neue landwirtschaftliche und gastronomische Kultur entstehen.“ Vor sechs Jahren hatte der Journalist die Idee, einen kleinen Onlineshop für Bio-Lebensmittel zu eröffnen. Freunde und Verwandte waren seine ersteZielgruppe. Passende Produzenten zu finden, war anfangs aber gar nicht so einfach: „Bauern ausfindig zu machen war wirklich schwierig. Selbst auf den Straßenmärkten verkauften überwiegend Zwischenhändler. Und die wenigen Landwirte, die wir fanden, begegneten unserer Idee mit einer gehörigen Portion Skepsis.“ Sie verstanden zunächst nicht, wie das System funktioniert. „Auf unserer Webseite erhält jeder Landwirt einen persönlichen Account mit einer Shop-Funktion, über die Besucher Lebensmittel bestellen und nach Hause liefern lassen können“, erklärt Akimow. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen. Inzwischen gehören 120 Landwirte zu Lavka, das inzwischen auch sechs stationäre Lädeneröffnet hat. 

Russischer Parmesan

Käseimporte nach Russland sanken 2015 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als das Neunfache – von 385 auf 41 Tonnen –, die Produktion in Russland stieg um ein Viertel an. Nach der Verhängung des Importverbots im August 2014 kommen nun Mozzarella aus der Region Moskau und andere Käsesorten in die Supermarktregale. Doch zwischen den traditionellen Käsesorten aus dem Ausland und dem Käse russischer Massenhersteller stellen Verbraucher geschmackliche Unterschiede fest. „Es fehlt an hochwertigen Zutaten, an guter Milch. Manche Hersteller verwenden sogar Palmöl“, kritisiert der Vorsitzende des Milchproduzentenverbands Andrej Danilenko.

Foto: Ilja Pitaljow / RIA Nowosti

Käse herzustellen, der europäischen Sorten hinsichtlich Zutaten und Produktionstechnologie in nichts nachsteht, war das Ziel von Oleg Sirota. Dafür verzichtete er auf sei-ne IT-Karriere, verkaufte seine Moskauer Wohnung und gründete mit dem Erlös die Käserei Russkij parmesan bei Moskau. Der erste hergestellte Käse war ein Mozzarella, demnächst startet der Verkauf von Parmesan. Zudem stellt der Landwirt Joghurt her. Beim Aufbau seines Geschäfts half der Käsemacher Sergej Nedoresow, der über zehn Jahre Berufserfahrung in Europa verfügt. Die Milchknappheit sei in der Tat ein Problem: „Die Viehzucht ist in Russland seit 200 Jahren auf den Fettgehalt ausgelegt. Die Butterherstellung hattePriorität. Probleme gibt es mit dem Eiweiß und der Hygiene. Russische Normen sind lockerer, als es die Herstellung von Qualitätskäse 
verlangt“, erklärt der Landwirt. 
Ein Bauer mit der richtigen Milch konnte schließlich dennoch gefunden werden. Nur machen es die schlechten Dorfstraßen schwer, ihn mit dem Milchtransporter zu erreichen. Um Milchlieferungen zu beschleunigen, sucht Oleg Sirota jetzt nach einem neuen Fahrzeug.

Die Bio-Gemüsefarm von 
Iwan Nowitschichin

Der ökologische Anbau ist für viele russische Bauern ein neuer Trend, der beim Pflanzenschutz modernere Technologien erfordert. Iwan Nowitschichin aus der Region Krasnodar erhielt als erster russischer Gemüsebauer ein Bio-Siegel der Europäischen Union und gilt daher als Russlands Bio-Pionier. Von Be-ruf ist er Bauingenieur. In einem Dorf geboren, zog er für das Stu-dium in die Großstadt. Doch er 
wollte zurück, obwohl Freunde und Bekannte kein Verständnis dafür zeigten – viele verbinden mit einem Umzug aufs Land eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität. Das war Iwan Nowitschichin egal – 
2013 begann er mit seinem eigenen Gemüseanbau.

Foto aus dem persönlichen Archiv

Am Ackerbau verdienen in der Region Krasnodar viele – Agrarholdings wie Kleinbauern. Am beliebtesten ist der Kartoffelanbau nach bewährter Methode: Reichlich mineralischer Dünger sorgt für höhere Erträge. Iwan hingegen folgt den Grundsätzen der biodynamischen Landwirtschaft: Schädlinge werden nicht durch Chemie, sondern von anderen Insekten vernichtet, die Böden werden schonend aufbereitet. Unterstützung erhielt er keine: „Diese Anbaumethode ist arbeitsintensiver, bei geringerem Ertrag. Viele zeigten mir einen Vogel und sagten: So gehst du bald vor die Hunde.“ Mit seiner Familie und den Angestellten bewirtschaftet er heute 30 Hektar Land und baut 16 Gemüsearten an. Das Bio-Siegel habe geholfen, seine Produkte als eine Besonderheit zu positionieren: „Wie willst du sonst zeigen, dass deine teuren Kartoffeln besser sind als die billigeren des Nachbarn?“

Info

3,2 Prozent machte im ersten Halbjahr 2015 der Anteil von Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen an Russ-
lands Exporten aus. Von Januar bis Juli 2014 betrug er noch 2,7 Prozent.

4,8 Millionen Russen oder 6,7 Prozent aller Beschäftigten arbeiten laut der Statistik
behörde Rosstat in der Landwirtschaft. Vor zehn Jahren lag der Wert noch bei zehn Prozent oder 6,8 Millionen.

237 Milliarden Rubel (3,4 Milliarden Euro) will Russlands Regierung laut Finanzminister Anton Siluanow zur Unterstützung der Landwirtschaft ausgeben.

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