Noch vor Hannibal: Die ersten Schwarzen im Russischen Reich

Eremitage; Victoria and Albert Museum
Hannibal war einer der einflussreichsten Mauren am Hofe von Zar Peter dem Großen. Schwarze wurden in Russland nicht versklavt. Bei Hofe waren sie beliebt und trugen die prächtigsten Uniformen.

In Russland gab es keine schwarzen Sklaven oder überhaupt Sklaverei. Die herrschende Klasse hatte Leibeigene, die im Unterschied zu Sklaven Besitz haben durften und nicht gänzlich rechtlos waren. 

„Am Morgen der Hinrichtung der Strelizen“ von Wassili Surikow

Die ersten Schwarzen in Russland sorgten für Staunen aufgrund ihrer Exotik und der Herkunft aus Übersee. Man begegnete ihnen mit Neugier. In Wassili Surikows Gemälde „Am Morgen der Hinrichtung der Strelizen“ sieht man am rechten Bildrand hinter dem jungen Zaren Peter eine mit rotem Samt gepolsterte Kutsche, aus der eine Frau schaut, die Peter zur Hinrichtung begleitet hat. Auf den Trittbrettern der Kutsche stehen zwei dunkelhäutige Pagen. Sie tragen Turbane, die mit blauen Federn geschmückt sind. Könnte einer von ihnen Abraham Hannibal gewesen sein, bekannt als der Urgroßvater des großen Dichters Alexander Puschkin? Unwahrscheinlich. 

Hannibal soll entweder 1698 von Peter selbst aus Europa mitgebracht oder ihm im Jahr 1705 zum Geschenk gemacht worden sein. Doch er war nie im Gefolge der russischen Prinzessinnen. Waren schwarze Diener also schon Ende des 17. Jahrhunderts keine Seltenheit mehr? Die ersten dunkelhäutigen Bediensteten von Peter I. werden vom Historiker Iwan Sabelin erwähnt. Sie hießen Tomos, Sek und Abraham. Mehr ist leider nicht über sie bekannt. 

„Er war schwarz wie die Nacht“

Peter der Große mit seinem Pagen Abraham Hannibal

Im Gefolge europäischer Könige tauchten schwarze Pagen schon zu Zeiten der Kreuzzüge auf. In dieser Funktion waren sie auch in Russland beschäftigt. Es gibt Hinweise darauf, dass Schwester Martha in ihren Gemächern mit Mauren lebte. Martha war die Mutter des ersten Zaren aus der Romanow-Dynastie, Michail Fjodorowitsch. Im Frauentrakt des Palastes dienten Schwarze ebenso wie Zwerge, heilige Narren und umherziehende Pilger der Unterhaltung der gelangweilten adeligen Fräuleins, die gezwungen waren, nahezu ihr gesamtes Leben in der Abgeschiedenheit zu verbringen.

Laut Iwan Sabelin hießen die Schwarzen an Michail Fjodorowitschs Hof Murat und David Saltanow. Er stattete sie verschwenderisch mit Kleidung aus. An Michails Hof hielten sich auch einige Mauren auf, die mit den Elefanten, die orientalische Herrscher gerne den Russen als Geschenk machten, gekommen waren. Aufzeichnungen zufolge lebte 1625 und 1626 am Hofe Tchan Iwraimow, der den Zaren mit Vorführungen eines Elefanten unterhielt.    

Ein Porträt von Iwan Hannibal, dem Sohn von Abram Hannibal, von Dmitri Lewizki

Michails Gemahlin Eudoxia ließ eine schwarze Frau im Palast leben und Zar Alexei Michailowitsch hatte Saweli, einen Schwarzen, der innerhalb von nur einem Jahr die russische Sprache, die damals noch viel schwieriger war als heutzutage, erlernte. Er konnte heilige Verse auf Russisch lesen, schreiben und singen. 

Noch im 17. Jahrhundert wurden die Mauren bei Hofe ausgebildet, um die Adeligen zu belustigen und zu unterhalten. Erst Alexei Michailowitschs Sohn Peter der Große ermöglichte es den Mauren, und auch Angehörigen anderer Nationalitäten, in Russland auch abseits des Hofes voranzukommen. Abraham Hannibal war der erste Schwarze, der in Russland Karriere machte. 

Vor 1714 wurde er zunächst noch unter den Hofnarren geführt, doch Peter I. muss bald darauf die Talente des jungen Mannes erkannt haben. Er übertrug ihm verschiedene Aufgaben und schickte ihn zum Ingenieurstudium nach Frankreich. In späteren Jahren unterrichtete Hannibal die Russen in Mathematik und Ingenieurwissenschaften und unter Kaiserin Elizabeth Petrowna wurde er Oberbefehlshaber für Seefestungen und Kanalbau. Ohne Zweifel war Hannibal ein herausragender Mensch - am Ende seines Lebens war er General und Oberhaupt einer großen Familie geworden, und er war der erste in Russland, der auf seinem eigenen Landgut Kartoffeln anbaute.

