Verrückt im Namen des Herrn: Heilige Narren im alten Russland

„Basilius der Selige, Moskauer Wundertäter“ von Witalij Grafow, 2006

„Basilius der Selige, Moskauer Wundertäter“ von Witalij Grafow, 2006

Witalij Grafow/v-grafov.ru
Nackt und schmutzig, fortwährend Gebete sprechend: die heiligen Narren waren ein Phänomen im Russland des 16. Jahrhunderts. Sie durften ungestraft den Zaren beleidigen und waren Ehrengäste bei Hofe. Auch die Landbevölkerung bewunderte diese göttlich inspirierten Verrückten.

Als sich 1570 Zar Iwan der Schreckliche mit seiner Armee der Stadt Pskow näherte, wollte er die Einwohner für ihren wiederholten Ungehorsam grausam bestrafen. Das war sein Plan. Obwohl ihnen ein Massaker drohte, gingen die Bürger von Pskow mit Brot und Salz im Gepäck Iwan entgegen, um ihn zu begrüßen. 

Nach den Chroniken soll nun etwas seltsames geschehen sein: ein nackter schmutziger Mann soll aus der Menge herausgetreten sein und dem Zaren ein Stück rohes Fleisch überreicht haben. Dann sprach er: „Hält Iwaschka es für eine Sünde während der Fastenzeit solch ein Stück tierischen Fleisches zu essen, obwohl er so viel menschliches Fleisch gegessen hat? Ist das etwa keine Sünde?“ Er meinte damit die vielen Gräueltaten Iwans bei der Unterwerfung der russischen Städte. 

Wer wagte es, gegenüber dem Zaren so frech aufzutreten und damit davonzukommen? Das konnte nur ein heiliger Narr sein.

In diesem Falle war es Nikolaus Salos aus Pskow. Salos stammt aus dem Griechischen und bedeutet „heiliger Narr“.  Seine Worte sollen Iwan veranlasst haben, die Stadt Pskow zu schonen. 

Heilige Narren im alten Russland 

„Alexander von Mazedonien mit Diogenes von Sinope“ von Iwan Tupylew

In der ostorthodoxen Tradition wurden diese heiligen oder gesegneten Narren Jurodiwy genannt. Ihre Verrücktheit galt nicht als Folge von Geisteskrankheit, sondern als göttlich inspiriert. Daher wurde auch strikt zwischen heiligen Narren und Spaßvögeln oder Hofnarren unterschieden. Während Letztere nur zu bestimmten Zeiten ein albernes oder provokatives Verhalten an den Tag legten, wirkten die göttlichen Verrückten immer entrückt. Im 16. Jahrhundert erlebte das Narrentum im Geiste Christi seinen Aufschwung. Ursprünglich kam es aus Byzanz.

Der berühmteste der heiligen Narren ist Basilius von Moskau, Namenspatron der Kathedrale am Moskauer Platz. Er vereinte alle für einen solchen heiligen Narren typischen Verhaltensweisen. Er lief nackt umher, tobte über die Märkte und zerstörte an den Ständen Töpfe und Geschirr und mahnte den Zaren, weniger grausam zu sein. 

In der Basilius-Kathedrale in Moskau

Heilige Narren eiferten Christus nach, der ebenfalls keinen Wert auf Materielles legte, predigte und von den Machthabern verfolgt wurde. 

Zar Iwan förderte dieses Phänomen und war sogar Sargträger bei Basilius. Er war der erste Moskauer Zar, der seine Religiosität und Frömmigkeit zeigte. Die heiligen Narren galten in der griechisch-orthodoxen Tradition als die wahrhaftigsten und selbstlosesten Gläubigen. Ihre Unterstützung war ein Element von Iwans sozialem und religiösem Engagement. 

Heilige oder Scharlatane? 

