Der Woronzow-Palast: Sieben Fakten zum „britischen“ Schloss auf der Krim

Vorontsov Palace

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Das Anwesen eines Aristokraten, Churchills Villa und ein Kurort für Sowjetagenten – in seiner langen Geschichte hatte der Woronzow-Palast auf der Halbinsel Krim viele Funktionen. Seine Erscheinung aber blieb immer gleich.

1. Von einem englischen Hofarchitekten entworfen

Graf Woronzow, der erste Gouverneur des Schwarzmeerbezirks Noworossijsk, liebte England. Als Sohn eines russischen Botschafters hatte er seine Kindheits- und Jugendjahre in London verbracht. Es ist also wenig verwunderlich, dass er seine Sommerresidenz auf der Krim nach englischem Vorbild gestalten ließ. Der britische Hofarchitekt Edward Blore entwarf das Gebäude.

Der britische Architekt Edward Blore / Global Look PressDer britische Architekt Edward Blore / Global Look Press

Blore hatte zuvor den Buckingham Palace zu Ende gebaut, nachdem John Nash zurückgetreten war – ihm ist die Hauptfassade zu verdanken. Außerdem restaurierte Blore den St James’s Palace in London und baute den Salisbury Tower des Windsor Castle. Auf der Krim war Blore aber nie gewesen, sein Schüler William Hunt setzte dessen Projekt vor Ort um.

2. Viele unterschiedliche Stile und Epochen vereinen sich

/ Danita Delimont/Global Look Press/ Danita Delimont/Global Look Press

20 Jahre dauerte der Bau des Anwesens, von 1828 bis 1848. Letztlich entstand am Fuße des Berges Ai Petri ein Schloss aus fünf Flügeln mit 150 Zimmern. Blore verwendete Stilelemente unterschiedlicher Epochen, möglicherweise um echte britische Schlösser nachzuahmen, die von mehreren Generationen von Besitzern erbaut worden waren.

 / Danita Delimont/Global Look Press / Danita Delimont/Global Look Press

Unbezwingbare „mittelalterliche“ Türme werden durch verglaste Erker abgelöst, hohe Schornsteine mit Dekorelementen und große Fenster erinnern an den Tudor-Stil des 16. Jahrhunderts. Weil im 19. Jahrhundert der türkische Einfluss auf der Krim noch zu spüren war, ließ der Architekt auf dem Anwesen auch orientalische Elemente einfließen: einen hufeisenartigen Bogen über dem Südeingang und Türme, die an Minarette einer Moschee erinnern.

3. Die Skulpturen über der Paradetreppe wurden in Italien bestellt

/ Server Amzayev/Global Look Press/ Server Amzayev/Global Look Press

Ein sehr imposantes architektonisches Element ist die Treppe der Südfassade, die zum Park hinausführt, der wiederum zum Meer hin abfällt. Ihr wichtigstes Ornament sind Löwen aus Carrara-Marmor, die in der Werkstatt des italienischen Bildhauers Giovanni Bonanni bestellt wurden. Der Meister selbst schuf den bezaubernden schlafenden Löwen. Die beiden anderen Skulpturen – den erwachenden und den erwachten Löwen – vertraute er seinen Schülern an.

4. Ein deutscher Landschaftsarchitekt legte den Park an

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Der große Landschaftspark war ein nicht weniger wichtiger Teil des Anwesens als das Schloss selbst. Zwei Jahre vor Baubeginn wurde mit dem Anlegen des Parks begonnen. Der deutsche Karolus Keebach, Sohn eines Hofgärtners, wurde damit beauftragt, einen „Wintergarten unter freiem Himmel“ zu schaffen. Graf Woronzow selbst formulierte es so. Also pflanzte Keebach in Alupka exotische Bäume und Pflanzen und schaffte es, diese in der neuen Umgebung gedeihen zu lassen. Alle Neuheiten des unweit gelegenen Botanischen Gartens des Zaren wurden unverzüglich auch für den Park des Grafen Woronzow übernommen.

5. Das Interieur aus der Mitte des 19. Jahrhunderts blieb vollständig erhalten

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Von der stürmischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde die Ausstattung des Anwesens kaum in Mitleidenschaft gezogen – sie hat ihre ursprüngliche Fülle bis heute bewahrt.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Zimmer unter dem Einfluss des Eklektizismus in unterschiedlichen Stilen gestaltet. Die Lobby erinnert mit einer Holzdecke, massiven Sesseln und Familienportraits an die alte britische Schlosstradition. Die Wände des chinesischen Kabinetts sind mit Tüchern aus edlen Leinenstoffen geschmückt, das blaue Gästezimmer wird durch Pflanzenornamente verziert und ist im Stil des russischen Klassizismus möbliert.

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Das Paradeesszimmer wiederum versetzt den Besucher in den Rittersaal eines mittelalterlichen Schlosses. Im Wintergraten stehen inmitten exotischer Pflanzen zahlreiche Skulpturen aus Marmor. Die Küche im Wirtschaftsflügel des Anwesens hat sogar ein konkretes Vorbild: Sie ist nach der Küche im königlichen Schloss in Brighton gestaltet, die wenige Jahre zuvor gebaut worden war.

6. Der erste Schlossbesitzer war eine berühmte Persönlichkeit

Thomas Lawrence: Portrait von Michail Woronzow / The State Hermitage MuseumThomas Lawrence: Portrait von Michail Woronzow / The State Hermitage Museum

Graf Michail Woronzow war eine durchaus bekannte Figur beim Militär und in der Politik seiner Zeit. Sein Vater war ein berühmter Diplomat und Botschafter in London. Woronzow selbst nahm an allen wichtigen Kriegskampagnen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts teil.

Er zeichnete sich im russisch-türkischen Krieg und während der Napoleonischen Kriege aus, war an der Einnahme von Paris im Jahr 1815 beteiligt. Im Unterschied zu vielen anderen ranghohen Militärs zog er dabei persönlich in die Schlacht. Zudem schuf er eine neue Dienstordnung für seine Untergebenen und schaffte körperliche Strafen ab.

Als Statthalter im Süden Russlands und im Kaukasus bewirkte Woronzow sehr viel für den Wohlstand der Regionen. Eines seiner besten Portraits wurde vom britischen Maler Thomas Lawrence geschaffen und ist heute in der Eremitage zu sehen.

7. Das Anwesen war eine Residenz Churchills und eine Datscha des NKWD

Jalta-Konferenz / Global Look PressJalta-Konferenz / Global Look Press

Vom 4. bis 11. Februar, während der Jalta-Konferenz, auf der die Oberhäupter der UdSSR, der USA und Großbritanniens das Schicksal Nachkriegseuropas entschieden, war der Woronzow-Palast die Residenz Churchills und seiner Delegation. Nach dem Krieg unterstand das Anwesen dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) und diente als Datscha für dessen Mitarbeiter.

Hier erholten sich regelmäßig die nach Stalin wichtigsten Persönlichkeiten der UdSSR, die für die Sicherheit des Staates zuständig waren: Lawrentij Berija, Lasar Kaganowitsch, Wjatscheslaw Molotow. 1956 wurde das Anwesen zum Museum.

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