Léon Bakst: Sensation der Djagilew-Saisons

Der Entwurf für ein Kostüm im Ballett "Der Feuervogel" von Igor Strawinsky (1910).

Der Entwurf für ein Kostüm im Ballett "Der Feuervogel" von Igor Strawinsky (1910).

Leon Bakst
In diesem Jahr wäre Léon Bakst 150 Jahre alt geworden. RBTH erinnert an das Leben des größten Künstlers der legendären „Ballets Russes“, des Menschen, der für immer die Bretter der Bühne und der Mode verändert hat.

Er war ein feiner Grafiker, wunderbarer Porträtist des russischen „Silbernen Zeitalters“ und hervorragender Kostüm- und Bühnengestalter, der die französische und amerikanische Mode im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts beeinflusste: Léon Bakst. Geboren wurde der Künstler 1866 in Grodno als Leib-Chaim Israilewitsch Rosenberg in einer orthodoxen jüdischen Familie. Das in allen Sprachen gut klingende Pseudonym Léon Bakst entstand erst 23 Jahre später anlässlich seiner ersten Ausstellung.

Elegante Linien des Jugendstils

Seine Ausbildung war nicht besonders geradlinig: Er besuchte die Kunstakademie in Sankt Petersburg, wohnte anschließend lange Zeit in Paris und nahm privaten Unterricht. Um Geld zu verdienen, illustrierte er nebenbei Kinderbücher und brachte dem Neffen des Zaren Nikolaus II. das Malen bei. Größere Bekanntheit erlangte er erst mit seinen Arbeiten für die Künstlervereinigung Mir Iskusstwa („Welt der Kunst“), der er Ende der 1890er-Jahre beitrat.

Ein Selbstporträt Léon Baksts  (1893).

1898 organisierte Sergej Djagilew, Theaterschaffender und Gründer der Mir Iskusstwa, in Sankt Petersburg die „Ausstellung russischer und finnischer Künstler“. Sie war der erste gemeinsame Auftritt der Künstlergruppe. Die Maler der Vereinigung folgten weder allein den althergebrachten Normen der Kunstakademie, noch wollten sie sich der rebellierenden „Volksbewegung“ der Peredwischniki (zu Deutsch: „Wanderer“) anschließen. Sie schätzten die feine Schöngeisterei, standen dem französischen Art Nouveau als auch dem Symbolismus nahe – in den Grafiken von Bakst ist der Einfluss des Briten Aubrey Beardsley sichtbar – und propagierten die Synthese der Künste, was viele von ihnen bei der Gestaltung von Kostümen und Bühnenbildern von Theaterproduktionen in die Praxis umsetzten.

Ein Porträt Sergej Djagilews in seinem Haus, gemalt von Léon Bakst (1906).

Seine Bilder, die Bakst für die Mir Iskusstwa anfertigte, brachten ihm verdiente Berühmtheit ein. In dieser Zeit porträtierte er seine Kollegen und Freunde: Djagilew, den Maler Alexander Benois und seine Frau Anna Kind oder die Lyrikerin Sinaida Hippius. In den Porträts spiegeln sich nicht nur die Gesichter, sondern auch der Geist der Rebellion um die Jahrhundertwende wieder.

Bakst in Mode

In den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war Léon Bakst als Kostümgestalter und Bühnendekorateur für das Theater tätig. In seinen Kostümen glänzten Ballett-Legenden wie Matilda Kschessinskaja oder Anna Pawlowa, die ihren „sterbenden Schwan“ von Saint-Saëns in seinen Roben tanzte. Kostüme gestaltete er auch für Ida Rubinstein, die die Salomé im gleichnamigen skandalbehafteten Drama von Oscar Wilde spielte – die erste Fassung wurde in Russland von der orthodoxen Kirche verboten.

Ein Szenenbild für das Werk „Cleopatra“ in einer Aufführung Michel Fokines. 

