Soziales Netzwerk VKontakte: „Todesgruppen“ trieben Kinder zum Suizid

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Russland steht unter Schock: Wie die „Nowaja Gaseta“ kürzlich aufdeckte, haben offenbar Gruppen im sozialen Netzwerk VKontakte Kinder und Jugendliche systematisch zum Suizid getrieben. Nach zahlreichen Berichten auch von anderen Medien haben Justiz und Staat nun reagiert.

Die liberale Wochenzeitung „Nowaja Gaseta“ hat mit Enthüllungen über sogenannte „Todesgruppen“ in Russlands größtem sozialem Netzwerk VKontakte für Furore gesorgt. Laut dem Recherchebericht, den die Zeitung am Montag, den 16. Mai, veröffentlichte, handelt es sich um Gemeinschaften, die Minderjährige in den Suizid getrieben haben sollen.

130 Kinder-Suizide hat Autorin Galina Murssalijewa im Zeitraum von November 2015 bis April 2016 in Russland recherchiert. „Mindestens 80“ dieser Minderjährigen sollen diesen Gemeinschaften angehört haben. Murssalijewa kommt daher zu dem Schluss, dass die „Publics“, themenbezogene Gruppen im VKontakte-Netz, für ihren Tod verantwortlich sind.

Hinter diesem Online-Netz steht angeblich eine einflussreiche Sekte – Erwachsene, die laut Murssalijewa einen eigenen „Club der Selbstmörder“ gegründet und bereits weitere Tode angekündigt haben. Andere schreiben, es handle sich um einige Halbstarke, die sich in ihren Spielereien verrannt hätten und jetzt zum Schreckgespenst aufgebauscht würden. Parlamentarier sprachen sich derweil für neue restriktive Gesetze zur Kontrolle der sozialen Netzwerke aus. 

Die Recherchen der „Nowaja Gaseta“

Die „Nowaja Gaseta“ schreibt von mindestens 1 500 Gruppen bei VKontakte, die Kinder in irgendeiner Weise zum Suizid aufrufen. Diese mit unverdächtigen Namen wie „Tichi Dom“ (zu Deutsch: „stilles Haus“), „Morje Kitow“ („Meer der Wale“) oder rätselhaften Kürzeln wie „f57“ auftretenden Gemeinschaften tauschen mit ihren Teilnehmern melodramatische und eloquenter Zitate über die vermeintliche Sinnlosigkeit des Lebens und bekannte Lieder zu diesem Thema aus. Besonders interessierte Nutzer werden in „Insidergruppen“ eingeladen, wo sie mit Bildern von abgehackten Händen oder Videos von inszenierten oder tatsächlichen Kinder-Selbstmorden konfrontiert werden.

Ihr erklärtes Ziel ist die „Konditionierung auf Rina“. Unter diesem Namen wurde im Netz eine 16-jährige Jugendliche aus Sibirien bekannt, die sich im November 2015 vor einen Zug warf. Fotos von ihrem enthaupteten Körper gelangten ins Internet, Rina wurde als angeblich erste Anhängerin der Sekte zum Symbol der „Todesgruppe“.

Das Logo einer der „Todesgruppen“ im sozialen Netzwerk VKontakte. Foto: ScreenshotDas Logo einer der „Todesgruppen“ im sozialen Netzwerk VKontakte. Foto: Screenshot

Die „Konditionierung“ der Jugendlichen erfolgte über individuell zugeschnittene Aufträge. Das Gruppenmitglied erhielt von den Administratoren eine persönliche Nummer und die Anweisung, an welchem Tag und auf welche Weise es aus dem Leben scheiden sollte. Dann wurde ein „Timer“ eingestellt. Vor dem „Tag X“ waren bestimmte „Aufgaben“ zu erledigen. Die jungen Menschen wurden beispielsweise angewiesen, sich die Arme blutig zu ritzen oder „Rätsel“ aus unsinnigen Zahlen und Symbolen, die man als „Chiffren des Jenseits“ ausgab, zu lösen.

Die „Nowaja Gaseta“ stützt ihre Angaben vor allem auf Gespräche mit Irina, deren zwölfjährige Tochter Ela sich im Dezember vergangenen Jahres vom 13. Stock in die Tiefe gestürzt hatte. Das Mädchen war Abonnentin einer solchen „Todesgruppe“. Nach dem Tod ihrer Tochter begann Irina auf eigene Faust zu ermitteln. Sie legte unter falschem Namen einen Account an und folgte den Spuren ihrer Tochter. Auf diesem Weg fand die Mutter eine mehrfarbige Russlandkarte, auf der mit fetten Punkten einige Städte markiert waren. „Auf diese Karte bin ich im Januar gestoßen, im Februar ereigneten sich bereits die ersten Selbstmorde von Kindern in genau diesen Städten“, berichtete Irina.

