Wahr oder falsch: Kamen die Russen zu spät zu den Olympischen Spielen 1908?

Geschichte
OLEG JEGOROW
Trotz viel Chaos waren die russischen Sportler bei Olympia 1908 erfolgreich. Aber, was ist dran an der Behauptung, dass sie zu spät anreisten?

Die Olympischen Spiele sind heute ein weltweites Spektakel im Zeichen von Sport und Völkerverständigung. Zwei Wochen kämpfen Athleten aus aller Welt um Medaillen. Davor gibt es eine beeindruckende Eröffnungsfeier und am Ende eine nicht weniger beeindruckende Schlussfeier. 

Erinnern Sie sich noch an die Olympischen Spiele in London 2012? James Bond springt mit Queen Elisabeth II. aus dem Helikopter und landet an Fallschirmen sicher im Stadion. Dass es sich dabei um Schauspieler gehandelt hat, macht es nicht weniger großartig. Beatle Paul McCartney performte „Hey Jude” vor den begeisterten Zuschauern. 

London war schon einmal Schauplatz von Olympia, und zwar im Jahr 1908, vor mehr als einem Jahrhundert. Doch anders als 2012, erwartete die russischen Sportler nicht zwei Wochen Perfektion, sondern Chaos, und das für ein halbes Jahr, denn so lange dauerten die Spiele damals. 

Die olympische Bewegung 

Es lag nicht an den Briten. Damals nahm die olympische Bewegung gerade an Fahrt auf. Baron Pierre de Coubertin hatte 1894 das Internationale Olympische Komitee gegründet. Olympische Disziplinen und das Regelwerk waren noch nicht fest in Stein gemeißelt. Die Spiele 1908 dauerten sechs Monate, vom 27. April bis 31. Oktober. Eislaufen war damals eine der vertretenen Sportarten. Separate Winterspiele gab es noch nicht. 

Leider ist offiziell nur wenig überliefert von dieser Olympiade. So ist noch immer nicht bewiesen, ob die Türkei, damals das Osmanische Reich, teilgenommen hat. Dan Lewis schreibt für „Sports Illustrated“: „Sicher kann man das nicht sagen. In einigen Dokumenten taucht der Name Mr. Moullos auf. Dies könnte ein Vertreter des Osmanischen Reiches gewesen sein. In den offiziellen Listen taucht weder er, noch ein anderer türkischer Name auf.” 

Russland erwies sich schon 1908 als erfolgreicher Olympiateilnehmer. Der Eisläufer Nikolai Panin-Kolomenkin gewann das erste olympische Gold für Russland und zwei andere Athleten holten die Silbermedaille im Ringen. 

Eine Frage muss jedoch geklärt werden. Ist es wahr, dass die Russen zu spät zu Olympia kamen? 

Eine Frage des Kalenders 

Worum geht es bei dieser Frage? Bis 1918 lebte Russland nach dem (alten) julianischen Kalender, der zwei Wochen hinter dem modernen gregorianischen Kalender zurückblieb, der in Europa und Nordamerika verwendet wurde. Daher trafen die russischen Sportler auch erst zwei Wochen nach Beginn der Spiele in London ein. Zum Glück dauerten diese noch einige Monate länger. 

„Die russischen Olympioniken haben nicht daran gedacht, dass Großbritannien schon 200 Jahre zuvor auf den gregorianischen Kalender umgestellt hatte. Als die russische Delegation mit der Anmeldung begann, stellte sich heraus, dass die Olympischen Spiele bereits sehr gut liefen und einige Wettbewerbe schon beendet waren”, schreibt das russische Nachrichtenportal „Lenta.ru”. 

„Sports Illustrated” berichtet: „Am 11. Juli 1908 haben die USA Großbritannien beim Schießwettbewerb geschlagen und die Goldmedaille geholt. Die Russen erschienen gar nicht in der Gesamtwertung. Nicht, weil sie nicht gut genug Sportler stellten, sondern weil sie überhaupt nicht anwesend waren. Sie hatten sich am falschen Kalender orientiert und sind mit zweiwöchiger Verspätung in London angekommen.” 

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Ein großes Durcheinander 

Alle diese oben genannten Veröffentlichungen zu Olympia 1908 sind aus dem 21. Jahrhundert. In den offiziellen Dokumenten wird die russische Verspätung nicht erwähnt. So enthält der offizielle Bericht über die Olympischen Spiele von 1908 zum besagten Schießwettbewerb tatsächlich keinen Hinweis auf die russischen Olympioniken. Doch war deren Teilnahme daran überhaupt vorgesehen?

Sollte wirklich niemand in Russland auf die Idee gekommen sein, die Kalender abzugleichen? Man lebte bereits seit 200 Jahren nach dem julianischen Kalender und war die Abweichungen zum europäischen, gregorianischen, gewöhnt.

Der Punkt ist wohl, dass es damals gar keine offizielle russische Abordnung zu den olympischen Spielen gegeben hat. Dies erklärte Nikolai Panin-Kolomenkin, der Goldmedaillengewinner von 1908, in seinen Memoiren: „Fast alle Staaten hatten ein nationales Olympiakomitee. Dieses stand im Austausch mit den verschiedenen Sportorganisationen des Landes. In Russland gab es nur individuelle Athleten. Diese kamen mit der Unterstützung ihrer Heimatvereine oder ganz unabhängig nach London.”

Die Aussage, dass die russische Olympiamannschaft zu spät zu den Spielen kam, wäre demnach falsch, denn es gab noch gar keine russische Olympiamannschaft. Das Nationale Olympische Komitee Russlands wurde erst drei Jahre später, 1911, gegründet. 

Ein heimlicher Olympia-Held 

Kolomenkin selbst war eine herausragende Persönlichkeit: Er war ein talentierter Sportler (neben Eislaufen war er auch ein Champion im Schießen). Wenn er ein halbes Jahrhundert später geboren worden wäre, hätte er das Potential gehabt, ein internationaler Star zu werden. 

Was die späten 1890er/frühen 1900er Jahre anbelangt, so wurde Sport im russischen Reich nicht als ernstzunehmende Profession betrachtet und gering geschätzt. Kolomenkin, der auch ein Regierungsbeamter war, musste seine sportlichen Ambitionen heimlich ausleben. Daher trat er unter dem Pseudonym „Panin” an. 

Ohne jede staatliche Unterstützung, ganz auf sich gestellt, eroberte er als erster russischer Athlet Olympiagold. Dabei war seine Disziplin so schwierig, dass sie später erstmal aus dem olympischen Programm gestrichen wurde. Damals mussten die Eisläufer sehr komplizierte und schwierige Figuren aufs Eis zeichnen. 

Nach seiner Rückkehr wurde Panin-Kolomenkin trotz seines Erfolges nicht etwa als Held gefeiert, sondern bekam Ärger mit seinen Vorgesetzten, die ihn zwangen, das professionelle Eislaufen aufzugeben. 

Später arbeitete er in der UdSSR sehr erfolgreich als Trainer und verfasste mehrere Bücher zum Thema Sport. 

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