Altgläubige, Briten und ein Ball: Die unbekannte Geschichte des russischen Fußballs

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GEORGI MANAJEW
Die Geschichte des Fußballs in Russland ist noch jung. Im 19. Jahrhundert trugen die als sehr konservativ bekannten Altgläubigen zur Verbreitung des Ballspiels bei. Heute gehört der Fußball zu den liebsten Sportarten der Russen.

Weit vor dem Siegeszug des Fußballs gab es in Russland bereits ein Ballspiel. Dabei bestand die Aufgabe einer jeder der zwei beteiligten Mannschaften darin, den mit Federn gefüllten weichen Stoff- oder Lederball aus dem Spielfeld des Gegners herauszuholen. Das Spiel gehörte zu den traditionellen Feiertagsritualen zu Hochzeiten und Ostern, verlor sich aber Ende des 19. Jahrhunderts. Das Fußballspiel in seinem heutigen Gewand kam dann mit den Briten nach Russland, wurde aber vor allem von den hiesigen Altgläubigen propagiert.

Die fremde Vergangenheit

Das erste Fußballspiel in Russland fand am 24. September 1893 in Sankt Petersburg statt. Eine lokale Zeitung berichtete damals: „Das Spielfeld versank im Schlamm. Die Sportler in ihren weißen Trikots rannten und fielen immer wieder in den Dreck, sodass sie bald so schwarz waren wie Schornsteinfeger. Das Publikum hatte die ganze Zeit über zu lachen.“ Damals war Fußball noch eine von vielen Sportarten wie Tauziehen, Leichtathletik, Rennen usw.

Das erste eigenständige Fußball-Match fand dann in dem Dorf Orechowo-Sujewo im Gebiet Wladimir statt. Die Region war damals vor allem geprägt von den Textilfabriken der wohlhabenden Morosow-Brüder. Dadurch wuchs die Bevölkerung schnell an. Die Morosows gehörten bekanntermaßen zur Bewegung der Altgläubigen. um ihr Unternehmen auf den neuesten technischen Stand zu bringen, luden sie fachkundige Ingenieure aus Großbritannien ein. Und jene wiederum brachten ihren Nationalsport mit, den Fußball.

Zunächst kickten die Briten in Orechowo-Sujewo noch unter sich oder gegen die Mannschaften der britischen Ingenieure von der Hopper-Fabrik in Moskau. 1896 entstand im Moskauer Stadtteil Sokolniki der erste Fußballplatz Russlands, 1905 dann die ersten Mannschaften mit auch russischen Spielern. In Orechowo-Sujewo allerdings verzögerte sich der Siegeszug des Ballspiels aus religiösen Gründen noch um einige Zeit.

Die Altgläubigen am Ball

Seit den 1880er Jahren schon versuchte damals der Brite Harry Charnock, Chef der Textilfabrik Nikolskoje in der Nähe von Orechowo-Sujewo, regelmäßige Fußballspiele zu veranstalten und auch russische Spieler in die Mannschaften zu holen. Charnock hielt den Fußball für eine gute Alternative zu dem vor Ort doch sehr populären Alkoholgenuss. So kamen junge und alte Amateurkicker an den Ball.

Da die Ideologie der Altgläubigen aber noch strenger als die reformierte orthodoxe Kirche Spiele als sündig verurteilte, verwahrten sich die Morosows gegen eine Popularisierung des Sports. Zumal in kurzen Hosen, also mit nackten Beinen gespielt wurde, was für sie völlig inakzeptabel war. Dann aber gab es 1895 einen Aufstand in einer der Morosow-Fabriken. Daraufhin erlaubte die örtliche Regierung dann doch öffentliche Fußballspiele als eine Art Volksfest, bei dem sich die Arbeiter dann auch noch sportlich abreagieren können.

1909 ging Charnock dann zum Gouverneur des Wladimirer Gebiets, Iwan Sasonow, um eine eigene Liga anzumelden. Charnock präsentierte Sasonow dabei Ausschnitte aus der deutschen konservativen Zeitung „Die Woche“, die von einem Fußballspiel in Berlin berichtete, bei dem sogar ein Prinz kickte. Der damalige preußische Herrscher Wilhelm II war ein Cousin des russischen Zaren Nikolai II., umso mehr überzeugt das deutscher Beispiel den Wladimirer Gouverneur.

1912 dann traten bei der Orechowo-Sujewo-Liga erstmals 29 Mannschaften an 30 Spielstätten der umliegenden  Arbeiterdörfer gegeneinander an. In der Jugend-Liga traten 12 Teams an. Insgesamt gilt diese erste russische Liga als größte in der russischen Fußball-Geschichte.

Der Aufstieg in Russland

Nun musste dringend ein Kompromiss zwischen Glaube und Sport her. Charnock schreibt dazu in seinen Memoiren, dass zunächst alle nötigen Fußballutensilien außer den Mannschaftstrikots aus England eingeführt wurden. Letztere mussten sich die Spieler dann selbst nähen (lassen). Im Ergebnis waren „die meisten von ihnen dann knöchellang… der Mannschaftskapitän, eine Englishman, protestierter laut, aber vergebens. Vor Anpfiff des ersten Spiels dann aber griff er zu einer drastischen Notlösung. Mit der Hilfe zweier Jurymitglieder schloss er, ausgerüstet mit Lineal und Schere, die bereits umgezogenen Spieler in den Umkleideräumen ein und kürzte ihnen die Hosen auf die vorgeschriebene Länge.“

Letztlich gaben dann aber auch die Altgläubigen nach und nahmen selbst an russischen Fußballspielen teil. 1910 konnten russische Teams in Orechowo-Sujewo erste Siege gegen ihre britischen Gegner verzeichnen. Der Fußball eroberte die Herzen der Russen. Nach den turbulenten Revolutions- und Bürgerkriegsjahren formierte sich 1923 dann die erste sowjetische Nationalmannschaft – aber das ist dann schon eine andere Geschichte…

So begann einst der Fußball seinen Siegeszug in Russland. Und nun, keine 250 Jahre später, steht schon die Weltmeisterschaft 2018 in Russland vor der Tür. Hier lesen Sie dazu mehr:

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