Was ist Sljákot und wie wird er in Russland bekämpft?

Yevgeny Sofiychuk/TASS
Stellen Sie sich vor, Sie haben auf Ihrem Weg drei Straßen zur Auswahl: eine mit braunem Schneematsch, eine mit einer großen unpassierbaren Pfütze und eine mit matschigem Schnee in einer unpassierbaren Pfütze. Welche werden Sie wählen? Die Bewohner der meisten russischen Städte stehen jeden Frühling vor dieser Wahl.

An einem Frühlingstag im Jahr 2020 stand Maria (Name geändert), eine Medizinstudentin aus der Kleinstadt Kamensk-Uralskij (Gebiet Swerdlowsk), mit einer Freundin vor einer Unterführung, in der knietief schmutziges, nach Fäkalien riechendes Wasser stand. Ein paar Holzplanken in der Mitte des Wegs waren eine Art „Rettungsring“. Es war die einzige Möglichkeit, die Bahnlinie zu überqueren. Maria wäre wohl, wie früher auch, über die Gleise gestiegen, aber Tags zuvor war sie von der Polizei erwischt worden und musste 100 Rubel (1,10 Euro) Strafe zahlen.

Am Rand der Unterführung war etwas weniger Wasser und die jungen Frauen beschlossen, dort entlang zu gehen und sich mit den Händen an den Wänden abzustützen. „Nach ein paar Schritten waren meine Füße trotzdem nass. Ich rutschte aus und schlug mit dem Kopf gegen ein Schild, das direkt vor mir hing. Es blutete und ich war zunächst besorgt. Dann stellte sich heraus, dass es keine Gehirnerschütterung, sondern nur eine Platzwunde war. [Ich] legte zusammen mit meinen Eltern der Polizei eine Bescheinigung der Rettungsstelle vor – [letztendlich] musste ich keine Strafe [für den Verstoß vom Vortag] zahlen, aber die Polizisten bat mich, niemandem von dem Vorfall zu erzählen“, berichtete Maria.

Das Wasser wurde ein paar Tage später aus der Unterführung gepumpt. Genau ein Jahr später war sie wieder mit Wasser gefüllt. Die Anwohner überqueren die Bahnlinie wie gewohnt entweder über den „Holzsteg“ oder  über die Bahngleise.

Jedes Jahr im Frühjahr bedeckt mit Erde und Schmutz vermengtes Schmelzwasser die Gehwege und zerstört die Straßen in fast allen Städten Russlands. Selbst in Moskau riskiert man, wenn man aus einem Auto aussteigt oder die Metro-Station verlässt, in eine Pfütze oder Schneematsch zu treten.

Dieses äußerst unangenehme, aber den meisten Russen bestens vertraute Phänomen hat einen schwer zu übersetzenden Namen: Sljákot. Das Wort wurde in der ausländischen Presse erstmals wahrscheinlich 2013 von Miriam Elder in einer Kolumne in The Guardian erwähnt. Aber Sljákot gibt es in Russland, solange man sich erinnern kann, und wird immer noch bekämpft. Es scheint ein langer Weg bis zum Sieg zu sein.

Durch Pfützen auf Reifen und in Schlauchbooten

Ein junger Mann kommt in einem Schlauchboot aus einer überfluteten Unterführung in der Kleinstadt Ob, Gebiet Nowosibirsk, heraus gerudert. Bekleidet mit Matrosenhemd und einem Eimer auf dem Kopf, hält er eine Gitarre in den Händen. Das Boot ist mit Blumen und brennende Kerzen geschmückt. Er beginnt, eine einfache Melodie zu spielen, und junge Frauen in Masken und wallenden Kleidern erscheinen um ihn herum und beginnen zu tanzen.  

Dieses Video mit dem Titel Venezianischer Karneval in der Stadt Ob wurde seit 2018 fast 60.000mal auf YouTube angesehen. Der Kameramann und Videoredakteur Denis Jelisejew, ein 19-jähriger Student und Redakteur der Community Stadt Ob Online im sozialen Netzwerk VKontakte, widmete es der Stadtverwaltung, die den Kampf gegen den Schneematsch offensichtlich aufgegeben hat, so dass es jedes Frühjahr zu Hochwasser kommt.

