„Nur einer von uns…”: Russischer Satiriker und „Russen-Erklärer“ Sadornow verstorben

Michail Sadornow bei einem Auftritt in Sankt Petersburg, 2010

Michail Sadornow bei einem Auftritt in Sankt Petersburg, 2010

Daria Pichugina / Wikipedia
Am heutigen Freitag verstarb nach langwieriger Krankheit mit 69 Jahren der russische Schriftsteller und Satiriker Michail Sadornow. Jahrzehntelang hielt er sich und seinen Mitmenschen einen selbstironischen Spiegel vor.

Michail Sadornow war am 21. Juli 1948 in Jurmala, Lettische Sowjetrepublik, geboren worden. Der Vater war Schriftsteller – sogar mit einem Stalin-Preis ausgezeichnet – und die Mutter Lektorin bei einer Zeitung. Und der Sohn? Ja, der wurde auch Schriftsteller – aber vor allem Satiriker: In seinen zahlreichen Sketchen zieht er eben jene Dinge durch den Kakao, die oftmals mit so einfachen Phrasen wie „rätselhafte russische Seele“ oder „Russland kann man mit dem Verstand nicht verstehen“ abgetan werden.

«Nur einer von uns kann im Supermarkt Schmelzkäse klauen und dann eine Beschwerde darüber schreiben, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen war.»

Sadornow sammelte unzählige typische, oft völlig unbewusste Verhaltensweisen, die jedoch jeglicher Logik oder Sinnhaftigkeit entbehren.

In kurzen aphoristischen Mini-Erzählungen hielt er seinen Mitbürgern oft einen Spiegel vor – und die lachten und lachen sich bis heute schief.

«Nur einer von uns lässt ganz laute Musik laufen, wenn er am Wochenende morgens etwas repariert, damit die Nachbarn die Bohrmaschinengeräusche nicht hören.»

«Nur einer von uns lässt das letzte Stückchen auf dem Teller, damit er nach dem Abendessen den Teller nicht abwaschen muss.»

«Nur bei uns können an einer roten Ampel zwei blinkende Autos kollidieren.»

Hier ein kleiner Ausschnitt aus einer seiner Shows (auf Russisch):

In den 80er Jahren nahm er zunehmend die Kommunistische Partei der Sowjetunion aufs Korn:

«Nur ein russischer Mensch bekreuzigt sich, bevor er seinen Stimmzettel für die KPRF in die Wahlurne wirft.»

Später kritisierte er oft den amerikanisierten Lebensstil vieler Russen, besonders seit dem Zerfall der UdSSR in den 90ern.

«Nur für unsere Leute ist es leichter, auf Demonstrationen zu gehen, als den Müll rauszubringen.»

Und oft vergleicht er seine Mit-Russen auch mit anderen Nationen.

«Ein Amerikaner denkt im Gehen, ein Deutscher im Stehen, ein Engländer im Sitzen. Nur ein Russe denkt später. Erstmal macht er etwas und dann denkt er nach, wie er das wieder gerade biegen könnte, was er da angestellt hat.»

Seine späteren populär-linguistischen Arbeiten über die mögliche Herkunft verschiedener russischer Wörter wurde von Wissenschaftlern heftig kritisiert. Als Schauspieler, Dramaturg, Schriftsteller und aber vor allem als Humorist jedoch erfreute er sich stets großer Beliebtheit.

«Nur ein russischer Mensch wirft alle dreckige Wäsche ungeordnet in die Waschmaschine, um sie dann vor der eigentlichen Wäsche noch einmal herauszuholen und nach weiß und bunt zu trennen.»

Vor einem Jahr teilte er mit, dass er gerade eine Chemotherapie absolviere, geplante Auftritte sagte er langfristig ab. Zuletzt verweigerte er eine Verlängerung der medizinischen Behandlung und nahm den orthodoxen Glauben an.

Der russische TV-Sender REN-TV, mit dem Sadornow bis zuletzt zusammenarbeitete, zeigt heute ganztägig dessen Shows.

«Nur einer von uns hält beim Teetrinken unbedingt mit dem rechten Daumen den Teelöffel in der Teetasse fest, damit er beim Teetrinken nicht stört. Denn nur unser Mensch lässt den Teelöffel beim Teetrinken im Tee, damit man ihn dabei mit dem rechten Daumen festhalten kann, damit er beim Teetrinken nicht stört.»

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