Saudisch-iranischer Konflikt: Besser ohne Russland!

Dmitrij Diwin
Eine Einmischung in den saudisch-iranischen Konflikt könnte Russland teuer zu stehen kommen, meint Außenpolitikexperte Nikolai Koschanow. Will Moskau in der Region künftig eine größere Rolle spielen, sollte es Neutralität wahren – solange russische Interessen nicht berührt werden.

Nach der Hinrichtung des schiitischen Predigers Nimr Al-Nimr in Saudi-Arabien sind die saudisch-iranischen Beziehungen extrem angespannt. Wird sich Moskau in den Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien einmischen? Der Iran kann trotz einiger Vorbehalte als prorussisch bezeichnet werden. Es wäre daher konsequent, ihn wie einen Verbündeten zu unterstützen. Zudem ist die Bereitschaft Moskaus, seine Partner nicht im Stich zu lassen, zu einem neuen Markenzeichen der russischen Außenpolitik geworden.

Russland könnte der Versuchung erliegen, den Konflikt zu nutzen, um sich als bedeutender Player und Vermittler zu profilieren. Das Land könnte eine neutrale Position einnehmen und sich aktiver an den Verhandlungen zur Konfliktbeilegung beteiligen. Die guten Beziehungen zu Teheran und ein andauernder Dialog mit Riad könnten Russland dabei helfen, diese Rolle erfolgreich auszufüllen. Die Golfstaat-Monarchien mögen Russland zwar nicht, respektieren es aber, vor allem im Hinblick auf das russische Engagement in Syrien. Der Friedensprozess in Syrien ist durch diesen weiteren Konflikt infrage gestellt worden. Ohne die Bereitschaft der regionalen Mächte zu einer Zusammenarbeit wird es jedoch schwierig sein, wieder Bewegung hineinzubekommen.

Bislang sieht es so aus, als hätte sich Russland für die Vermittlerrolle entschieden, eine Rolle, die zumindest das russische Außenministerium von vornherein vorgesehen hatte. Allerdings ist auch eine zukünftige Blockbildung mit Teheran nicht ausgeschlossen, vor allem im Hinblick auf den Wunsch der russischen Machthaber, die nationalen Interessen stärker zum Ausdruck zu bringen.

Freundschaft versus Interessensverteidigung

Riad und Teheran ringen seit Jahren um die regionale Vorherrschaft. Die Iraner haben sehr wohl erkannt, dass der Konflikt mit Saudi-Arabien sich auf die wirtschaftspolitischen Beziehungen des Irans zu den Nahost-Nachbarstaaten nach der Aufhebung der Sanktionen negativ auswirken könnte. Teheran geht keinen offenen Konflikt ein. Wäre es da ratsam für Moskau, sich auf die Seite einer der beiden Konfliktparteien zu schlagen? Der derzeitige maximale Nutzen der russisch-iranischen Beziehungen sind ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis und eine punktuelle Zusammenarbeit. 2014 machte der russische Warenumsatz mit dem Iran 1,46 Milliarden Euro aus, der mit Saudi-Arabien 1,09 Milliarden Euro. Während der Warenumsatz mit Saudi-Arabien im Laufe der letzten Jahre zunahm, wies die Entwicklung des Warenumsatzes mit dem Iran eine negative Tendenz auf.

Politisch betrachtet gibt es ebenfalls keine ausreichende Basis für eine russisch-iranische Allianz. Zwar stehen sich die beiden Länder sowohl in Fragen der Lösung des Syrien-Konflikts als auch bezüglich der Lage im Irak und in Afghanistan nahe, doch eine Übereinstimmung gibt es nicht. Teheran positioniert sich indes als ein potenzieller Konkurrent Russlands auf dem europäischen Erdgasmarkt.

Potenzielle Verluste

Eine Parteiergreifung für Teheran könnte Russland spürbare Verluste durch einen Konflikt mit Saudi-Arabien einbringen. Der Kreml hofft immer noch auf gemeinsame Projekte mit den Golfstaaten und auf deren Investitionen. Eine Allianz mit dem schiitischen Iran würde hingegen jenen Mächten zuspielen, die Moskau als einen Feind der Sunniten darzustellen versuchen, um sowohl Russlands Stellung im Nahen Osten zu schwächen als auch die russischen Muslime gegen den Staat aufzubringen.

Auch Israel darf nicht aus dem Blickfeld geraten. Tel-Aviv erwies sich mehrfach als ein „stiller Partner“ Russlands in der Konfliktregion. Die Wirtschaftsbeziehungen der beiden Länder erleben derzeit einen Aufschwung. Die israelische Staatsführung hat sich den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen. Zudem reagierten die Israelis konstruktiv auf die russischen Bombardements in Syrien. Auch diese Einstellung ist günstig für Moskau.

Zuletzt kommt die Imagefrage hinzu. Nach 1979 gab es im Iran zwei Versuche, das Botschaftsgebäude der UdSSR in Teheran zu besetzen. Hat Russland das Wohlwollen eines Staates nötig, der bereit ist, derartige Verletzungen der diplomatischen Souveränität zu ignorieren? Die zögerliche Reaktion Moskaus auf die Besetzung der saudi-arabischen Botschaft in Teheran stellte die Aufrichtigkeit des Landes bei der deklarierten Verteidigung des Völkerrechts infrage.

Was ist zu tun?

In der gegenwärtigen Situation ist es einerseits hilfreich, dass Moskau Teheran eindringlich auf die Unantastbarkeit von diplomatischen Missionen hinweist und andererseits die beiden Konfliktparteien zum Dialog aufruft. Eine Unterstützung Teherans sollte hingegen unspektakulär ablaufen, und auch nur im Fall, wenn Saudi-Arabien gegen russische Interessen handeln und einen Schaden verursachen sollte. Andernfalls würde sich Russland in einen Krieg ohne klares Ziel, aber mit unnötigen Opfern hineinziehen lassen.

Nikolai Koschanow ist Berater des Programms „Außenpolitik und Sicherheit“ des Moskauer Carnegie-Zentrums. Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC.ru

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