„Alljährlich, während der Tauwetterperiode, schmilzt der Schnee, der nicht von den Straßen geräumt wurde <...> Die Kanalisation wird der großen Wassermengen nicht Herr und die Gullys laufen über. Es bilden sich riesige Pfützen auf den Straßen, die Unterführungen sind überflutet. <...> Die Menschen beginnen, über die Bundesstraßen zu rennen, und selbst dort läuft ihnen das Wasser in die Schuhe. Manch einer zieht seine Schuhe sogar aus, krempelt die Hosenbeine hoch und geht barfuß“, erzählt Jelisejew.

Nach der Veröffentlichung des Videos habe die Stadtverwaltung kostenlose Shuttlebusse zur Verfügung gestellt, die die Menschen von einer Seite der Unterführung auf die andere transportierten, aber die waren nicht beliebt – die Menschen fanden die lange Wartezeit zu unbequem.

Nach mehreren Jahren ist das Problem immer noch nicht gelöst. In Jelisejews Internet-Community wurden auch im April 2021 wieder Fotos von unpassierbaren Pfützen veröffentlicht, aber diesmal in der Nähe von Straßenüberführungen: Nach dem Foto zu urteilen, springen die Stadtbewohner, einschließlich ältere Menschen, über alte LKW-Reifen zur Treppe des Übergangs.

650 Kilometer von Ob entfernt liegt Omsk – eine weitere Stadt, die unter dem Schneematsch leidet. Laut der Anwohnerin Ljudmila Makarjewa können die Kinder jedes Jahr im Frühjahr wegen der Pfützen nicht auf den regulären Wegen zur Schule gelangen.

„Dadurch haben die Kinder einen neuen Spaß – auf den Rohrleitungen, die entlang des Gebäudes verlegt sind, zu krabbeln und zu laufen. Aber man rutscht da schnell einmal herunter. Die Stadtverwaltung riet, sich mit der Verwaltungsgesellschaft in Verbindung zu setzen. Doch nach den zwei Wochen, die es dauerte herauszufinden, wer für die überflutete Straße verantwortlich ist, war diese bereits wieder trocken. Ich kann nicht glauben, dass wir zwei Wochen lang in knietiefem Schneematsch laufen mussten“, sagte Makarjewa.

Ende März 2021 wurde in mehreren Bezirken von Nowosibirsk aufgrund von Schneematsch und möglicher Unterspülung der Ausnahmezustand ausgerufen, um die Stadt vom Schnee zu befreien. Mitte April 2021 waren einige Straßen und Wege in der Stadt immer noch überschwemmt, berichtete die lokale Niederlassung des Katastrophenschutzministeriums.

Nach Angaben des Anwohners Dmitrij Sacharow schafften es die Versorgungsunternehmen nicht, den Schnee rechtzeitig zu entfernen, so dass er direkt auf der Fahrbahn schmolz und den Asphalt beschädigte.

„Es gibt keine Straßen mehr – sie wurden einfach weggespült. Mehrmals bin ich deshalb in Schlaglöcher geraten – in den letzten zwei Jahren musste ich einen Satz neuer Reifen kaufen, die eigentlich 5 - 10 Jahre halten sollten. In die Löcher wird einfach Asphalt geschaufelt und dann etwas festgestampft – das ist die ganze Notfallhilfe!“, beklagt sich Sacharow.

Ungleicher Kampf mit den Elementen

Laut dem Verband der Hersteller von Rohrleitungssystemen (APTS) sind 960 von 1.092 Städten in Russland von Staunässe betroffen, darunter Moskau, St. Petersburg, Nowosibirsk, Kasan und andere Großstädte.

