„Russian Angst“: Wie ein deutscher Journalist Russland versteht

RIA Novosti drone camera's view of a rally For Honest Election protesting against the rigging of the 6th convocation State Duma election results

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RIA Novosti
Am 31. Mai wurde im Goethe-Institut in Moskau das Buch „Russian Angst: Einblicke in die postsowjetische Seele“ von Thomas Franke präsentiert. Es beschreibt Russland, wie es der Autor selbst in den letzten fünf Jahren erlebt hat: voller freundlicher Menschen, aber unfreundlicher Politik.

 / Pressebild / PressebildDer Kinosaal des Goethe-Instituts ist halb voll. Auf der Bühne sitzt der deutsche Journalist und Buchautor Thomas Franke, neben ihm Moderator Michael Ratgaus.

Franke berichtet seit mehr als 20 Jahren für SWR, MDR, RBB, Deutschlandfunk sowie die britische BBC über Osteuropa und vor allem über Russland. Zum ersten Mal war er gleich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1992 im Land. In den Folgejahren reiste er hier viel. 2012 zog er dann komplett nach Moskau.

Frankes Präsentation beginnt wie das Buch selbst – bei den Winterprotesten 2011/12 in Moskau: Franke mischte sich damals unter die Demonstranten und, so sagt er heute, wurde positiv überrascht. Es sei eisig kalt gewesen, aber er habe eine besondere Menschenwärme spüren können. Die Menschen, die dort damals für faire Wahlen demonstrierten, hätten die Prozession geradezu genossen, obwohl sie wohl ahnten, dass viele von ihnen später verhaftet werden würden.

Nach diesen Erlebnissen erwartete Franke, dass diese Aktivitäten eine demokratische Wende hervorrufen, dass die russische Gesellschaft sich gegenüber dem Staat emanzipieren würde. Später aber, so meint er, dass sich die Realität doch anders entwickelte. Franke will in Russland eine „Rückkehr der Angst in die Gesellschaft, wenn sie denn jemals wirklich weg war“ beobachtet haben. Gleichzeitig, so betonte er, sei auch eine Angst anderer Länder vor Russland wieder aufgetaucht.

Außer jenen Protesten, erinnert er sich weiter, beeindruckten ihn besonders historische Ausgrabungen in Wolgograd zum 70-jährigen Jubiläum der Schlacht um Stalingrad im Großen Vaterländischen Krieg, die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, die Angliederung der Krim an Russland kurze Zeit später sowie viele persönliche Erlebnisse. All diese Eindrücke von seinen Recherchereisen durch das riesige Land verarbeitete er nun auch in seinem Buch. Franke wolle Russland und dessen Alltag bewusst aus seiner eigenen „deutschen“ Perspektive beschrieben, sagt der Autor. Und lenkt sofort ein: „Russland war selten einfach zu erklären“. 

Im Anschluss an Frankes Präsentation konnten natürlich Publikumsfragen gestellt werden. Und die Frage kam auf, ob Franke mit seinen Beschreibungen des heutigen Lebens in Russland nicht etwa übertrieben habe. Und ob er denn mit einer baldigen Veränderung rechne. Die populärste aller Fragen aber war, warum das Buch „Russian Angst“ heißt – und nicht „Russische Angst“. Und warum gerade ein junges – russisches? – Mädchen mit einer „Bärenmütze“ das Cover ziert. Der Titel solle, so Frank, Assoziationen mit dem Begriff „German Angst“ auslösen, der die Furcht der Deutschen vor einem Verlust von Wohlstand und Sicherheit beschreibt. Geprägt wurde der Begriff in den 1980er-Jahren von den Amerikanern als eine Art kognitives Erbe von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg.

Das Bild habe dann der Verlag gewählt und Franke fand die Wahl eigentlich passend: Das hübsche Mädchen könne ja die russische Gesellschaft darstellen, die furchterregend wirkende Mütze dann die Angst in der Gesellschaft.

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