Wie ein russischer General Napoleons Leben rettete

Geschichte
BORIS JEGOROW
Wäre Graf Pawel Schuwalow nicht gewesen, hätten sowohl Napoleons berühmte „Hundert Tage“ als auch die Schlacht von Waterloo verhindert werden können.

Im Frühjahr 1814 ging das französische Reich zu Ende: Die Koalitionsstreitkräfte nahmen Paris ein, Napoleon dankte ab und die Bourbonen waren wieder auf dem französischen Thron.

Als Zeichen des Respekts für den Mann, der einst ganz Europa beherrschte, ließen die Alliierten Bonaparte den Titel eines Kaisers behalten. Der einzige Ort, an dem er regieren konnte, war die kleine Mittelmeerinsel Elba. Ende April ging Napoleon ins Exil, nachdem er sich von den Soldaten seiner Garde im Palast von Fontainebleau verabschiedet hatte. Seine Route führte ihn durch ganz Frankreich zum Hafen von Fréjus, wo ein Schiff darauf wartete, ihn nach Elba zu bringen.

Der gestürzte Kaiser reiste in bescheidener Weise in einer einfachen Kutsche, begleitet von einer kleinen bewaffneten Garde und mehreren Kommissaren, die ihm von den Alliierten eigens zugewiesen worden waren. Zar Alexander I. entsandte Generalleutnant Pawel Schuwalow, um Bonaparte zu begleiten. Es war Schuwalow, dem Napoleon sein Leben zu verdanken hatte.

Russland gegen Napoleon

Als Napoleons Grande Armée über die Grenzen in das russische Reich einmarschierte, befehligte Graf Schuwalow das 4. Infanterie-Regiment. Zeitgleich aber wurde er schwer krank und musste sein Kommando an jemand anderen weitergeben.

Schuwalow kehrte 1813 in den Dienst zurück, als russische Truppen durch Europa marschierten und die Franzosen langsam nach Paris zurückdrängten. Der Graf begleitete Kaiser Alexander I. auf allen Schlachtfeldern und wurde für seine Rolle in der Völkerschlacht bei Leipzig mit dem heiligen Alexander-Newski-Orden ausgezeichnet.

Ein Jahr später, im April 1814, traf Napoleon Schuwalow im Palast von Fontainebleau und fragte, welche Medaille der russische General auf seiner Brust trage. Als Bonaparte erfuhr, dass es sich um eine Medaille „in Erinnerung an den glücklichen Ausgang des Krieges von 1812“ handelte, verstummte er und tauschte mehrere Tage lang kein Wort mit seinem Reisebegleiter als Zeichen seiner Verachtung. Der ehemalige Kaiser änderte jedoch bald völlig seine Meinung über den Russen.

Eine Begegnung mit dem Tod

Zuerst begrüßten die Massen Napoleons Wagenkonvoi mit Begeisterung und riefen „Es lebe der Kaiser!“ Aber als sie weiter in den Süden kamen, wurde aus der Bewunderung Schweigen und schließlich unverhüllte Feindseligkeit. In der Provence beschimpften die Menschenmengen sie bereits laut mit Missbilligung und belegten Napoleon mit Flüchen. Er blieb ruhig und tat so, als ob es ihn nicht betreffen würde.

Wirkliche Gefahr erwartete Napoleon in der Stadt Orgon südlich von Avignon. Auf dem Weg des Konvois hatte eine Menschenmenge einen Galgen errichtet, an dem eine ausgestopfte Puppe Napoleons schwankte. Die Leute eilten zu dem geschlossenen Wagen und versuchten, den abgesetzten Kaiser herauszuziehen, um ihn zu töten. Royalisten wollten das „korsische Monster“ daran hindern, sein Ziel zu erreichen und schürten möglicherweise die Wut der Leute.

Nach der Überwältigung der kaum bewaffneten Eskorte und der alliierten Kommissare, näherte sich der Pöbel seinem Ziel. Aber Graf Schuwalow griff rechtzeitig ein. Er war der einzige, der dem Ansturm der Menge standhielt, und es gelang ihm, mit einer Strafpredigt und auch mit seinen Fäusten, die Anwohner der Stadt aufzuhalten. Nachdem er wertvolle Zeit gewonnen hatte, gab er dem Kutscher des Wagens mit dem Ex-Kaiser ab Bord ein Signal, Orgon so schnell wie möglich zu verlassen.

Nachdem die Menschenmenge Bonaparte nicht in die Hände bekommen hatte, wollten sie Schuwalow in Stücke zu reißen. Aber als die Leute einen russischen General erkannten, wich der Zorn freudigen Ausrufen wie „Lang leben unsere Befreier!“

Nachdem Schuwalow Napoleons Konvoi eingeholt hatte, bot er an, die Mäntel zu tauschen und in Napoleons Wagen zu wechseln. Auf diese Weise, erklärte der russische General, würde jeder Angreifer ihn töten und nicht Bonaparte. Als der erstaunte Herrscher der Insel Elba fragte, warum er dies tun wolle, erhielt er folgende Antwort: „Mein Kaiser Alexander befahl mir, Sie lebend und gesund an Ihren Exilort zu bringen. Es ist mir eine Ehre, den Befehl meines Kaisers auszuführen.“

Dankbarkeit

Die List funktionierte, und einige Tage später stieg Bonaparte sicher und gesund in die britische Fregatte HMS Undaunted ein, die ihn auf die Insel im Mittelmeer bringen sollte. Vor seiner Abreise überreichte Napoleon aus Dankbarkeit für die Rettung seines Lebens dem Grafen sein Schwert.

In den folgenden 15 Jahren trennte sich Schuwalow nie von dem prächtigen Säbel aus Damaszener-Stahl, der Napoleon „Für die ägyptische Expedition“ überreicht worden war, als er noch Erster Konsul der Republik war. Es war eine Geste wahrer Dankbarkeit seitens des ehemaligen Kaisers.

Weniger als ein Jahr später kehrte Napoleon Bonaparte nach Frankreich zurück, um triumphierend die Macht zurückzuerobern und ganz Europa für weitere drei Monate in Atem zu halten. Und die Tatsache, dass sich die Dinge überhaupt so entwickelten, war nicht zuletzt der Rolle eines russischen Generals im Jahr 1814 zu verdanken.

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