Eine Studie von Wissenschaftlern des Instituts für Industrieökologie der Uralabteilung (UB) der Russischen Akademie der Wissenschaften sieht die Hauptquelle für Schneematsch und Schmutz in russischen Städten im nicht geschmolzenen Schnee, der auf Rasenflächen liegen bleibt: Autofahrer parken oft auf Rasenflächen (obwohl dies mit Bußgeld geahndet wird) und führen dabei Schmutz auf den Reifen mit. Eine andere Quelle sind kommunale Versorgungsbetriebe, die während ihrer Arbeit tagelang Baugruben hinterlassen, aus denen der Schmutz vom Regen auf die Gehwege gespülte wird.

Verschiedene Städte sehen die einzige Methode, der Staunässe Herr zu werden, darin, den schmelzenden Schnee rechtzeitig mit Schaufeln und Schneeräumgeräten durch die Stadtreinigungsbetriebe wegräumen zu lassen. Dies geschieht zum Beispiel in Jaroslawl und St. Petersburg.

In Moskau erfolgen neben der permanenten Schneeräumung seit 2017 auch Reparaturen und der Bau neuer Abschnitte des Regenwasserkanalsystems – laut der Website des Moskauer Bürgermeisters hat die Zahl der Schneematschstellen dadurch abgenommen.

Diese Maßnahmen reichten jedoch nicht aus, glauben Wissenschaftler. Ihrer Meinung nach sollten Schnee und Schmutz außerhalb von Wohngebieten sofort entfernt und die Höfe so gestaltet werden, dass Erde nicht auf die Gehwege gelangen und Autos nicht über Rasenflächen fahren können.

Außerdem werde das Auftreten von Schneematsch durch verschlissene Regenabflüsse erleichtert, die zu selten gereinigt werden. Das Abwassersystem selbst benötige eine umfangreiche Rekonstruktion, so die APTS.

Das Problem werde auch dadurch verschärft, dass es in Russland keinen gesetzlichen Zwang gibt, bei der Verlegung von Straßen in Städten Regenabflüsse einzurichten – eine solche Regelung existiert nur außerhalb geschlossener Ortschaften. Die Verwaltungen versuchten, Geld zu sparen und weigerten sich, Regenabflüsse in der Nähe von Straßen, Unterführungen und Fußgängerzonen anzulegen, was ebenfalls zu Staunässe führe, die Unfallwahrscheinlichkeit erhöhe und die Lebensdauer der überfluteten Straßen deutlich verkürze, sagt der Generaldirektor der Vereinigung Wladislaw Tkatschenko.

„Letztendlich werden die Straßen so projektiert, wie es gerade kommt – ohne Regenentwässerung. Deshalb müssen wir unsere Straßen häufiger reparieren, die Zahl der Autounfälle und -pannen steigt und die Bevölkerung fühlt sich weiterhin unwohl, weil sie über Pfützen springen muss, nasse Füße bekommt und krank wird“, erklärt Tkatschenko.

Der Verband hat das Komitee für Verkehr und Bauwesen der Staatsduma gebeten, in den Entwurf zur Änderung des Gesetzes Über Straßen und Straßenbetrieb in der Russischen Föderation die Forderung nach obligatorischen Regenwasserableitungen für alle Straßen in Russland aufzunehmen. Ende April 2020 lehnte der Komiteevorsitzende Jewgeni Moskwitschew die Bitte der Vereinigung ab.

In seiner Antwort auf die Anfrage hob Moskwitschew die Bedeutung der Regenwasserkanalisationen zur Verbesserung der Verkehrsbedingungen und zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit hervor. „Allerdings haben Fragen der Straßenverbesserung nichts mit der Kontrolle der Bereitstellung und Verwendung von Mitteln für den Straßenbau zu tun, die durch den Gesetzentwurf vorgesehen sind“, schrieb der Vorsitzende des Ausschusses in Reaktion auf die Anfrage (das Dokument liegt Russland Beyond vor).

Russia Beyond hat Anfragen an den Ausschuss für Verkehr und Bauwesen der Staatsduma, das Ministerium für Bauwesen und kommunale Dienstleistungen der RF sowie an die Stadtverwaltungen von Kamensk-Uralskij, Nowosibirsk, Ob und Omsk gerichtet. Die Antworten stehen noch aus.

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