Wie die Romanows westliche Fachkräfte an den Zarenhof lockten

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Russische Zaren waren 200 Jahre lang die großzügigsten Auftraggeber ausländischer Meister. Und die waren ihr Geld wert: Wir erinnern an einige von ihnen.

Zarenresidenz Peterhof / Lori/Legion-MediaZarenresidenz Peterhof / Lori/Legion-Media

Beginnen wir mit der Architektur. Ausländische Baumeister einzuladen, hat in Russland eine lange Tradition – es sei nur an den Italiener Aristotele Fioravanti und seine Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Kreml erinnert.

In der Herrschaftszeit Peters des Großen wurde diese Tradition zur allgegenwärtigen Sitte. Den schweizerischen Architekten Domenico Trezzini warb der russische Zar vom dänischen König in Kopenhagen ab, wo der Schweizer Festungsmauern baute. In Russland schuf Trezzini solche Meisterwerke wie die Peter und Paul Kathedrale und Peters Sommerpalast in Petersburg. 

Zu nennen ist auch der Italiener Giacomo Quarenghi, der das Eremitage-Theater und das Smolny-Institut in Petersburg baute. Er hatte zuvor in seiner Heimat kleinere Aufträge für eine Handvoll europäischer Fürsten verwirklicht.

Doch nicht alle Baumeister mit ausländisch klingenden Namen waren „echte“ Fremde. Viele von ihnen kamen als Kinder nach Russland oder wurden gar in Moskau oder Peterburg geboren. So erhielten sie auch ihre Ausbildung in Russland.

Der Prominenteste in dieser Reihe ist wohl der Baumeister Bartolomeo Francesco Rastrelli, der den berühmten Peterhofpalast schuf. Zwar ist er in Paris geboren, aber in Russland aufgewachsen, wohin Zar Peter der Große dessen Vater, den Bildhauer Carlo Francesco Rastrelli eingeladen hatte. Seine ersten Aufträge bekam er ebenfalls in Russland.

Die Büste des russischen Zaren Peter des Großen von Bartolomeo Carlo Rastrelli. / RIA NovostiDie Büste des russischen Zaren Peter des Großen von Bartolomeo Carlo Rastrelli. / RIA Novosti

Auch Carlo Rossi kam als Jüngling ins Russische Kaiserreich. Seine Architektenausbildung erhielt er in Petersburg und baute dort das Ensemble des Generalstabs auf dem Palastplatz.

Ballett

Den 11-jährigen Rossi brachte sein Stiefvater nach Russland, der Choreograf Charles Le Picq, der zuvor einige Jahre als Ballettmeister am Londoner Königsballett verbracht und davor in der Pariser Oper getanzt hatte.

Le Picq reformierte das russische Ballett vom Ende des 18. Jahrhunderts und verlegte in russischer Sprache die „Notizen zu Tanz und Ballett“ seines Lehrers Jean Georges Noverre.

Als Vater des russischen Balletts gilt Jean-Baptiste Landé der 1734 aus Stockholm nach Russland kam, wo er das französische Theater des schwedischen Königs Friedrich I geleitet hatte. Er gründete die Ballettschule Waganowa-Akademie.

Der Choreograf und Komponist Gasparo Angiolini beeindruckte 1766 den Hof Katharinas der Großen, weil er erstmals russische Volksweisen verwendete. Zuvor hatte er die Balletttruppe des Kaiserlichen Theaters in Wien geleitet. Er war es, für den der Deutsche Christoph Willibald Gluck seine Oper „Orpheus und Eurydike“ komponierte.

Die Französische Revolution kostete viele Aristokraten das Leben, Künstler verloren ihr Auskommen. Deshalb suchten mehrere von ihnen Zuflucht in Russland. Einer von ihnen war Charles Didelot, Liebling des Pariser Publikums und des schwedischen Königs Gustav III.

Charles-Louis Didelot /  New York Public LibraryCharles-Louis Didelot / New York Public Library

Malerei und Skulpturen

Die Liste ausländischer Maler und Bildhauer die nach Russland kamen ist gewaltig. Der von Peter dem Großen eingeladene Bartolomeo Carlo Rastrelli hatte zuvor am Hof von Ludwig XIV gearbeitet. Und Étienne-Maurice Falconet, der das Denkmal „Der eherne Reiter“ in Petersburg schuf, erledigte Aufträge für Madame de Pompadour, die Favoritin Ludwigs XV.

Der Rokoko-Meister Pietro Rotari hatte am sächsischen Hof in Dresden gearbeitet, bevor er nach Russland kam. Die Portraitmalerin Marie Antoinette Élisabeth Vigée-Lebrun, die Frankreich wegen des Terrors verlassen hatte, tourte erfolgreich durch Russland.

George Dawe, Gründer der Militärakademie in der Eremitage, war ein Schützling des Herzogs von Kent und des belgischen Königs Leopolds I. Die Maler Franz Krüger und Franz Xaver Winterhalter waren vor ihrer Russland-Karriere Hofmaler des preußischen Königs beziehungsweise des französischen Königs Louis-Philippe I.

Oper

Dieses Genre erlebte in Russland in der Herrschaftszeit der Kaiserin Anna (1730 bis 1740) seine Anfänge, als eine italienische Truppe unter der Leitung von Francesco Araja nach Petersburg zog. Ihre erste Oper wurde in Florenz am Hof der Medici aufgeführt. Arajas andere Oper „ Céphale et Procris“ - nach einem Libretto von Sumarokow - war das erste Werk dieses Genres in russischer Sprache.

Kulissenentwurf für die Oper "Céphale et Procris" von Francesco Araja / Archive photoKulissenentwurf für die Oper "Céphale et Procris" von Francesco Araja / Archive photo

Der Italiener Giuseppe Sarti hatte das dänische Königliche Orchester geleitet, bevor er später die Musik für die Texte von Katharina der Großen komponierte. Drei Jahre verbrachte in Russland Domenico Cimarosa. Überhaupt gab es im 18. Jahrhundert so viele italienische Komponisten in Russland, dass die Opernsängerin Cecilia Bartoli im Jahre 2014 unter dem Namen „St. Petersburg“ ein ganzes Album ihrer „russischen“ Arien veröffentlicht hat.

Zu erwähnen sei noch Giuseppe Verdi, der im Auftrag des Petersburger Bolschoi-Theaters, heute Towstongow-Theater,  die Oper „La forza del destino“ komponierte.

Die ungekürzte Fassung des Beitrags erschien zuerst auf culture.ru.

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