UdSSR: Keine Heimat für Sowjet-Kritiker

Millionen Menschen wurden zu Sowjetzeiten zwangsumgesiedelt.

Millionen Menschen wurden zu Sowjetzeiten zwangsumgesiedelt.

Ria Nowosti
Am 28. Dezember wird in Russland der Deportation der Kalmücken gedacht. Das westmongolische Volk war nicht das einzige, das zu Sowjetzeiten zwangsumgesiedelt wurde. RBTH erinnert an das Schicksal der deportierten Völker und gesellschaftlichen Gruppen.

In der Sowjetunion wurden unliebsame Zeitgenossen deportiert. Ganze gesellschaftliche Gruppierungen fielen den Verschleppungen zum Opfer, stets erfasst von den offiziellen Stellen. „Diese Zwangsumsiedlungen betrafen mehr als 60 Millionen Menschen, darunter 14 verschiedene Nationalitäten und 47 Volksgruppen“, beschreibt Historiker Nikolai Bugaj vom Institut für russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften das Ausmaß.

Die ersten Deportationen fanden unmittelbar nach der Revolution 1917 statt. Die Zwangsumsiedlung betraf zunächst die Kosaken, die sich gegen die neue Sowjetregierung auflehnten. Um die 70 000 Menschen mussten ihre angestammte Heimat verlassen. Ihr Land wurde unter Inguschen und Tschetschenen aufgeteilt. „Die Kosaken wurden aus dem Süden umgesiedelt, von den Ufern des Kubans, Tereks und Dons, in den Norden Russlands, nach Archangelsk und Komi. In den Zwanzigerjahren folgte eine Kollektivierungswelle, als die Großbauern den Nordkaukasus verlassen mussten“, erzählt Bugaj.

Zum 1. Januar 1932 lag die Zahl der von der „Kulaken-Verbannung“ betroffenen Bauern bei über einer Million. Die meisten wurden nach Kasachstan und in die Gebiete Nowosibirsk und Swerdlowsk umgesiedelt. Mitte der Dreißigerjahre begannen in der UdSSR auch Deportationen von Bürgern, die von der sowjetischen Regierung als „sozial gefährlich“ eingestuft wurden. Darunter waren viele Bewohner der Großstädte und aus den Grenzgebieten. 

Eine neue Zwangsheimat

Zunächst wurden alle Finnen aus dem 22 Kilometer langen russisch-finnischen Grenzgebiet, später die Einwohner des 100 Kilometer langen Grenzgebiets in der Umgebung von Leningrad (dem heutigen Sankt Petersburg) und des 50 Kilometer langen Grenzgebiets in Karelien deportiert. Insgesamt sollen nach Schätzungen rund 30 000 Menschen von den Maßnahmen betroffen gewesen sein. „Ab 1935 wurden aus den westlichen Sowjetgebieten 10 000 Polen und 35 000 Deutsche zwangsumgesiedelt. Vor dem Krieg mussten 8 000 Iraner, 172 000 Koreaner und um die 20 000 Kurden den Süden der UdSSR verlassen“, listet Historiker Bugaj auf.

Am 23. April 1937 wurde im sowjetischen Tagesblatt „Prawda“ ein vermeintliches „japanisches Spionagenetzwerk“ im Fernen Osten aufgedeckt. Die dort lebenden Koreaner und Chinesen wurden beschuldigt, mit den Japanern zu kollaborieren. So begann die totale Zwangsumsiedlung im Vorfeld eines drohenden militärischen Konflikts mit Japan. Die Schulausbildung in koreanischer Sprache wurde an sowjetischen Schulen gänzlich abgeschafft, und in den Pässen der betroffenen Sowjetbürger wurde vermerkt, dass ihre Reisefreiheit innerhalb des Landes einschränkt war.

Gleichermaßen fanden im Grenzgebiet zu Polen sogenannte „ethnische Säuberungen“ statt. 1937 und 1938 wurden Iraner und Kurden – ehemalige Einwohner der Grenzgebiete von Armenien und Aserbaidschan – nach Kasachstan und Zentralasien vertrieben. Eine weitere Deportationswelle brach nach dem Angriff Nazi-Deutschlands auf die UdSSR über die Deutschen herein. Im ganzen Land wurden mehr als eine Million Deutsche zwangsumgesiedelt. 1942 wurde für sie eine sogenannte „Arbeitsarmee“ gegründet, in der sie als Zwangsarbeiter dienen mussten. Neben den Deutschen setzte sich diese Arbeitsarmee zudem aus etwa 20 000 Rumänen, Finnen, Italienern und Griechen zusammen. Die Arbeitsbedingungen und die Verpflegung unterschieden sich nicht von denen im sowjetischen Gulag.

In den Kriegsjahren 1941 bis 1945 waren zahlreiche Völker des Nordkaukasus Deportationen ausgesetzt: Inguschen, Tschetschenen, Kalmücken und Karatschaier. 1944 wurden die Krimtataren und Mescheten verschleppt. „Nach Abschluss der Krim-Operation mussten im November 1944 an die 85 000 Mescheten ihre Gebiete verlassen. Sie wurden vor allem nach Kirgisien und nach Usbekistan verbannt“, führt Nikolai Bugaj aus und fügt hinzu: „Heute leben in Russland, der Ukraine und in Georgien nur noch um die 40 000 Mescheten.“

Die Deportationen dauerten bis Anfang der Fünfzigerjahre an. Zur Mitte des Jahrzehnts begann die Rehabilitierung. 1991 wurde das Gesetz „über die Rehabilitierung der Völker, die Opfer von Repressionen waren“, verabschiedet, das die Deportationen als eine „Politik der Verleumdung und des Genozids“ verurteilte.

Große Kunst aus dem Gulag

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