Welche sind die exotischsten Spitznamen russischer Städte?

Kaliningrad

Legion Media
Während es bei Piter und Nowosib noch recht einfach ist, sind Glasgow, Honduras oder Barneo (mit einem „a“) gar nicht so einfach auf der Landkarte Russlands zu finden.

Spitznamen und volkstümliche Bezeichnungen von Ortschaften in Russland sind meist umstritten. Wenn zum Beispiel in den USA jeder daran gewöhnt ist, dass Los Angeles LA genannt wird, hassen viele Menschen in Russland den umgangssprachlichen Namen ihrer Heimatstädte. Zum Beispiel die St. Petersburger. „Die Alteingesessenen hassen das volkstümliche und kumpelhafte Piter“, sagt Jelena Bobrowa, Journalistin und Leiterin des St. Petersburger Projektes für Stadtführungen Peterswalk.

„Ich habe im Internet eine Diskussion darüber gelesen, dass unsere Stadt nur von Zugezogenen so genannt wird und echte St. Petersburger dieses Wort nicht verwenden. Natürlich ist das übertrieben, aber es steckt ein Körnchen Wahrheit darin“, erklärt sie. Das ist jedoch eine äußerst konservative Sichtweise und spiegelt die Meinung von Menschen wider, die generell etwas gegen Abkürzungen haben. Aber bereits im 18. und 19. Jahrhundert wurde diese Stadt von solchen „Neuankömmlingen“ wie Alexander Radischtschew und dem Fabel-Dichter Iwan Krylow Piter genannt und ein Großteil der Petersburger verwendet ihn auch.

Aber Sprache kann man nur bedingt mit Regeln festschreiben: In sie (selbst in die Literatursprache) fließen immer wieder umgangssprachliche Begriffe und Jargonausdrücke ein, die sie bequemer machen. Und das zeigt sich deutlich am Beispiel der Städtenamen – die Russen sind hier äußerst erfinderisch.

Je kürzer, desto besser

Einer der Hauptgründe für die Bildung „inoffizieller“ Städtenamen ist die Länge der offiziellen Bezeichnung. Deshalb wurde sowohl in der Schrift- als auch in der gesprochenen Sprache aus St. Petersburg Piter oder SpB, aus Jekaterinburg Jekat oder Joburg und aus Nowosibirsk Nowosib oder Nsk.

Jekaterinburg

Vielsilbige Namen werden auf eine oder zwei Silben verkürzt. Aus diesem Grund kennen Städte mit einem kurzen Namen (Moskau, Perm, Pensa, Omsk) keine verkürzte Form. Bei Städtenamen aus zwei Wörtern wird in der Regel eines davon weggelassen: Nischni Nowgorod wird zu Nischni, Chanty-Mansijsk zu Chanty und die fernöstliche Stadt Bolschoi Kamen – wen wundert es? – zu Kamen.

Vergiss deine Wurzeln nicht

Manchmal ist der Spitzname einer Stadt die frühere Bezeichnung oder die Variante der indigenen Sprache. Das bekannteste Beispiel ist Kaliningrad, das frühere Königsberg, das König genannt wird. Für Juschno-Sachalinsk wird manchmal der japanische Name Toiocharoi verwendet und Petrosawodsk Petroskoj (die Transliteration des karelischen Namens), obwohl im letzteren Fall die Abkürzungen Petrik und Pts häufiger verwendet werden.

Exoten und Beleidigungen

Einige Spitznamen von Städten beziehen sich auf andere, viel bekanntere Ortsbezeichnungen, die ähnlich klingen. In der Regel werden solche Namen ausschließlich von den Einheimischen und ironisch verwendet. So ist Barnaul zum Beispiel als Barneo bekannt (obwohl es nur sehr wenig mit der südostasiatischen Insel zu tun hat, die inzwischen offiziell Kalimantan heißt). Die Stadt Glasow in Udmurtien wird stolz Glasgow genannt, das Dorf Gonschyr in der Region Perm Honduras genannt und Sysran im Gebiet Samara nennt man humorvoll San Fran-Sysran. Es existiert auch die Variante von Sasranny (von sasrannyj – zu Deutsch beschissen), aber aus offensichtlichen Gründen ist es besser, sie nicht zu benutzen, wenn man nicht selbst aus Sysran stammt.

Solche ironischen oder auch beleidigenden Spitznamen für Städte sind nicht ungewöhnlich. „Im Frühjahr und Herbst wird Jekaterinburg scherzhaft auch Grjasburg (Schmutzburg) genannt. Wir hatten sogar ein Weile ein solches Ortseingangsschild“, erzählt die Lokal-Journalistin Julia Schewelkina über ihre Wahlheimat.

Sysran

Es gibt auch solche Varianten wie Sasratow für Saratow (ebenfalls abgeleitet von sasrannyj), Krasnodyr (Krasnodar + dyra – zu Deutsch Loch). Die meisten ironischen Spitznamen gibt es wohl für Moskau. So wird die Stadt Neresinowaja (zu Deutsch nicht aus Gummi) genannt, abgeleitet von der Redewendung „Moskau ist nicht aus Gummi“, weil die Stadt sich nicht unbegrenzt dehnen lässt, um alle Zugereisten aufzunehmen. Oder Ponajechalowsk (von ponajechali, einem unhöflichen Verb zur Beschreibung des Migrationsprozesses) und Moskwabad (Moskau + abad als Suffix für die zentralasiatischen Städte, aus denen die meisten Migranten in Moskau stammen).

Aber man erwähnt solche Namen besser nicht gegenüber Nichtansässigen oder Ausländern, denn Witze über seine Heimatstadt sollte man nicht in Anwesenheit Fremder reißen.

Absolut absurd

Einige Spitznamen sind so seltsam, dass sie nur schwer zu erklären sind. So versichert Alexandra Gurjanowa aus Samara, dass ihre Stadt manchmal Kamapa genannt wird – so klingt es, wenn man die kyrillischen Buchstaben (CAMAPA) wie lateinische ausspricht. Nach dem gleichen Prinzip wird Iwanowo mit dem noch unsinnigeren Wort Ubahobo (UBAHOBO) bezeichnet. Es ist aber nicht bekannt, wie weit dieser Ausdruck verbreitet ist.

Wie man Fettnäpfen vermeidet

Es ist keine gute Idee, in einer fremden Stadt mit seinen Kenntnissen des lokalen Jargons zu prahlen. Man sollte den Spitznamen nicht verwenden, auch wenn viele Einheimische das tun. „Als ich nach Jekaterinburg kam, ging ich zu einem Vorstellungsgespräch bei einer Lokalzeitung und sagte die ganze Zeit Joburg, Joburg, Joburg, bis der Herausgeber mir erklärte: Wissen Sie, so wird die Stadt hier nicht mehr genannt, jeder sagt Jekat“, erinnert sich Julia Schewelkina. Wenn Sie also nicht sicher sind, ob Sie nicht vielleicht jemanden auf die Füße treten, ist es besser, die offizielle Bezeichnung zu verwenden.

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