Bolschewistischer Umbenennungswahn: Warum Moskau dennoch verschont blieb

Geschichte
GEORGI MANAJEW
Nach dem Tod Lenins wurde St. Petersburg in Leningrad umbenannt. Bald sollten auch viele andere Städte die Namen berühmter Bolschewiken tragen. Wie kam es, dass Moskau dieses Schicksal nicht ereilte?

Die neue Hauptstadt 

Alles begann mit der Verlegung der Hauptstadt. Nach der Oktoberrevolution, noch bevor aus Petrograd (heute St. Petersburg) Leningrad wurde, verlor es seine Funktion als Hauptstadt Russlands.

Es gab mehrere Gründe für den Umzug. Zunächst boykottierten die ehemaligen zaristischen Beamten die bolschewistische Regierung. In den zivilen Einrichtungen in Petrograd, wie die Stadt zu der Zeit genannt wurde, etwa in der Staatsbank, dem Außenministerium, dem Zentralen Telegraphenamt, erschienen die Bediensteten teils erst gar nicht zur Arbeit oder verbarrikadierten sich in ihren Büros und vernichteten Unterlagen. Da die Mitarbeiter der Institutionen die Arbeit verweigerten, blieb den Bolschewiken nichts anderes übrig, als in Moskau neue Verwaltungseinrichtungen aufzubauen. 

Zudem gab es in Petrograd eine große Anzahl von antibolschewistischen gesinnten Menschen und die Soldaten der aufgelösten Russischen Kaiserlichen Armee. Sie provozierten, griffen die Bolschewiken an und planten Anschläge. Nur durch eine Blockade der Stadt und die Unterbrechung der Nahrungsmittelversorgung konnten die Bolschewiken die Anhänger der Monarchie zur Kapitulation zwingen. Doch effektives Arbeiten schien für die Regierung unter solchen Bedingungen nicht möglich. 

Ein weiterer und wahrscheinlich der entscheidende Faktor war, dass der Erste Weltkrieg 1918 noch im Gange war. Nachdem Finnland am 6. Dezember 1917 für unabhängig erklärt worden war, lag die Staatsgrenze nur noch 35 Kilometer von Petrograd entfernt. Ende Februar befand sich die deutsche Armee bereits sehr nahe an der Hauptstadt. Am 2. März begannen die Deutschen die Stadt mit Langstreckenartillerie zu bombardieren. Am 10. März verließ ein geheimer Zug mit Wladimir Lenin und anderen hochrangigen bolschewistischen Führern an Bord Petrograd Richtung Moskau. Am 12. März war der Umzug der Hauptstadt abgeschlossen und wurde am 16. März vom Vierten Sowjetkongress formalisiert.

Aber das beantwortet die Frage, warum Moskau den Namen behielt, noch nicht. 

Umbenennungswahn 

Zu Lebzeiten war Lenin entschieden dagegen, dass Städte nach ihm benannt wurden. Auch nach seinem Tod betonte seine Witwe Nadeschda Krupskaja mehrfach, dass Lenin diese Vorstellung als unangenehm empfunden hätte, aber ihre Stimme blieb ungehört. Am 26. Januar 1924, nur fünf Tage nach Lenins Tod, benannte der Zweite Sowjetkongress der UdSSR Petrograd in Leningrad um und führte als Grund an, dass „die revolutionären Aktivitäten von Wladimir Lenin zum ersten Mal in Petrograd aufblühten“.

Der „Umbenennungswahn“ wurde von Josef Stalin in Gang gesetzt, der sich auch selbst auf den Landkarten verewigte. Die Stadt Donezk in der derzeit umstrittenen Region Donezk in der Ukraine - ehemals Jusowka - wurde 1924 in Stalino umbenannt. Ein Jahr später, 1925, wurde aus Zarizyn (heute Wolgograd) Stalingrad. Duschanbe (die Hauptstadt der Republik Tadschikistan) wurde 1929 zu Stalinabad und Nowokusnezk in Sibirien 1932 zu Stalinsk. 

Weitere bedeutende Städte in der Sowjetunion erhielten die Namen prominenter bolschewistischer Führer. 1924 wurde aus Jekaterinburg Swerdlowsk, benannt nach Jakow Swerdlow (1885-1919). 1931 wurde die antike Stadt Twer nach Michail Kalinin (1875-1946) in Kalinin umbenannt, 1932 erhielt Nischni Nowgorod den Namen Gorki, nach dem berühmten Sohn der Stadt, dem sozialistisch-realistischen Schriftsteller Maxim Gorki (1868-1936). 1935 wurde aus Samara die Stadt Kuibyschew nach Walerian Kuibyschew (1888-1935) und Stawropol erhielt den Namen Woroschilowsk nach dem Militärkommandeur Kliment Woroschilow (1888-1969).

Ziel von Stalins Umbenennungskampagne war es, die Toponymie des russischen Reiches zu streichen und durch eine sowjetische zu ersetzen und so eine neue sowjetische Realität zu schaffen. Alle diese Umbenennungen wurden so gestaltet, dass sie angeblich dem Willen des Volkes entsprachen. Die Regierung erklärte sich großzügig bereit, durch diese Maßnahmen die großen heldenhaften Führer zu ehren. Stalin lehnte jedoch jeden Versuch, Moskau umzubenennen, entschieden und wiederholt ab.

Ein neuer Name für Moskau? 

Als die Idee zum ersten Mal aufkam, reichten 1927 etwa 200 bolschewistische Beamte einen Antrag auf Umbenennung Moskaus in Iljitsch (das Patronym von Wladimir Lenin) ein und schrieben: „Lenin gründete das freie Russland.“ Stalin lehnte den Vorschlag mit der Begründung ab, dass es zu viel gewesen wäre, zwei große Städte nach Lenin zu benennen. Aus Petrograd war gerade Leningrad geworden.

Den zweiten Versuch gab es 1938. Er ging auf Nikolai Jeschow (1895-1940), dem damaligen Volkskommissar für innere Angelegenheiten, zurück. Dieser hatte bei Stalin nach und nach an Einfluss und Vertrauen verloren. Um die Gunst des Führers zurückzugewinnen, befahl Jeschow, ein Projekt zur Umbenennung Moskaus in Stalinodar zu starten (zu Deutsch etwa: „Stalins Geschenk“). Jeschow ließ Briefe und Gedichte einfacher Moskowiter erstellen. Doch er hatte nicht bedacht, dass Stalin solche offensichtliche Schmeichelei verachtete. Er bezeichnete die Idee des Volkskommissars als „dumm“. Zwei Jahre später wurde Jeschow hingerichtet. 

Es gibt Berichte, wonach Moskau nach dem Zweiten Weltkrieg erneut umbenannt werden sollte. Erneut war Stalin dagegen. Nach Stalins Tod gab es angeblich ebenfalls entsprechende Bestrebungen, als einige seiner ehemaligen Adjutanten und Handlanger versuchten, Stalin auf diese Weise posthum zu ehren. Dieser letzte Versuch wurde jedoch durch die Politik der Entstalinisierung vereitelt.  

Man mag es seltsam finden, dass der totalitäre Führer nicht wollte, dass die Hauptstadt nach ihm benannt wird, und er sich entschieden dagegen aussprach. Es war jedoch nicht das einzige Mal, dass er einen Mangel an Eitelkeit zeigte. Wir wissen, dass Stalin sein Bild aus den Entwürfen des Siegesordens streichen ließ und ihm die Idee, die Moskauer Staatsuniversität nach ihm zu benennen, ebenfalls nicht gefallen hat. 

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