Was halten die Russen vom Datenschutz?

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JEKATERINA SINELSCHTSCHIKOWA
Das Recht, Geheimnisse zu haben, völlige Isolation oder universelle Offenheit - lesen Sie, wie sich Russen im Zuge des Facebook-Skandals entscheiden und warum.

Während das soziale Netzwerk Facebook nach dem Cambridge Analytica-Skandal (eng) eine erhebliche Krise durchlebt, ist die spontane Kampagne #deletefacebook im Internet in vollem Gange.

Noch vor vier Jahren waren die Menschen in Russland davon überzeugt, dass das größte soziale Netzwerk Datenschutz garantiert. „Facebook Inc. hat vor langer Zeit alle meine persönlichen Daten von Facebook.com übernommen. Ich habe wenig Interesse an den Details dieser Eigentümerschaft, da ich glaube, dass der Aktienkurs der FB-Aktie eine ausreichende Motivation für Facebook ist, meine Privatsphäre bis zum bitteren Ende zu schützen,“ schrieb (rurs) Michail Gurewitsch, ehemaliger stellvertretender Generaldirektor von RBC, einer der größten Medienholdinggesellschaften Russlands, 2014 auf seinem Facebook-Account.

Seitdem hat Russland ein Gesetz erlassen, das alle ausländischen Unternehmen verpflichtet, persönliche Daten von Russen in Russland zu speichern, und der Kampf für die Privatsphäre hat sich größtenteils in Apps von Nachrichtenübermittlung verlagert. Es wird von Pawel Durow, dem Gründer von VKontakte, Russlands beliebtestem sozialen Netzwerk, und dem Telegram-Nachrichtendienst angeführt. Entgegen dem Gesetz, das in dem Land verabschiedet wurde, weigert sich Durow, die Konto-Schlüssel an die Geheimdienste zu übergeben. „Telegram wird kämpfen, um die Freiheit und das Recht der Nutzer auf ein Privatleben zu schützen“, sagt (eng) Durow. Die Messaging-App ist jetzt im Begriff, blockiert zu werden, aber ihr Besitzer glaubt immer noch, dass das Privatleben immer privat bleiben sollte. Was denken die Menschen in Russland darüber?

Das grundlegende Recht, Geheimnisse zu haben

Meinungsumfragen (rus) zufolge ist die Ansicht, dass der Staat unter keinen Umständen Zugang zu den persönlichen Daten der Menschen haben sollte, bei den Russen am weitesten verbreitet.

„Man sollte sich nicht trösten, indem man denkt, dass die eigene Wenigkeit für das Lubjanka (FSB-Hauptquartier am Moskauer Lubjanka-Platz, Anm. d. Red.) nicht von Interesse ist. Ja, das interessiert das Lubjanka nicht. Aber es könnte für einen Polizeibeamten von großem Interesse sein. Er wurde vielleicht von Ihrer Konkurrenz bezahlt, oder vielleicht haben Sie sich in einem Stau mit ihm gestritten“, sagte (rus) der Ural-Journalist Dmitri Kolezew.

Daten sind durch die Verfassung geschützt und viele Benutzer schreiben über dieses grundlegende Recht, Geheimnisse zu haben. „Ich will zum Beispiel einfach nicht bespitzelt werden. Habe ich nicht ein Recht darauf? Es ist mir egal, ob das irgendetwas in meinem Leben verändert oder nicht. Ich will es einfach nicht. Und ich versuche alles zu tun, um es denen, die mich ausspionieren, so schwer wie möglich zu machen“, sagt (rus) der Nutzer Mazayats.

