Geheime Prüfung: Die harte „Taufe“ junger russischer Archäologen

Archäologin der internationalen archäologisch-geographischen Expedition in Kysyl-Kuragino mit den goldenen Artefakten, die bei den Ausgrabungsarbeiten gefunden wurden

Alexander Krjaschew/Sputnik
Sie tragen die Stiefel toter Männer, suchen nach Schlüsseln inmitten von nassen Würmern und essen Sprengstoff – das sind nur einige der Initiationsriten, die man bestehen muss, um ein russischer Archäologe zu werden.

Jeder russische Geschichtsstudent, der einmal an einer archäologischen Expedition teilgenommen hat, weiß, was eine archäologische Initiation ist. „Archäologen glauben meist nicht an Gott“, sagt die Historikerin, Reiseleiterin und Archäologin Natascha Iljina. „Aber unsere Wissenschaft beschäftigt sich mit vergangenen Kulturen und dem alltäglichen Leben der Menschen, die einst tief in ihren religiösen Traditionen verwurzelt waren. Man hat also unweigerlich das Gefühl, mit etwas Heiligem in Kontakt zu kommen.“

Zu einer Expedition gehört immer eine Gruppe von Archäologen, die von einem erfahrenen Archäologen, Gelehrten oder Praxisexperten begleitet wird. Jedes Jahr besucht zudem eine Gruppe von Geschichtsinteressierten dieselbe Ausgrabungsstätte, um dort zu graben sowie um historische Artefakte zu studieren und zu erforschen. Natürlich gibt es bei jeder Expedition auch bestimmte Traditionen und Bräuche, die sich eingebürgert haben.

„Wir wissen immer noch nicht, was mit ihnen passiert ist“

Leider entschlossen sich nur wenige Archäologen dazu, sich mit uns über ihren Beruf und die damit verbundenen Riten zu unterhalten. „Jede Expedition möchte ihre Riten aus offensichtlichen Gründen geheim halten: Man möchte nicht, dass die Neulinge eine Ahnung davon haben, was auf sie zukommen könnte“, sagt Jan, ein erfahrener Archäologe, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Sowohl Jan als auch Natascha sind sich einig, dass das Hauptziel der jeweiligen Riten darin besteht, zu „prüfen“, ob der Neuling zukünftig in der Lage ist, als Archäologe zu arbeiten.

„Erfahrene Archäologen versuchen den Neulingen normalerweise solange Angst zu machen, bis ihre Hände zittern“, lacht Jan. „Man erzählt ihnen Dinge wie: Seit der Initiation im letzten Jahr gelten einige Leute als vermisst. Wir wissen immer noch nicht, was mit ihnen passiert ist.“

Doch warum macht man den Studenten überhaupt Angst? Vermutlich, weil die Ausgrabung von Gräbern und Leichen zuweilen ein recht unangenehmes, furchteinflößendes Unterfangen sein kann. Außerdem wird der Neuling bei fast jeder „Einweihung“ mit Erde, Lehm und Wasser übergossen sowie mit Brennnesseln geschlagen. „All das ist eine Art Taufe mit all den Elementen, mit denen jeder Archäologe häufig in Berührung kommt“, erklärt Natascha.

„Liebe die Erde wie dich selbst“

Jeder archäologische Initiationsritus ist einzigartig und verläuft anders. Expeditionen in Zentralrussland spielen beispielsweise Szenen mit „Fürsten“ und „Bojaren“ nach. Archäologen in den südlichen Teilen Russlands im einstigen Gebiet der Goldenen Horde verkleiden sich wiederum als tatarische Khane und Krieger. Eines der Hauptziele ist es dabei, den Neulingen beizubringen, die eigene Angst und Abscheu zu bekämpfen. „Wir gießen Wasser in einen Kanister, füllen ihn mit Würmern und werfen einen Schlüssel hinein. Die Neulinge müssen den Schlüssel so schnell wie möglich finden und rausholen“, sagt Natascha. Ein anderes beliebtes Ritual ist – unter Verwendung einer Karte – das Finden und Ausgraben einer Wodkaflasche, die zuvor tief im Schmutz, Staub, Sand und Müll vergraben worden ist.“

Bei den Ausgrabungen an Schauplätzen des Zweiten Weltkrieges wird es jedoch ernst. „Die Ausgrabungsstätte befindet sich etwa zwei Kilometer vom Aufenthaltslager entfernt. Vor allem nachts kann der Rückweg durch den Wald ziemlich ungemütlich sein und ein wenig einem Streifzug durch ein Gebiet voller Leichen gleichen. Aus diesem Grund müssen die Neulinge nachts den Hin- und Rückweg als eine Art Prüfung zurücklegen. Als Beweis, dass sie dort waren, müssen sie einen russischen Winterfilzschuh (Walenok) der sowjetischen Truppen oder eine Gasmaske mitbringen, die sie bei der Ausgrabung entnommen haben“, sagt Jan.

Um die Prüfung zu bestehen, müssen die Neulinge sogar bei einigen Expeditionen, die den Zweiten Weltkrieg betreffen, TNT essen, das im Vorfeld verfallener Munition entnommen wurde. „Man muss einen winzigen Klumpen eines ausgegrabenen Sprengstoffes essen und ihn mit Wodka hinunterspülen. Da TNT wirklich eklig schmeckt, müssen sich viele danach übergeben. Aber das gehört zur Initiation dazu, wenn man ein Kriegsarchäologe sein möchte“, fährt Jan fort.

Die „Einweihung“ wird normalerweise mit einem Gelübde beendet: „Ich schwöre, die Erde wie mich selbst zu lieben“. Oder: „Ich schwöre, mein Leben für die Geschichtswissenschaft zu riskieren, die Ehre der Expedition zu wahren und die Grabräuber in den Gräbern, die sie plündern, lebendig zu begraben.“

Außerdem ist es üblich, Neulinge mit einem kleinen, oftmals seltsamen Geschenk zu begrüßen. Es kann ein Keramikfragment oder ein T-Shirt sein, auf dem das Jahr der Einweihung steht. „Die Mitglieder der Expeditionen zu Schauplätzen des Ersten und Zweiten Weltkrieges verschenken oft spezielle Amulette wie beispielsweise Anhänger aus Granatsplittern und Kugeln, die von Leichen stammen“, sagt Jan. „Man nimmt an, dass etwas, das jemanden in der Vergangenheit tötete, eines Tages demjenigen, der es trägt, das Leben retten kann. Ich habe auch so ein Amulett. Es handelt sich um ein 7,62 Millimeter Kalibergeschoss aus dem Jahr 1941.“

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