Platzkart-Tagebuch: Abenteuer in der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Moskau und Wladiwostok

Peggy Lohse / Russia Beyond
In den Großraumschlafwagen russischer Fernzüge lernen Sie viel Neues über Liebe, Glaube, Spaß und Pelzmäntel.

Tag 1: Herzlich willkommen in Ihrem neuen Heim!

Spät am Abend am Jaroslawler Bahnhof in Moskau. 00.39 Uhr geht mein Zug. Er steht schon an Bahnsteig zwei. Auf dem grünen vordersten Wagen steht in chinesischen Hieroglyphen "Moskau - Peking". Die übrigen Waggons sind grau, die kyrillischen Buchstaben sagen mir, dass einer dieser Wagen meiner sein muss: "Moskau - Wladiwostok", 9300 Kilometer, sechs Tage, neun Zeitzonen liegen vor mir.

Mein Platzkartwagen ist bis auf den letzten Platz besetzt. Platzkart ist die günstigste, dritte Klasse in den traditionellen russischen Fernzügen. In einem großen Raum befinden sich 54 Liegeplätze. Meine 53 neuen Nachbarn sitzen bislang ruhig da und warten auf die Abfahrt. Als sich der Zug langsam in Bewegung setzt und die Moskauer Stadtlichter vorm Fenster langsam verfliegen, kommt der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle.

Darauf folgt eine beeindruckende Routine: Wie eine perfekt einstudierte Choreografie verstauen alle ihr Gebäck unter, über und neben den Liegen. Ein netter Nachbar hilft mir mit meinem Riesenkoffer und klemmt ihn unter mein neues Bett, als wäre das nur gerade dafür gemacht. Als nächstes beziehen wir alle unsere Betten. Die Ersten klettern schon - mehr oder wenig elegant - auf ihre oberen Liegen. Hauptsache, man tritt keinen der Nachbarn.

Am Ende des Waggons hat sich eine Schlange gebildet - dort muss die Toilette sein. Am Eingang, direkt neben den zwei Schaffnerkabinen, steht ein großer Samowar mit immer heißem und kostenfreien Trinkwasser. Beim Schaffner kann man sich ein Teeglas für die Fahrt leihen. 

Und dann ist auch schon Schlafenszeit. Das Licht wird abgedunkelt. Und im Rhythmus des ewigen Padam-padam-padam rollen wir langsam ins Traumland.

Tag 2: Morgensonne mitten im Nirgendwo

Mein erster Morgen in einem russischen Fernzug. Und ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Eine ältere Dame grüßt mich: "Dobroje utro!" Offenbar hatte ich länger geschlafen als alle anderen. Draußen scheint die Sonne und die ersten bunten Holzhäuschen-Dörfer fliegen vorbei. 

Eine junge Dame sitzt mir gegenüber und studiert Französisch-Lehrbücher. Sie  heißt Maria und fährt gerade aus Moskau zu ihren Eltern in den Ural. in der Hauptstadt arbeitet sie für eine Möbelfirma. Sie mag Sankt Petersburg und Moskau, aber lieben tut sie Frankreich. Ihr Freund kommt von dort und nun träumt sie davon, mit ihm gemeinsam dorthin umzuziehen. 

Als ich ihr erzähle, dass ich den kommenden Winter in Sibirien leben werde, fragt sie sofort nach meiner Winterkleidung. "Du brauchst eine Schuba, einen Pelzmantel!" Dann erläutert sie mir ausführlich die preislichen und qualitativen Unterschiede mehrerer Pelzsorten. Eine knappe halbe Stunde später emphiehlt sie mir Mouton-Mäntel, die hielten warm und seien nicht zu teuer. 

Mascha muss in Jekaterinburg aussteigen. Ihre Eltern umarmen sie auf dem Bahnsteig. Ich sollte mich im Winter dann doch für einen dicken Daunenmantel entscheiden, der auch bei -45°C noch warm hält. Und als ich später mit Mascha skype, ist sie schon mit ihrem Franzosen verheiratet und lebt mit ihm in einer südfranzösischen Kleinstadt. 