Mauren am Hofe des Zaren 

Die tägliche Uniform der Mauren des kaiserlichen Hofes

Mitte des 18. Jahrhunderts gab es bereits einige Schwarze mit Posten bei Hofe. Katharina I. hatte sechs Mauren, die sie oft begleiteten, wenn sie aus ihrer Kutsche stieg. Am Hof von Anna Iwanowa lebten vier. Unter Elisabeth Petrowna dienten sie als Kuriere, Heizer und Musiker und begleiteten sie, während sie ihrem liebsten Hobby, der Jagd, nachging. 

Unter Katharina II. stieg die Zahl der Mauren bei Hofe auf zwei Dutzend und es wurde eine neue Position geschaffen: „Maure des kaiserlichen Hofes“. Anfangs wurden Inhaber dieser Position als „Araps“ bezeichnet, aber im 19. Jahrhundert wurde es üblich, die Schreibweise „Araber“ zu verwenden, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass ethnische Araber unter ihnen waren. Für diesen Posten wurden möglichst große Männer mit möglichst dunkler Haut ausgewählt. Zum Amtsantritt mussten sie zum Christentum, entweder orthodox oder katholisch, konvertieren. 

Elisabeth Petrowna mit einem maurischen Jungen von  Georg Christoph Grooth

Mauren begleiteten den Hofstaat auf Reisen. Ihre Hauptaufgabe war es, den Monarchen bei offiziellen Anlässen die Türen aufzuhalten. Die Mauren trugen die prächtigsten Uniformen bei Hofe. Professor Igor Simin zufolge „waren Ende des 19. Jahrhunderts unter Alexander III. die zeremoniellen Uniformen der Mauren die teuersten unter den Bediensteten am Hof und kosteten der Staatskasse 543 Rubel.“ Nur die Uniform eines Kammerherren, der für alle Bediensteten verantwortlich war (408 Rubel), und eines Leibwächters (418 Rubel) reichten an diesen Betrag heran. Im Vergleich dazu kostete ein gewöhnlicher Herrenanzug zu dieser Zeit zehn bis 15 Rubel. 

Die Löhne der „Mauren am kaiserlichen Hof“ lagen zwischen 600 Rubel für einen Junior und 800 Rubel für einen Senior. Damit wurde nur die Erfahrung beschrieben, kein Alter. „Kleine Araps“, dunkelhäutige Kinder, gab es im 19. Jahrhundert nicht mehr im Palast, nur noch Erwachsene.  

Als John Quincy Adams im Oktober 1809 als US-Botschafter in St. Petersburg ankam, erschienen mit ihm auch die ersten schwarzen Amerikaner am kaiserlichen Hof. Unter ihnen war Nero Prince, einer der Gründer der Afrikanischen Freimaurerloge in Amerika. Seine Frau Nancy Prince begleitete ihn. Die Familie hatte einen komfortablen Lebensstil und sogar Diener.

Anna Ioannowna mit einem maurischen Jungen von Carlo Bartolomeo Rastrelli

Nancy beschrieb (eng) später ihre Erlebnisse in Russland. Sie war bei vielen Festen und Zeremonien am Hofe anwesend und erlebte auch die Flut in St. Petersburg von 1824 sowie den Dekabristen-Aufstand in 1825. Sie überraschte die Russen mit ihrer Weigerung, auf Feiern zu tanzen, was sie für eine Sünde für einen Christen hielt. Es gelang den Russen auch nicht, Nancy vom Gegenteil zu überzeugen. 1833 kehrte sie nach Amerika zurück, da ihr das Klima in St. Petersburg zu hart war. 1836 folgte ihr Ehemann, nachdem er fast 20 Jahre am russischen kaiserlichen Hof gedient hatte.

Die Wasserpfeife seiner Majestät  

„Der Vorraum im Zarenpalast in Zarskoje Selo“ von Mihály Zichy, 1865

Im Winterpalast verrichteten die Mauren ihren Dienst üblicherweise in der Arabischen Halle. Ihr Tag war entspannt, es gab wenig zeremonielle Ereignisse, bei denen sie Türen hätten öffnen müssen. Manchmal begleiteten sie Gäste zu den Gemächern des Kaisers.  

Während der Regierungszeit von Alexander II. hatten die Mauren eine weitere ständige Aufgabe:  eine Shisha-Pfeife für den Kaiser vorzubereiten. Alexander hatte Verdauungsprobleme und das Rauchen half ihm. Außerdem rauchte der Kaiser einfach gern und schätzte die Mauren am Hof für die Tabakmischungen, die sie zubereiteten.

Eine weitere traditionelle Aufgabe der Mauren bestand darin, Geschenke unter den Weihnachtsbaum im Winterpalast zu verteilen. Die Mauren sollten die Heiligen Drei Könige symbolisieren. 

George Maria, einer der Maure des kaiserlichen Hofes, mit seiner Frau und Kindern

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Budget für die Mauren bei Hofe gekürzt. Es blieben nur vier im ständigen Dienst. Die Nachkommen der Mauren des kaiserlichen Hofes heirateten häufig russische Frauen. Viele ihrer Nachkommen leben noch heute in St. Petersburg. 

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