Vier gute Gründe, warum Sie „Hostages“ sehen müssen

Hostages

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Im Februar lief er noch auf der "Berlinale", im Sommer kommt „Hostages“ nun in den internationalen Verleih: und mit ihm die wahre Geschichte einer im Jahr 1983 versuchten Flugzeugentführung zur Flucht aus dem sowjetischen Georgien.

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1. Reale Ereignisse

Am 17. November 1983 kommt im damals sowjetischen Tiflis nahezu die gesamte feine Gesellschaft der Stadt zu einer Hochzeitsfeier zusammen. Eine Verwandte des damaligen Chefs der Kommunistischen Partei Georgiens, Tinatin Pataischwilis, heiratet den 21-jährigen Schauspieler Gega Kabachidse. Nach der Hochzeitsfeier macht sich das Hochzeitspaar mit einigen Freunden aus der wohlhabenden Jugend auf den Weg in die Flitterwochen nach Batumi.

Hostages / Kinopoisk.ruHostages / Kinopoisk.ruAls das Flugzeug bereits im Landeanflug war, geschehen allerdings zwei unerwartete Ereignisse: Zunächst erhielt die Bordbesatzung vom Tower die Anweisung, aufgrund des stürmischen Wetters über Batumi nach Tiflis zurückzukehren. Auf die Ankündigung, dass das Flugzeug nicht am geplanten Ziel landen könne, folgt kurz darauf die gewaltsame Übernahme des Flugzeugs durch die jungen Passagiere: Wenige Stunden nachdem man sich noch auf der Hochzeitsfeier vergnügt hatte, holen sie nun Waffen hervor, töten einen der Passagiere und verletzten den Bordingenieur. Die Geiselnehmer haben nur eine einzige Forderung: Das Flugzeug soll unverzüglich Kurs auf die Türkei nehmen. Dabei drohen sie, das Flugzeug andernfalls mit einer Handgranate in die Luft zu sprengen.

Doch die Piloten fliegen nicht in die Türkei — in der Nacht des 19. Novembers landet das Flugzeug in Tiflis, in wenigen Stunden wurde die Maschine gestürmt. Dabei kam eine der Flugbegleiterinnen ums Leben. Sämtliche Geiselnehmer außer der Braut, die mit Tinatin verwandt war, wurden zum Tode durch Erschießen verurteilt. Ihre Angehörigen wissen bis heute nicht, wo sich ihre Gräber befinden.

Während die Geschichte in Georgien sehr bekannt ist, wurde sie in der restlichen UdSSR größtenteils unter Verschluss gehalten. Regisseur Reso Gigineischwili ist der erste Filmemacher, der alle verfügbaren Dokumente über die missglückte Flugzeugentführung eingehend studierte. Dem Zuschauer präsentiert er nun seine Interpretation der Ereignisse vom November 1983.

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2. Aktueller Bezug

Der Regisseur verhehlt seine Sympathien für die Flugzeugentführer kaum. Insbesondere die Jungvermählten, die zwar an der Entführung beteiligt waren, aber an Bord niemanden mit einer Waffe bedrohten, stellt er positiv dar. Doch es handelt sich nicht etwa um blinde Begeisterung, die den Tod einiger der Geiseln zu rechtfertigen versucht. Nicht zufällig fragen die Geiseln am Ende des Films unisono: „Warum haben sie das getan? Sie hatten doch alles!“. Und es ist auch kein Zufall, dass die Mutter der Braut diese Jahre später fragt: „War eure Freiheit denn wirklich den Tod anderer Menschen wert?“ und sie die paradoxe Antwort erhält: „Wir haben es getan, weil ihr uns immer wieder erzählt habt, in was für einem schlechten Land wir leben“.

Der Regisseur versucht in seinem Film, die Brücke zu aktuellen Ereignissen zu schlagen. Sein Film handelt von Idealisten, die nicht für eine Konfrontation mit der Realität gewappnet sind. Er handelt davon, dass Freiheit, die mit Blut bezahlt wird, verflucht ist. Die Akteure des Streifens begreifen sehr schnell, dass ihr Unterfangen gescheitert ist, gehen ihren Weg aber dennoch bis zum unausweichlichen Untergang weiter. Auch ist der Film eine Tragödie über das blinde Schicksal, das das Geschick der Helden lenkt und sie von Freiheitskämpfern zu Verbrechern, gar zu Mördern, und schlussendlich selbst zu Opfern werden lässt.

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3. Hochkarätige Besetzung

Das Beste was die georgische Schauspielerzunft zu bieten hat, kommt für „Hostages“ zusammen. So wird die Braut von Tina Dalakischwili gespielt. Ihren Durchbruch hatte sie 2014 mit Anna Melikjans Film „Swesda“ (Der Star), der bei mehreren europäischen Filmfestivals gezeigt wurde. Den Bräutigam spielt Irakli Kwirikadse, ein Debütant, der gegenwärtig noch in Los Angeles Schauspiel studiert. Ihm wird bereits jetzt eine Zukunft als georgisches Sexsymbol vorausgesagt.

Seinen Vater spielt Merab Ninidse, mit dessen Person eine besondere Geschichte verknüpft ist: Der tatsächliche Bräutigam Gega Kabachidse erhielt kurz vor der Flugzeugentführung die Hauptrolle in Tengis Abuladses Kultfilm „Die Reue“. Es waren bereits einige Szenen gedreht worden, aber nachdem Kabachidse zum Tode verurteilt worden war, wurden alle Aufnahmen mit ihm vernichtet und die Hauptrolle in dem Streifen übernahm eben dieser Merab Ninidse.

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4. Beeindruckende Kameraführung

Wladislaw Opeljanz ist einer der besten russischen Kameraleute und kann mit jedem beliebigen Material arbeiten können. Er beherrscht sowohl das „große Kino“, wie zum Beispiel „Die Sonne, die uns täuscht – Der Exodus“ des Oscar-Preisträgers Nikita Michalkows, als auch schlichtes Arthaus-Kino. Mit „Hostages“ aber ist er über sich hinausgewachsen. Man nehme nur die Bilder der Hochzeitsfeier — es ist wohl die beste Kameraarbeit, die die postsowjetische Filmkunst in den letzten zehn Jahren geboten hat!

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