Tag 3: Wider den Fernzug-Trott

Jeder einzelne der insgesamt etwa zwei Dutzend Waggons hat zwei Schaffner oder Schaffnerinnen in zwei Schichten. Die meisten sind Frauen. Während eine arbeitet, schläft die andere. Tagsüber hat bei uns eine kräftige Frau um die 40 Schicht, die sich auch von einem Grüppchen Männer, die gerne trinken und rauchen wollen, nichts sagen lässt. Sie heißt Olga. 

Als ich mir dann am Samowar einen Kaffee aufgieße, fragt sie mich die klassischen Fragen: Woher ich denn komme, was ich in Russland mache und warum um alles in der Welt ich denn so lange Zug fahren wolle. "Wir haben hier nicht so oft Touristen in den normalen Linienzügen. Und die wenigen, die ab und an mitfahren, können meist kaum Russisch." 

Gegen Abend ist Nowosibirsk unsere nächste große Haltestelle. Wenigstens zehn Minuten zum Füße Vertreten auf dem Bahnsteig. Ältere Frauen - die berühmten Babuschkas - verkaufen alles, was man zum Überleben in Russland braucht: Brot, Börchen, Eierkuchen Bliny, Wasser, Limo, Bier, Fisch, Beeren, Schals,...

Obwohl Olga bei uns eigentlich noch Schicht hat, springt sie kurz nach mir aus dem Zug, greift mich am Arm und zerrt mich fort. "Lass uns ein Eis kaufen gehen!" Der Eisstand war erst im Bahnhof. "Keine Sorge, ohne mich fahren wir bestimmt nicht los!" Und schon hüpfen wir über die Gleise. Dass auch das verboten ist, stört uns kaum.

Und auch die Warteschlange am Eisstand scheint für Bahnbedienstete nicht zu gelten. Im Nullkommanix hatten wir unsere leckeren Vanille-Plombir-Eiswaffeln in der Hand. Dieses Eis war schon zu Sowjetzeiten berühmt. Und im letzten Moment springen wir wieder in den Zug, der denn auch sofort weiter fährt.

>>> Dossier: 100 Jahre Transsibirische Eisenbahn

Tag 4: Neue Gesichter, neue Geschichten

Irgendwo zwischen "Nowosib", das oft auch als heimliche Hauptstadt Sibiriens gehandelt wird, und Irkutsk am Baikalsee wechseln meine Nachbarn und Mitreisenden komplett. In dem kleinen Ort Jurga steigt eine große Soldatentruppe zu. Der ganze Bahnsteig steht in Camouflage. Es sind alles noch ganz junge Männer, die gerade erst zur Armee fahren. Ständig rufen die Mütter an. Sie sind still. Was sie wohl in den nächsten zwölf Monaten erleben werden? 

In einer anderen Kleinstadt steigt eine Gruppe älterer Männer zu. Ihre Gesichter wirken schwer, tiefe Furchen ziehen sich darüber. Die Männer sind gebräunt und dennoch blass. Einer der jüngeren versucht mit mir zu flirten. Als er hört, dass ich Deutsche bin, glaubt er das erst, als er den Pass sieht. Könne ja nicht sein, dass hier ein Mädel aus Deutschland alleine durch Sibirien reist.

Diese Männer, das erzählt mir der spontane Verehrer, kommen aus dem Norden. Sie arbeiten auf einer Ölförderstation, deren namen ich mir nicht merken konnte. Dort waren sie fünf Monate eingesetzt. Jetzt dürfen sie für zwei Wochen bis zu zwei Monaten zu ihren Familien. Ein anderer entschuldigt seinen Kollegen: "Wissen Sie, wir haben die letzten fünf Monaten keine Menschenseele gesehen, außer uns selbst, geschweige denn eine Frau..."

Nach einer Weile kommt auch diese Gruppe zur Ruhe. Sie packen geräucherten Fisch aus, mit Knoblauch und Brot. Und auch Bier und Wodka. Aber hier sagen selbst unsere beiden Schaffnerinnen nichts. Die Männer sind ruhig. Und diese "Betthupferl" ganz offensichtlich gewöhnt.