In dem Forum der Habrahabr IT-Gemeinschaft schreibt (rus) Karamax, dass er nie Fotos von sich selbst hochgeladen hat, wo sie öffentlich zugänglich sind, er hat nicht einmal für ein Abschlussalbum ein Foto von sich gemacht und das einzige Foto ist in seinem Pass und „selbst das habe ich selbst gemacht“. „Und manchmal lasse ich mein Handy zu Hause - lass sie denken, dass ich, sagen wir mal, ‚krank geworden‘ und zu Hause geblieben bin. Außerdem habe ich keine SIM-Karten in meinem Namen registriert. Alle meine SIM-Karten sind entweder in falschen Namen registriert oder unbeschrieben.“

Aber es gibt nicht viele Leute wie ihn. Im Allgemeinen versuchen die Benutzer, ihre Privatsphäre zu schützen, indem sie beispielsweise ihre Laptop-Kameras und Mikrofone abdecken. In 2016 taten (rus) dies fast ein Viertel aller Russen. Übrigens, im Jahr 2014, im Zuge des Edward-Snowden-Skandals, machten (rus) es mehr als die Hälfte der Russen. „Nachdem ein Bekannter von mir mit den Webcams aller Nutzer eines Providers verbunden ist und leicht Zugang hat, verdecke ich immer meine Webcam“, sagt (rus) Nikolai Schmidt auf der The Question-Webseite.

„Kontrolle und Sicherheit“ versus „Nervige Werbung“

Inzwischen sind zwei weitere Ideen in Russland weit verbreitet: „Ich bin nicht wichtig genug für den Staat, um Zeit und Ressourcen für mich aufzuwenden“ und „Ich bin eine ehrliche Person und ich habe nichts, wofür ich mich schämen müsste“. Wenn es also um Privatsphäre geht, sind die Menschen bereit, etwas zu opfern. Und meistens aus Gründen der Sicherheit.

„Ich glaube, dass man dank der Arbeit mancher Menschen auf eine gewisse Anzahl von vereitelten Terrorakten hinweisen kann, und offenbar hat die Überwachung dazu beigetragen. Ich bin nicht gleichgültig gegenüber der Tatsache, dass soziale Netzwerke und Suchmaschinen den Rechts- und Ordnungsorganen Daten übermitteln, aber ich hoffe auch, dass dies dazu beitragen wird, dass wir über einen Punkt hinauskommen, an dem es gleichgültig ist, wer mit wem schläft und wer über wen, wie und wo masturbiert“, glaubt (rus) Nikita Gusakow.

Sicherheit war auch das Hauptargument in der Debatte darüber, ob es notwendig ist, alle persönlichen Daten über Russen auf Servern im Land zu speichern. „Wenn Daten im Ausland fortlaufend gespeichert werden, ist es unmöglich, ihre Verwendung zu kontrollieren“, sagte (rus) Alexander Scharow, Leiter vom Roskomnadzor, der das Internet in Russland reguliert, in der Internetzeitung Lenta.ru. Als Beispiel nannte er die Art und Weise, in der Unternehmen Daten für gezielte Werbung nutzen. „Ich finde es nervig, wenn ich Werbung als E-Mail bekomme, an der ich absolut kein Interesse habe. Ich mag es nicht“, behauptete (rus) Scharow.

Keine Privatsphäre

Es scheint, dass die Mehrheit der Russen sich in einer Sache einig ist - dass es in der heutigen Welt und insbesondere im Internet keine wirkliche Privatsphäre mehr gibt. „Wenn ich nicht will, dass meine persönlichen Daten da draußen sind, bedeutet das, dass ich die Vorteile der technologischen Gesellschaft, in der ich lebe, nicht genießen möchte“, lautet (rus) das Fazit des Technologieunternehmers und Leiters der Radius Group Dmitri Marinitschew.

„Sie können nicht mehr für sich selbst entscheiden. Jedes Mal, wenn Sie auf ihr Android-Gerät niesen, fragt Google: Dieser Ort, zu dem Sie gegangen sind, leben Sie hier, arbeiten Sie hier oder haben Sie gerade nur einen Moment hier geparkt? Und Sie waren nicht allein hier, sondern in der Gesellschaft dieser Leute - sind sie Ihre Freunde oder was? Eine Amerikanerin, die ich kenne, ist in Russland angekommen, und Facebook hat ihre Posts, die gar nichts mit Russland zu tun hatten, sofort an die Spitze meines Feeds gesetzt. Dadurch merkte ich erst, dass sie wieder in Russland war“, schrieb (rus) Juri Sinodow auf Facebook.

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