“Sterben ist heute nichts Neues mehr”: Die schaurigsten Tode russischer Schriftsteller

Während Lew Tolstoi und Anton Tschechow still und leise aus dem Leben schieden, verließen Alexander Puschkin und Michail Lermontow die Welt im Duell. Wieder andere russische Literaten starben jedoch noch weitaus grausamere Tode.

Wsewolod Garschin (1855 – 1888): Sprung vom Treppengeländer

Ilja Repin: Proträt von Wsewolod Garschin

Der für seine Kindergeschichte „Der reisende Frosch“ berühmte Garschin war zwar talentiert, wurde jedoch zu Lebzeiten kaum gelesen. Wäre er nicht schon mit 33 Jahren so tragisch ums Leben gekommen, hätte sich das vielleicht noch ändern können.

Garschin litt seit seiner Kindheit unter einer schizo-affektiven Psychose. Die Krankheit stürzte ihn immer wieder in lang anhaltende Depressionen. Und obwohl Garschin sich im klaren Zustand seiner Krankheit durchaus bewusst war, konnte sie doch in jeder normalen Lebensphase zurückkehren – und das mit den Jahren immer stärker.

1880 verbrachte er darum sogar einige Monate in einer Nervenklinik. Aber auch die Ärzte dort konnten ihm nur vorrübergehend helfen. 1888 sprach er noch zu seinem Freund und Porträtisten Ilja Repin: „Ich habe solche Angst davor, wieder den Verstand zu verlieren… hätte ich doch nur einen Freund, der mein Leben beenden könnte, wenn das passiert!“

Letztlich aber tat Garschin das selbst, als er Angst und Krankheit nicht mehr auszuhalten vermochte: Er sprang mit dem Kopf nach unten von den Treppen in seinem Wohnhaus. Aufgrund der geringen Fallhöhe aber war dies kein schneller Tod: Garschin sollte nach dem Sprung noch ganze fünf Tage im Koma liegen, bis er letztlich von seinen irdischen Leiden erlöst wurde.

Daniil Charms (1905 – 1942): Verhungert in der Psychatrie

Im Unterschied zu Garschin war Charms – wider seine absurden Poeme und Geschichten und ausgefallenen Sprachexperimente – psychisch kerngesund. Aber um dem Militärdienst im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler-Deutschland zu entgehen, täuschte er Schizophrenie vor. Charms hatte selbst deutsche Wurzeln und außerdem waren ihm als Pazifisten das Kämpfen und Schießen grundsätzlich zuwider.

1939, als der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen im Westen schon begonnen hatte, täuschte Charms dann bewusst eine Geisteskrankheit vor. So erhielt er eine Bescheinigung, dass er zum Dienst an der Waffe untauglich sei. Die Gegenwart bedrückte ihn jedoch weiter: „Wir werden mit abgeschlagenen Beinen vorwärts kriechen und uns an brennende Wände heften“, erinnert sich Charms‘ Zeitgenosse Pawel Salzman an eine Aussage seines Schriftstellerfreundes.

Aber so richtig hat sich Charms‘ Trick am Ende doch nicht ausgezahlt – im Gegenteil. Er wurde in eine Psychiatrie in Leningrad (heute Sankt Petersburg) gesteckt. Während der Leningrader Blockade ab 1941 jedoch fehlte es der Einrichtung an Nahrungsmitteln für die Patienten. Und so starb Charms dann letztlich 1942 ganz unpoetisch: Er verhungerte in der Nervenklinik, in die er eigentlich nicht gehörte.

Sergej Jessenin (1895 – 1925): Erhängt im depressiven Rausch

“Als ich versuchte, ihn zu überzeugen, dass er weniger trinken und sich mehr um sich selbst kümmern sollte, wurde er plötzlich sehr nervös: ‘Warum verstehst Du das nicht? Ich kann nicht anders, als zu trinken… Wenn ich nicht trinken würde, wie sollte ich dann das alles hier überleben?“

So muss eines der letzten Gespräche des Poeten Jessenin mit seinem Freund Wladimir Tschernjawskij abgelaufen sein. Jessenin war ein „Superstar“ des sogenannten Silbernen Zeitalters in der russischen Literatur Anfang des 10. Jahrhunderts. Aber schon 1925, mit gerade einmal dreißig Jahren, war der Literaturheld allein, ausgebrannt und stark alkoholabhängig. Ob der Alkohol zur Depression oder die Depression zum Alkohol führte, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Sicher aber ist, dass beide den Poeten langsam und sachte aus dem Leben rissen.

Matwej Roisman, ein anderer Freund, beschreibt Jessenins Zustand so: „Sämtliche Gedanken dieses kranken Mannes ziehen vorbei, als wären sie schwarz angemalt.“ Roisman betont auch, dass Jessenin sich ein Jahr vor seinem Tod ja sogar schon einmal selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen hatte. Dann aber floh er aus den helfenden Armen der Ärzte. Roisman habe den Poeten dann trinkend in einer nahe gelegenen Kneipe gefunden.

Ende 1925 dann muss Jessenin völlig am Ende gewesen sein. Aber genau weiß das niemand. Sein Körper wurde dann erst am 28. Dezember im Leningrader Hotel „Angleterre“ gefunden: Er hatte sich erhängt. Eine Theorie zum Tod Jessenins besagt, dass er möglicherweise auch vom sowjetischen Geheimdienst getötet worden sein könnte.

In einem Brief sandte er ein Gesicht, geschrieben mit seinem Blut, weil es in dem Hotelzimmer keine Tinte gab. Er schrieb: „Zu sterben ist in diesem Leben nichts Neues mehr. Aber zu leben ist natürlich noch weniger neu.“

Ossip Mandelstam (1891 – 1938): Im Arbeitslager zu Tode geschunden

Ossip Mandelstam

Mit Ossip Mandelstamm ist 1933 in weiterer bedeutender Dichter des Silbernen Zeitalters aus dem Leben geschieden: Zuvor hatte er nicht nur das „Stalin-Epigramm“ geschrieben, sondern sich auch noch erdreistet, es laut zu verlesen.

   

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,

Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

   

Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, –

Betrifft's den Gebirgler im Kreml.

   

Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,

Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,

    

Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,

Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.

    

Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,

Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,

    

Die pfeifen, miaun oder jammern.

Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.

    

Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:

In den Leib, in die Stirn, in die Augen, – ins Grab.

    

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –

Und breit schwillt die Brust des Osseten.

   

(Übersetzung: Kurt Lhotzky)

   

In dem kleinen Stück beschreibt er das Leben in Angst unter Stalins Herrschaft. Mandelstam war grundsätzlich eher Sowjet-Skeptiker. Dass er diese besonders kritischen Zeilen komplett vorlas, bezeichnete selbst sein Freund und Schriftstellerkollege Boris Pasternak als Selbstmord.

Die Strafe ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Mandelstam wurde verhaftet. Fünf Jahre mussten er und seine Frau Nadjeschda – ihre Erinnerungen liefern heute am meisten Informationen über Leben und Weltsicht des Dichters – im Exil in Armut verbringen. Schon damals versuchte der Poet, sich das Leben zu nehmen, indem er aus dem Fenster sprang. Aber der Versuch misslang.

1938 wurde er erneut verhaftet und in ein Arbeitslager im Fernen Osten deportiert. Aber dort kam er niemals an. Völlig entkräftet starb er auf dem Weg dorthin am 27. Dezember 1938 in einem Sammellager. Seine Leiche wurde nicht beerdigt und nie mehr gefunden. Mit vielen anderen Körpern wurde sie wohl buchstäblich auf den Müll geworfen.

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