„Wir verhindern Selbstmorde“

Als aktivster Propagandist des Suizids gilt ein Nutzer mit dem Namen Filipp Liss, es assistierten ihm dabei Miron Setch, Eva Reich und Morje Kitow, der Gründer der gleichnamigen Gruppe, wie die „Nowaja Gaseta“ schreibt. Wer sich hinter diesen Nicknamen verbirgt, lässt die Autorin jedoch unbeantwortet.

Ein Bild aus der Gruppe „Morje Kitow“ („Meer der Wale“).  Foto: ScreenshotEin Bild aus der Gruppe „Morje Kitow“ („Meer der Wale“). Foto: Screenshot

Nach den Veröffentlichungen nahm die Onlinezeitung Lenta.ru mit dem Gründer der Gemeinschaft „Morje Kitow“ – deren Name an das Schicksal der Wale erinnert, die an Ufern angeschwemmt werden und dort verenden – Kontakt auf. Er erzählte, Filipp Liss, der die bereits geschlossene Gruppe „f57“ geleitet hatte, habe einfach Abonnenten „horten“ wollen, um Werbekunden auf seine Seite zu locken. In Russland ist das soziale Netzwerk VKontakte auch eine beliebte Plattform für Anzeigen. Mit populären Publics lässt sich viel Geld verdienen.

Liss habe ein gutes Geschäft mit dem unter Jugendlichen populären Thema gewittert, erzählt Kitow, und habe den Mythos einer brutalen „Sekte“ in die Welt gesetzt, die er mit Rinas Namen bekannt gemacht habe. Es sei ein reger Handel mit Kopien ihrer Seite, ihren Beiträgen, Videos und Fotos von ihrem Grab sowie Screenshots ihrer Nachrichten entstanden. Als „f57“ aus dem Netz entfernt wurde, habe er Nachahmer-Gruppen gegründet.

Lenta.ru befragte auch Liss selbst, der erklärte: „Ich war über die Aufregung zu diesem Thema erstaunt und rief die ‚Wale‘ ins Leben.“ Er habe die Jugendlichen von ihrer Suizidversessenheit abbringen wollen, zu diesem Zweck aber habe er erst „einer von ihnen“ werden müssen. Eine ähnliche Erklärung gab nach der spektakulären Veröffentlichung der „Nowaja Gaseta“ auch Miron Setch auf VKontakte ab: „Wir verhindern Selbstmorde von Jugendlichen und sonst nichts!“, hieß es in seinem Post. Und: „Wir suchten uns gezielt ein Publikum potenzieller ‚Opfer‘. In unserem Projekt arbeitet ein Psychologe.“

Justiz und Staat ergreifen Konsequenzen

Die Leiter der „Todesgruppen“ verheddern sich immer wieder in ihren Aussagen. Alles sei nichts weiter als ein Witz gewesen, der ein wenig außer Kontrolle geraten sei, versuchte Liss später zu erklären. Alles sei ein „Spiel“ gewesen, einige Kinder aber hätten es zu ernst genommen, sagen Gründer anderer Gruppen. Die Zeitschrift „Apparat“ machte deren wahren Profile in den sozialen Netzwerken ausfindig. Liss beispielsweise ist 21 Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Solnetschnogorsk im Moskauer Gebiet.  

Die Zahl der tatsächlichen Selbsttötungen unter seinen Abonnenten belaufe sich auf ein bis drei, sagt Setch. Liss nennt eine Größenordnung von bis zu zehn Suiziden. Morje Kitow indes ist sich keiner Schuld bewusst: „Die Meldungen, in sozialen Netzwerken tummelten sich Perverse, Satanisten, Verführer und Selbstmord-Propagandisten, sind vollkommen unberechtigt. Ich weiß sehr wohl, worin das endet. In einem weiteren Verbot“, beklagte er. Und er fügte hinzu: „Die Kinder kamen zu uns, weil sie Hilfe brauchten, die sie von euch niemals bekommen hätten. Und sei es, dass sie am letzten Tag unterstützt werden wollten, aus dem Leben zu gehen.“

Die Journalisten haben ihre Informationen an die Justiz weitergeleitet. Ein erstes Strafverfahren wegen der Verleitung zum Selbstmord in sozialen Netzwerken ist bereits in Sankt Petersburg eingeleitet worden. Wie die städtische Ermittlungskommission bestätigte, sei das infolge der zahlreichen Medienberichte geschehen.

Doch die strafrechtliche Verfolgung reicht einigen nicht aus. Zwar müssen in Russland Seiten, die den Suizid propagieren, laut Gesetz gesperrt werden. Anstelle der ursprünglichen Seiten aber entstehen umgehend Nachahmer-Seiten, wie im Falle von „f57“. Um die gesetzlichen Möglichkeiten zu verbessern, griff der Föderationsrat den Vorschlag auf, die Betreiber von Seiten, darunter auch von den sozialen Netzwerken, strafrechtlich verantwortlich zu machen. Die Aufsichtsbehörde Rospotrebnadzor, für die Kontrolle und eventuelle Sperrung von Seiten zuständig, plädiert für eine Erweiterung der Vollmachten einer entsprechenden föderalen Behörde.

Die Gefahr der Instant Messenger

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