Tag 5: Sehnsucht nach Bewegung oder "I want to break free!"

Am Morgen passieren wir den berühmten Baikalsee! Nur etwa 20 Minuten dauert die Fahrt direkt an der Küste entlang. Die Sonne geht langsam im dichten Nebel über dem tiefsten See der Erde auf. Im Winter muss hier alles weiß sein - in Schnee und Eis. Davon sollte ich mich dann später in einer weiteren Zugreise auch überzeugen dürfen. Aber gerade möchte ich am liebsten die Notbremse ziehen, nur um diesen Blick noch länger genießen zu können.

Von meinen Nachbarn, die nun fast schon so eine Art "zeitlich begrenzte Familie" geworden sind, steigt einer nach dem anderen aus. Besonders viele in Tschita. Jetzt kommen nur noch wenige Großstädte - wir fahren gleich über die Grenze Sibiriens zum Fernen Osten. Im Wagen wird immer mehr Platz. Aber obwohl man natürlich an allen längeren Halten aussteigen kann, wird doch das Bedürfnis nach richtiger Bewegung mittlerweile schon mit jeder Stunde stärker. Arme und Beine, Muskel und scheinbar sogar die Knochen fühlen sich an wie eingerostet.

Mir gegenüber sitzt eine neue Nachbarin. Sie heißt auch Olga und war früher Volleyball-Profi. Seit einer Operation an einem Sprunggelenk kann sie nicht mehr spielen. Nun macht sie jeden Tag lange Spaziergänge, macht Gymnastik und schwimmt viel. Sie fährt zu ihrer Familie nach Chabarowsk. Sie hat gerade praktisch ein Abteil für vier Personen für sich allein.

Wir überlegen kurz - und nutzen die Chance: Es stellt sich heraus, dass die russischen Platzkartabteile für Yoga-Übungen prima geeignet sind. Ob Baum, Berg oder Kämpfer - das Ruckeln des Zuges erhöht die Herausforderung, das Gleichgewicht zu behalten. Und die oberen Liegen und die Decke sind gerade so weit von einander entfernt, dass man sich durchaus ein bisschen mit der kleinen Fingerspitze halten kann.

Aber der Abschnitt der alten Baikal-Amur-Magistrale (BAM) ist in so schlechtem Zustand, dass der Zug mit nur etwa 30 Stundenkilometer durch die mittlerweile birkenfreien Hügelketten tingelt.

Tag 6: Abschied von den Birken

Jeden Tag haben wir eine Zeitzonengrenze überquert. Jetzt wird mir auch klar, warum sich das ganze Eisenbahnnetz nach der Moskauer Zeit richtet. Alles andere würde nur ein heilloses Chaos verursachen. Jeden Tag haben wir Hunderttausende Birken da draußen gesehen. Wir haben uns an das gleichmäßige Hämmern der Räder auf den Schienen gewöhnt. Und nun? Nun geht jeder weiter seiner eigenen Wege. Angekommen in Wladiwostok. 

Das Tolle an solchen langen Zugfahrten ist: Sie "leben" - wenn auch nur für ganz begrenzte Zeit - mit absolut fremden Menschen auf engem Raum. Wie eine Familie auf Zeit. Und weil man sich kaum wiedertreffen wird im Leben, sprechen viele im Zug so sehr offen über ihr Leben und ihre Ansichten, wie sie es im Alltag wohl nur mit ihren besten Freunden tun. Wenn überhaupt. Sie hören Geschichten von Liebe, Vertrauen, Verrat, viel über Politik, Kultur, Arbeit, Alltag, Geschichte und allerlei Buntes. Öffnen Sie Ohren und Herz - dann wird eine solche Zugfahrt eine einfach unvergessliche Reise in das, was Russland wirklich ist. Groß, weit und rau.

>>>Eine Fahrt mit der Transsib: Auf dem Weg durch Russland

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