Warum tragen Frauen in orthodoxen Kirchen ein Kopftuch?

Wladimir Gerdo/TASS
Dieses Gebot geht auf den Apostel Paulus zurück. Weltweit befolgen nur noch wenige Christen diese Tradition, doch die russisch-orthodoxe Kirche besteht darauf.

Wenn Sie in der orthodoxen Tradition in Russland aufgewachsen sind und auch regelmäßig in die Kirche gehen, dann wären Sie beim Besuch eines katholischen oder protestantischen Gotteshauses in Europa wohl schockiert. Denn dort betreten Frauen die Kirche ohne Kopftuch! Das ist ein Unding in der Orthodoxie.

Zwar würde wohl niemand so weit gehen und eine Frau mit blankem Haupt aus einer orthodoxen Kirche werfen, doch Sie müssten damit rechnen, eine Menge missbilligende und gar strafende Blicke zu ernten, vor allem von den Babuschkas, die sie jederzeit in jeder orthodoxen Kirche antreffen werden. Das Tragen eines Kopftuches ist Pflicht in einer orthodoxen Kirche! 

Maßgebliche Quellen 

Historisch gesehen gab es die Tradition der weiblichen Kopfbedeckung schon in der Antike. Im ersten Korintherbrief (1. Korinther 11) sagt der Apostel Paulus: „Jede Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren.“ Im 1. Jahrhundert waren kurze Haare oder gar rasierte Köpfe bei Frauen verpönt. Der russische Theologe Sergei Chudiew erklärt: „In der antiken Kultur galt das Haar als ein Zeichen von Schönheit und Weiblichkeit. Eine Frau, die ihr Haar bedeckte, zeigte Bescheidenheit.“ Die griechischen Hetären, Kurtisanen, gingen ohne Kopfbedeckung. Verheiratete Frauen trugen stets etwas, um ihr Haar zu verbergen, und zeigten so, dass sie sich ihrem Ehemann unterwarfen.

Paulus‘ Worte zementierten die Tradition: Gottesfürchtige Frauen bedecken ihre Köpfe. Was nun 2000 Jahre alt ist, gilt in der russisch-orthodoxen Kirche noch immer. Patriarch Kirill erklärte kürzlich in einem Interview: „Warum sollen Frauen in der Kirche ein Kopftuch tragen? Weil es in der Kirche um das Gebet geht. Eine schöne Frau mit offenem Haar erregt auf natürliche Weise die Aufmerksamkeit und lenkt vom Gottesdienst ab.“ 

Andere Regelungen 

In vielen anderen christlichen Religionsgemeinschaften auf der Welt, gibt es keinen Kopftuchzwang für Frauen beim Gottesdienst. Sogar die römisch-katholische Kirche, so konservativ sie auch sein mag, erlaubte barhäuptige Frauen durch das Zweite Vatikanische Konzil von 1962-1965.

Der russische und katholische Priester Kirill Gorbunow sagt, dass die Kopfbedeckung „in der modernen Kultur völlig ihren Sinn verloren“ habe. Die osteuropäischen Christen der Orthodoxie sehen das noch immer anders, auf jeden Fall die russischen. 

In anderen orthodoxen Kirchen außerhalb Russlands, etwa in einigen Balkanstaaten, hält man an der Tradition nicht mehr fest. Doch aus ganz anderen Gründen. Dort will man Parallelen zum Hidschab, den muslimische Frauen tragen, vermeiden. 

Da Russland in seiner Geschichte jedoch keine bitteren Erfahrungen mit einer Islamisierung gemacht hat, wird das Kopftuchgebot wohl noch lange fortbestehen.    

>>> Warum selbst Ungläubige in Russland ihre Kinder taufen

>>> Säkularismus: Wie unabhängig voneinander sind Staat und Kirche in Russland?

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung ausschließlich unter Angabe der Quelle und aktiven Hyperlinks auf das Ausgangsmaterial gestattet.

Weiterlesen

Diese Webseite benutzt Cookies. Mehr Informationen finden Sie hier! Weiterlesen!

OK!