Das heilige Narrentum blühte unter Fjodor I. (1557-1598), Sohn Iwans des Schrecklichen, richtig auf. Er war ein stiller und sehr frommer Herrscher. Nach der Thronbesteigung Fjodors sollen an Basilius’ Grab wundersame Erscheinungen beobachtet worden sein. Er wurde deshalb 1588 heiliggesprochen. Seine Gebeine wurden auf dem Friedhof der Kathedrale der Fürbitte am Wassergraben bestattet, die von da an Basilius-Kathedrale hieß. 

Wo es jedoch Heilige gibt, gibt es auch Sünder. Bereits in den 1630er Jahren erkannten die Kirchenbehörden, dass das Phänomen der heiligen Narren oft von Betrügern ausgenutzt wurde. Der Patriarch Joseph schrieb 1636: „Manche geben vor, schwachsinnig zu sein, und dann findet man heraus, dass sie völlig gesund sind.“ Im Jahr 1646 verbot er heiligen Narren, Kirchen zu betreten.

Maxim der Selige von Moskau

In der Öffentlichkeit des 17. Jahrhunderts blieben sie jedoch weiter populär und auch in Herrscherpalästen waren sie, trotz einiger schwarzer Schafe unter ihnen, gern gesehene Gäste. 

Der griechisch-orthodoxe Priester und Chronist Paul von Aleppo, der zwischen 1654 und 1656 Russland besuchte, nahm an einer Feierlichkeit beim Patriarchen Nikos teil und beobachtete, wie ehrfürchtig dieser gegenüber einem dieser heiligen Narren auftrat. „An diesem Tag saß der Patriarch neben einem Salos, einem der nackt durch die Straßen läuft. Doch man bringt ihm hier großes Vertrauen und großen Respekt entgegen. Er wird als heiliger und tugendhafter Mann über alle Maßen verehrt. Sein Name ist Zyprian; die Menschen nennen ihn einen Mann Gottes. Der Patriarch reicht ihm das Essen und der Patriarch trinkt aus demselben Becher wie der heilige Narr. Mehr noch, er behält stets die letzten Tropfen eine Weile im Mund, um etwas von der Heiligkeit des Narren aufzunehmen. Das ging während des gesamten Mahls so. Wir waren überrascht.“ 

Die Basilius-Kathedrale in Moskau

Untergang und Widererstarken 

Die Überraschung des Erzdiakons war verständlich. Zu dieser Zeit betrachtete die griechisch-orthodoxe Kirche mittlerweile fast alle heiligen Narren als Betrüger. 1666 besuchte Paulus Moskau erneut, um an der Großen Moskauer Synode teilzunehmen, die in einem besonderen Kanon die heiligen Narren verurteilte.

Allmählich ließ die Verehrung für sie nach. Ab 1659 wurde zum Beispiel Basilius‘ nicht mehr in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Kreml gedacht, sondern nur noch in seiner Begräbniskirche. 

Peter der Große verlieh den Verrückten im Namen des Herrn einen heftigen Schlag und fällte ein hartes Urteil. Er schrieb: „Diese Dummköpfe… fügen dem Vaterland großen Schaden zu. Überlegen Sie doch mal, wie viele tausend dieser faulen Bettler in Russland sind ... die unverschämt Demut vorgeben und auf Kosten anderer leben … Es gibt keine gesetzloseren Menschen!” 

„Basilius der Selige“ von Sergei Kirillow, 1994

Im 18. Jahrhundert drohte heiligen Narren nicht mehr Bewunderung, sondern Folter und Gefängnis.  Im Zuge des Wiedererstarkens des orthodoxen Glaubens und der russisch-orthodoxen Kirche in der postsowjetischen Ära erlebte das Phänomen eine Renaissance. Erst sprach der Rat der russisch-orthodoxen Kirche die selige Xenia von St. Petersburg, die im 18. Jahrhundert wirkte, heilig. Und dies war nicht der letzte derartige Fall in der jüngeren russischen Geschichte.  

>>> Heilige und Ikonen: Drei Wundergeschichten der russisch-orthodoxen Kirche

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