Über die Teufelsbrücke: Wie Russland für die Unabhängigkeit der Schweiz kämpfte

Geschichte
ALEXEJ TIMOFEJTSCHEW
Vor mehr als 200 Jahren kämpften russische Soldaten unter der Führung von Oberbefehlshaber Alexander Suworow in der Schweiz, weil beide Länder einen gemeinsamen Feind hatten – Napoleons Armee.

„1799 befahl der russische Zar einem siegreichen Feldherrn, sich von den italienischen Schlachtfeldern abzuwenden und in die Schweiz weiterzuziehen, um gegen die Franzosen zu kämpfen. Dieser General hieß Alexander Suworow. Der dramatische Feldzug, den er in den Schweizer Alpen austrug, wurde schon bald zur Legende, die bis heute überdauert hat“, stellt ein Schweizer Museum die Ausstellung über den russischen Befehlshaber vor.

„Wie ein Reh – oder besser“

Zu dieser Zeit schloss sich Russland mit Österreich und Großbritannien zusammen, um die französische Armee zu bekämpfen, die zu der Zeit ein Land nach dem anderen auf dem Kontinent unterjochte. In Italien besiegte Suworow die Franzosen sogar mehrmals und annullierte damit die früheren Siege Napoleons.

Wien gefiel jedoch die erstarkende Position Russlands in Italien nicht und es bestand darauf, Suworows Truppen in die Schweiz zu schicken, um dort aus russischen und österreichischen Regimentern eine Einheit zu bilden und die französische Armee von Militärkommandeur André Masséna zu bekämpfen. Um schnell dorthin zu gelangen, wählte der russische Befehlshaber den Weg durch einen serpentinenförmigen, engen Alpenpass, der zudem von den Franzosen kontrolliert wurde. Obwohl Suworows Plan einer selbstmörderischen Mission glich, sagte er selbstsicher: „Wo ein Reh einen Weg findet, wird auch ein russischer Soldat einen Weg finden; wo ein Reh keinen Weg findet, wird ein russischer Soldat trotzdem einen Weg finden.“

Die Teufelsbrücke

Suworow und seine 20 000 Soldaten kämpften sich bis zum Gotthardpass vor, wo sie die Franzosen besiegen konnten. Die Teufelsbrücke jedoch, die über einen reißenden Gebirgsfluss führte, war sehr schmal und von den Franzosen schwer beschädigt worden. Sie stellte also ein enormes Hindernis dar.

„So etwas hält Sieger jedoch nicht auf. Die Offiziere haben Planken gefunden und sie mit Schals zusammengebunden und die Soldaten rennen [über der Brücke], die von den Gipfeln in den Abgrund führt, um den Feind zu erreichen und ihn zu besiegen“, schrieb Suworow später an Kaiser Paul den Ersten. Die Bretter dafür waren zuvor aus einer nahe gelegenen Scheune entnommen worden.

Als die russischen Truppen schließlich hungrig, frierend und verletzt bei Altdorf ankamen, nachdem sie trotz des Beschusses der Franzosen die Brücke überquert hatten, erwartete sie eine weitere böse Überraschung: Es gab keine Straße, sondern nur zwei Bergwege, für deren Überquerung heutzutage eine besondere Ausrüstung erforderlich wäre. Suworow gab seinen österreichischen Verbündeten die Schuld, die ihm nichts von der Route erzählt hatten.

„Aber wir sind Russen“

Die erschöpfte Armee musste einen 2 000 Meter hohen Pass überqueren und sich zeitgleich den französischen Angriffen widersetzen.

„Man musste Mut haben, um die Entscheidung bei Altdorf zu treffen. Um diesen Weg zu gehen, brauchte man uneingeschränktes Vertrauen in seine Truppen“, schrieb der damalige russische Verteidigungsminister Dmitri Miljutin.

Viele Männer verloren bei der Überquerung ihr Leben, indem sie vom Bergpfad herunterfielen, aber auch der Verlust vieler Pferde und jeder Menge Munition wurde beklagt. Als die Truppen schließlich glaubten, das Unmögliche geschafft und das Tal von Muotathal erreicht zu haben, ereignete sich ein weiterer Unglücksfall: Die russischen Truppen in der Schweiz wurden, nachdem die österreichische Armee sie im Stich gelassen hatte, von den Franzosen besiegt, und Suworows Regimenter von den zahlreicheren Truppen des künftigen Marschalls der Grande Armée, André Masséna, umzingelt.

Suworow verspürte das Bedürfnis, sich an seine Offiziere zu wenden. „Wir sind von Bergen umgeben... und von einem starken Feind, der stolz auf seinen früheren Sieg ist. [Es ist lange her] seit sich die russischen Truppen in so einer bedrohlichen Situation befanden... Wir können nicht mit Hilfe rechnen. Wir können uns nur auf Gott und auf die außergewöhnliche Tapferkeit und Hingabe unserer Truppen verlassen. Wir werden viel Leid ertragen müssen! ... Aber wir sind Russen! Gott ist mit uns! Retten wir die Ehre Russlands und seines Herrschers! Retten wir seinen Sohn“, rief der Befehlshaber und verwies auf die Tatsache, dass Konstantin, der Sohn des Zaren, Teil von Suworows Armee war.

Der unglückselige Angriff

Am 1.Oktober startete die doppelt so große Armee von Masséna ihren Angriff. Der russische Gegenangriff traf sie jedoch schnell und heftig, sodass die französischen Truppen sich geschlagen geben mussten. Masséna selbst entkam nur knapp der Gefangennahme durch einen russischen Soldaten, der ihn am Kragen packte und dabei eine seiner Schulterklappen abriss.

Suworow gelang es, der Blockade zu entkommen und drei Viertel seiner Armee zu retten. Miljutin betont: „Dieser unglückliche Feldzug hat der russischen Armee mehr Ruhm gebracht als der bedeutendste Sieg.“

„Ich würde sofort all meine Siege gegen Suworows Feldzug in der Schweiz eintauschen“, gestand (rus) Masséna später.

Heute findet man sechs Museen entlang der Suworow-Route in der Schweiz.

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