Lady Abdy: Wie ein russisches Model Coco Chanel und ganz Paris begeisterte (FOTOS)

Geschichte
RUSSIA BEYOND
Die Gesellschaftsdame und Schauspielerin Lady Abdy hat dabei geholfen, Handtaschen für Coco Chanel zu entwerfen. Ihr Schicksal gleicht der Handlung eines französischen Romans.

Ganz Paris kannte sie als Lady Abdy. Die hochgewachsene Blondine mit den blauen Augen, die aus Russland ausgewandert war, wurde ein echter Star der französischen Modewelt und glänzte jahrzehntelang in ganz Frankreich.

Eine Adelige aus einer russischen Familie

Ija Ge wurde 1897 (anderen Quellen zufolge 1903) in der Stadt Slawjansk im Gouvernement Charkow des damaligen Russischen Reiches geboren. Ijas Vorfahren waren Franzosen mit Nachnamen de Gay, die während der Französischen Revolution von 1789 nach Russland zogen und Katharina der Großen die Treue schworen.

In Ijas Familie waren viele mit der Kunst verbunden: Ihr Großvater Iwan Ge war Dramatiker, sein Bruder Nikolai Ge war ein berühmter Maler. Ijas Großvater mütterlicherseits liebte das Ballett und gründete sein eigenes Leibeigenen-Theater. Ijas Eltern wiederum waren Schauspieler, die viele Jahre lang auf der Bühne des Alexandria-Theaters in St. Petersburg spielten. 

Ija selbst war ebenfalls sehr talentiert und zeigte schon in jungen Jahren eine Begabung für Musik und Zeichnen. Als sie noch ein Kind war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs befanden sich Ija und ihre Mutter in Deutschland, von wo aus sie in die Schweiz ziehen konnten. Nach dem Krieg wollte Ija nach Russland zurückkehren, doch auf dem Weg dorthin, in Finnland, damals Teil des Russischen Reiches, lernte sie ihren ersten Ehemann, den niederländischen Unternehmer Gerrit Jongejans, kennen. Dort wurde 1917 ihr Sohn geboren, der spätere Broadway-Schauspieler George Gaines. Die Revolution von 1917 und der Bürgerkrieg in Russland folgten kurz hintereinander, so dass Ija nicht mehr nach Hause zurückkehrte. Bald darauf ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und reiste, den Sohn ihm überlassend, nach Westeuropa. 

Von einer russischen Adeligen zur wichtigsten Modedame von Paris

Im Jahr 1921 kam Ija nach Paris. Sie brauchte Geld - und arbeitete eine Zeit lang als Stepperin in einem Kino. „Eines Tages sagte mir ein russischer Bekannter 'Du hast eine gute Figur, geh in einen Modesalon, da findest du bestimmt Arbeit'", erinnerte sich Ija. Also ging sie zu dem berühmten Modehaus Callot Soeurs. Man bot ihr einen Job als Mannequin für 450 Franken und Frühstück an. Dieser Beruf gefiel ihr zwar nicht besonders, aber sie hatte keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Eines Tages kamen einige Engländer in Callots Salon und einer von ihnen wollte Ija näher kennen lernen. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Sammler namens Sir Robert Henry Edward Abdy handelte... So wurde aus Ija bald Lady Abdy. Von nun an standen der It-Lady in Paris alle Türen offen. Sie arbeitete mit Paul Poiret zusammen, dem einflussreichsten Modeschöpfer der damaligen Zeit. 

Abdy selbst experimentierte mit ihrem Stil und schockierte die Öffentlichkeit mit modischen Outfits und Looks, die ebenso unkonventionell waren wie ihr Aussehen.

Nach einigen Ehejahren verließ Sir Abdy, ein begeisterter Antiquitätenhändler und Sammler, seine Frau, doch Abdy behielt ihren Status als Lady. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits ein berühmtes Fotomodell, führte ein luxuriöses Leben, mietete teure Wohnungen und verkehrte in einem Kreis von Bohemiens, reichen Leuten und berühmten russischen Emigranten. Darüber hinaus hatte sie sich bereits als Designerin versucht und entwarf Handtaschen für das Modehaus, das ihre Mutter in Paris eröffnet hatte. 

Einmal traf Abdy auf einem Empfang Coco Chanel und erzählte ihr von der neuen Idee der Beuteltaschen (Bucket Bags) und zeigte ihr sogar ihre Skizzen. Chanel lud die Russin ein, als Designerin in ihrem Modehaus zu arbeiten. Zu ihrer großen Überraschung musste Abdy jedoch feststellen, dass Chanel bereits damit begonnen hatte, Beuteltaschen nach ihrem Entwurf zu verkaufen - ohne ihre Zustimmung! Coco entgegnete gleichgültig, dass sie das Problem nicht sehe, da Abdy nun für sie arbeite. Ija konnte Chanels schwierigen Charakter nicht mehr ertragen und beendete bald die Zusammenarbeit mit ihr. 1936 gab Abdy schließlich ihr Debüt als Theaterschauspielerin. 

Nach Hause und zurück

1937, auf dem Höhepunkt von Stalins Repressionen, kam Ija in die UdSSR, um ihren bereits sehr kranken Vater zu besuchen. Gerüchten zufolge gab es jedoch noch einen anderen Grund für ihre Reise, einen eher romantischen. Lady Abdy wird eine Affäre mit dem sowjetischen Schriftsteller Alexei Tolstoi nachgesagt. Und sie war es auch, die angeblich das Vorbild für die Ballerina und Abenteurerin Zoe Montrose, die schillernde Figur in seinem Science-Fiction-Roman Das Geheimnis der infraroten Strahlen, wurde. 

In Paris erwartete Lady Abdy ein neues Abenteuer. Aufgrund ihrer engen Kontakte zu einem Italiener aus Mussolinis Regierung wurde sie verdächtigt, für Italien zu spionieren, und wurde des Landes verwiesen. Nach ihrer Heirat mit Sir Abdy besaß sie die britische Staatsbürgerschaft. Sie musste also dorthin ziehen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie als Dolmetscherin eingesetzt. Da sie fließend Russisch, Französisch und Deutsch sprach, übersetzte sie nicht nur militärische Verhandlungen, sondern verhandelte auch über die Heimkehr sowjetischer Kriegsgefangener. 

Nach dem Krieg lebte Lady Abdy in New York, wo ihr Sohn bereits eine Schauspielkarriere aufbaute und Mexiko. Bereits in den 1970er Jahren kehrte sie nach Frankreich zurück und lebte in der aristokratischen Stadt Roquebrune an der Côte d'Azur. Lady Ija Abdy verstarb in Cannes im Alter von 89 Jahren und trug bis zum letzten Tag modische Hüte und farbenfrohe Kleider.