Mit der faszinierenden Rubinstein arbeitete Bakst auch später zusammen. So verschaffte er ihr im Stück „Cleopatra“ in der Aufführung von Michel Fokine, die im Rahmen der ersten von Djagilew organisierten Ballettsaison 1909 in Paris stattfand, einen unvergessenen Auftritt. In der ersten Szene trugen vier dunkelhäutige Sklaven eine wunderschöne Sänfte auf die Bühne, darin eine „Mumie“ in zwölf Schichten Stoff gewickelt, und jede Schicht war ein Meisterwerk der Dekorationskunst: rot mit gewebten Goldkrokodilen, grün mit einem Stammbaum der Pharaonen. Unter der letzten dunkelblauen Decke kam Ida Rubinstein in halb durchsichtigen Kleidern zum Vorschein und begann ihren sagenhaften Tanz.

Ein Entwurf des Kostümes für die "Scheherezade" von Nikolai Rimski-Korsakow. 

Dank des Wirkens der Mir Iskusstwa eroberte auch die sinfonische Dichtung „Scheherazade“ von Nikolai Rimski-Korsakow Paris in nur einem Jahr. „Djagilew und die mit ihm zusammenarbeitenden Künstler Fokine, Nijinsky und Bakst schufen ein neues Verhältnis zu den Theaterstücken – geprägt durch eine wahre Synthese von Malerei, Musik und Tanz, bei der

der Maler nicht mehr bloß den Hintergrund gestaltete, sondern dem Komponisten und dem Regisseur gleichgestellt war“, erzählt Natalia Awtomonowa, die Leiterin der privaten Sammlungen des Puschkin-Museums und Kuratorin der Retrospektive von Bakst, die im Sommer 2016 in dem Museum eröffnet wird. „Die mutige künstlerische Gestaltung drängte aufgrund ihrer Grellheit und ihrer Auffälligkeit in den Vordergrund. Ein neues Charakteristikum von Bakst, das alle folgenden Vertreter der russischen Avantgarde im Theater wie Exter, Gontscharowa und Muchina übernommen haben“, betont die Kuratorin.

Vom Theater zum Laufsteg

Das Interesse an Bewegung und dem nackten Körper, an orientalischen Motiven, an Leidenschaft und charmanter Erotik bestimmte bald die Aufführungen der „Ballets Russes“, einem der bedeutendsten Ensembles jener Zeit, und wurde in ihren Ball- und Karnevalkleidern übernommen. Seine Schöpfungen erregten auch auf anderen Brettern der Welt Aufmerksamkeit – bald verkaufte Bakst seine Entwürfe dem berühmten Modeschöpfer Paul Poiret und arbeitete mit Jeanne Paquin zusammen, der Gründerin des Modehauses Paquin.

Ein Kleid, das Leo Bakst für das Modehaus Paquin kreiert hat. 

Er führte Turbane, Pluderhosen und bunte Perücken in die Mode ein. Die extravagantesten Kleider schuf er für die Marquise Luisa Casati, eine Legende der europäischen Bohème des ersten Drittels des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie war bald weißer Harlekin, bald Sonnengöttin, bald Nachtkönigin. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, den er nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika feierte, wollte Bakst ein eigenes Modehaus eröffnen. Dort hätte er neben Kleider auch Schmuck, Möbel, Tapete und Stoffe angeboten. Doch sein plötzlicher Tod im Jahr 1924 ließ diese Pläne scheitern.

Ein Kostüm aus dem Ballett "Narziss". 

Gleichwohl die „Ballets Russes“ auch mit anderen großen Künstlern wie Derain, Matisse oder Picasso zusammenarbeiteten, so war doch gerade der Name Bakst mit dem großen Erfolg des Ensembles verbunden – ein Ruhm, der wie der des Künstlers selbst, weit außerhalb der Welt des Theaters wirkte.

Die Welt trägt Mode à la russe

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