Warum hat die Sowjetunion kein eigenes Disneyland gebaut?

Anatoly Garanin/Sputnik
Der Traum des sowjetischen Oberhaupts Nikita Chruschtschow, Disneyland zu besuchen, blieb ihm während seines USA-Aufenthalts verwehrt. Aufgebracht entschied er sich daraufhin, eine sowjetische Version des berühmten Freizeitparks zu bauen.

Das erste Disneyland in Kalifornien wurde im Jahre 1955 eröffnet. Die Sowjetunion wollte auch in diesem Bereich mithalten und plante deshalb, eine eigene Version des berühmten Vergnügungsparks zu bauen.

Der erste Vorschlag, ein sowjetisches Disneyland zu schaffen, wurde von Nikita Chruschtschow gemacht, nachdem er im Jahre 1959 von seinem offiziellen Besuch der Vereinigten Staaten zurückgekehrt war. Dem sowjetischen Staatschef wurde nämlich trotz seines starken Wunsches, ein Besuch des berühmten Vergnügungsparks verweigert.

Chruschtschows Idee, Disneyland zu besuchen, war sehr spontan und kam für die Amerikaner völlig überraschend. Der Sicherheitsdienst teilte Chruschtschow mit, es gäbe nicht genug Zeit, um seine Sicherheit in Disneyland gewährleisten zu können, daher könne sein Besuch nicht zugelassen werden.

Chruschtschow war empört: „Gibt es dort eine Cholera-Epidemie oder so etwas? Oder sind Verbrecher vor Ort, die mir Schaden zufügen könnten? Für mich ist die Situation unmöglich.“

Trotz der Tatsache, dass der verärgerte sowjetische Führer Disneyland nicht persönlich zu sehen bekam, kehrte er mit der Idee nach Hause zurück, ein ähnliches Projekt für sowjetische Kinder mit dem Namen „Wunderland“ zu realisieren.

Die gesamte Sowjetunion in Miniatur

Dabei sollte sich die sowjetische Version von Disneyland unterscheiden. Während sich der amerikanische Vergnügungspark auf die vom Disneystudio geschaffene Welt der Zeichentrickfiguren konzentrierte, sollte „Wunderland“ den sowjetischen Kindern die Möglichkeit geben, ihr eigenes Land zu erkunden.

„Wunderland“ sollte die Form einer Karte der Sowjetunion haben und in seinen verschiedenen Bereichen sowjetische Territorien nachahmen. Dafür sollte eine riesige, 260 Hektar große Fläche hinter dem westlichen Teil von Moskau mit seinem Haupteingang in den so genannten „sowjetischen Fernen Osten“ genutzt werden.

Das „Ochotskische Meer“ sollte als eine Art Unterwasserkönigreich und großes Aquarium gestaltet werden, wo Menschen mit Hilfe einer Tiefseetaucherkugel auf den Meeresgrund gelangen und das Unterwasserleben genießen können. Im „Ussuri Kraj", dem südlichen Teil des sowjetischen Fernen Ostens, plante man hingegen, die Besucher durch einen riesigen Zoo zu führen.

Auf diese Art und Weise könnten Kinder mit ihren Eltern das gesamte Gebiet der Sowjetunion von Ost nach West durchqueren und interessante Gebiete, Attraktionen, Hotels, Sportplätze und noch vieles mehr zu sehen bekommen. Ebenso war geplant, Pavillons und Gebiete zu errichten, die Wüsten, Tundren, Dauerfrostböden, Küsten, Berge und undurchdringliche Wälder imitieren und damit die ganze Vielfalt der sowjetischen Natur im „Wunderland“ widerspiegeln sollten.

Eine der Hauptsehenswürdigkeiten des Parks sollte ein riesiges Modell von Moskau werden, das einen detaillierte Sicht auf die Hauptstadt mit ihren Häusern, Denkmälern und Straßen voller Menschen, Autos und Bussen bieten würde.

Kein „Wunderland“

Der neue sowjetische Vergnügungspark war als grandioses und ehrgeiziges Projekt angelegt. Die besten Architekten und führenden sowjetischen Science-Fiction-Autoren wie Alexander Kasanzew und Iwan Jefremow waren daran beteiligt. Darüber hinaus wurden sogar Spezialisten in die Vereinigten Staaten auf Erkundungsmissionen geschickt.

Der Bau des Parks wurde als „Komsomol-Schock-Bauprojekt“, ein Begriff, der für die wichtigsten Bauarbeiten des Landes – darunter befanden sich Kernkraftwerke, riesige Seehäfen und neue Städte – verwendet wurde.

Das für „Wunderland“ zur Verfügung gestellte Budget hatte mit insgesamt 600 Millionen Rubeln (etwa 8,5 Millionen Euro) ebenso enorme Ausmaße. Zum Vergleich: Das Durchschnittsgehalt eines Bürgers in den frühen 1960er Jahren betrug 85 Rubel (etwa 1,20 Euro), ein neues Auto kostete 3 000 bis 5 000 Rubel (etwa 43 bis 71 Euro).

„Wunderland“ sollte im Sommer täglich 300 000 Besucher und im Winter 200 000 Besucher willkommen heißen.

Nichtsdestotrotz wurde das Projekt, das von Nikita Chruschtschow vollständig genehmigt und dessen erster Teilbetrag bereits ausgezahlt wurde, nie umgesetzt. Der Grund dafür war Chruschtschows Absetzung im Jahr 1964, als die meisten seiner Projekte gestrichen und vergessen wurden. Danach wurde die Idee eines sowjetischen Disneylands nie wieder aufgegriffen.

>>>Neuland-Kampagne: Wie Chruschtschow die Sowjetunion abspeisen wollte

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