Der Rjasaner Kreml – ein "Überlebender" mit wechselhafter Geschichte

1912

1912

Sergej Prokudin-Gorski
Dieser einmalige Festungsbau hat Jahrhunderte voller Umwälzungen und Umbrüche erlebt – und überstanden.

Die rund 150 Kilometer südöstlich von Moskau gelegene Stadt Rjasan hat etwa eine halbe Million Einwohner. Vor über 100 Jahren waren es nicht einmal 50.000. Die jahrhundertelange Geschichte der Stadt mit all ihren stürmischen Zeiten hat einer mit angesehen und buchstäblich überstanden: der beeindruckende Rjasaner Kreml.

2005

Historische Turbulenzen

Kaum eine der altrussischen Städte im heutigen Zentralrussland hat eine nervenaufreibendere Geschichte hinter sich als Rjasan. Die Stadt spielte schon vom 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts eine wichtige Rolle, bevor sie dann die völlige Kontrolle über den Fluss Oka als Haupthandelsweg gen Südosten übernahm.

Die Stadt war damals schon von einem großen Erdwall umgeben und wurde immer weiter befestigt. Heute befinden sich hier einige der wichtigsten archäologischen Grabungsstätten des Landes. Trotz aller Sicherungsanlagen wurde Rjasan 1237 von den Mongolen-Tataren völlig verwüstet. Zahlreiche Versuche, die Stadt wieder aufzubauen, wurden von den regelmäßigen Tatareneinfällen zunichte gemacht. 

1912

Im 14. Jahrhundert dann entschlossen sich die politische und kirchliche Eliten, die Stadt Rjasan in der besser zu schützenden Siedlung von Perejaslawl wieder zu errichten, das etwa 35 Kilometer nordwestlich an der Mündung des kleinen Flusses Turbesch in den Oka lag.

Lange Zeit hieß die Stadt dann entsprechend Perejaslawl-Rjasanskij und erhielt noch bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine große Kreml-Festung, deren Erdwälle bis heute noch gut erhalten sind. Aber die Schwierigkeiten nahmen noch lange kein Ende: Als  zwar die Tatarenüberfälle bereits nachließen, ereilten die Stadt am Ende des 16. Jahrhunderts Hungersnöte und Seuchenepidemien. Während des 17. Jahrhunderts, der berüchtigten Zeit der Wirren, wurde Perejaslawl-Rjasanskij erneut weitgehend zerstört. Seit 1778 nun heißt sie einfach wieder Rjasan.

1912

Die größte Kirche der Stadt ist die Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale, die ihren Namen von ihrer ebenso geweihten Vorgängerin im Alten Rjasan des 12. Jahrhunderts übernahm. Im 15. Jahrundert entstand der erste Bau aus Holz. Keine 100 Jahre später befahl Metropolit Pawel von Rjasan (Dienst von 1681 bis 1686), das sein viel größeres Gebäude her müsse, da die Gemeinde ja stetig wachse. 1684 begannen erneut die Bauarbeiten, aber nur acht Jahre später, 1692, stürzte der instabil konstruierte und mangelhaft errichtete Bau wieder ein.

Nach diesem Debakel übergab der folgende Metropolit Awraamij (Dienst von 1687 bis 1799) die Bauleitung dem renommierten Architekten Jakow Buchwostow. Der aber sah sich gleich mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert: Der Baugrund musste gründlich befestigt werden, wenn der geplante große Kirchenbau diesmal halten sollte. Außerdem war Buchwostow noch in andere Bauprojekte involviert und mit ihnen auch in zahlreiche juristische Streitigkeiten. Dennoch konnte er die Himmelfahrt-Kathedrale mit der Hilfe lokaler Baumeister noch 1699 vollenden. 

1984

Drei Jahre später dann war auch das Interieur fertig, darunter auch die berühmte große Ikonentafel. Im August 1702 wurde das Gotteshaus dann endlich geweiht, allerdings schon vom dritten mit dem Bau beschäftigten Metropoliten, Stefan Jagorskij (1658-1722), einem der führenden Kirchenvertreter zu Regierungszeiten Peter des Großen.

Mit der Weihe jedoch waren die baulichen Schwierigkeiten der Kirche nicht überwunden. Aufgrund der exponierten Lage, wurden Dach, Kuppel und die höher liegenden Fenster bald von der Witterung stark beschädigt. Aufgrund von Rissen in den Wänden lief die Kirche wieder Gefahr, einzustürzen. 1800 verfügte dann die Heilige Synode in Sankt Petersburg, dass das Gebäude umgehend abgerissen und neu aufgebaut werden müsse.

1912

Glücklicherweise aber beriet sich dann der Metropolit Simon von Rjasan (1778 – 1804) noch einmal mit den lokalen Behörden und konnte mit der Unterstützung ansässiger Geschäftsleute die finanziellen Mittel akquirieren, die für eine umfassende Sanierung nötig waren. Leider nur starb Simon von Rjasan 1804, nur wenige Monate vor der erneuten Weihe der Kathedrale.

Ein einzigartiger Bau

Die Rjasaner Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale mit ihren fünf Türmen und Kuppeln und großen Fensterfront ist knapp 40 Meter hoch und steht auf einem komplexen Gewölbesystem im Kellergeschoss. Die großen Fenster umrahmen verzierte Kalksteinsäulen und –giebel.

1984

Als die Kathedrale 1929 von den Bolschewiki als Gotteshaus geschlossen worden war, wurde sie zunächst als Archiv, später in den 60er Jahren als Museum genutzt. 1993 wurde sie wieder ihrer eigentlichen Funktion als Gotteshaus zurücküberführt. 2008 wurde die Kathedrale der Rjasaner Diözese zurückübereignet.

Auf der Westseite der Kathedrale steht der riesige Glockenturm, an dem allein mehr als ein halbes Jahrhundert – von 1789 bis 1840 – gebaut worden war. Mindestens drei Architekten waren an dem Bau beteiligt, darunter auch Andrej Woronichin, einer der wichtigsten Sankt Petersburger Baumeister des 19. Jahrhunderts.

1912

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte der russische Chemiker und Fotograf Sergej Prokudin-Gorski ein aufwändiges Verfahren für die Farbfotografie. Seine Vision der Fotografie als eine Form von Bildung und Aufklärung zeigt sich besonders in seinen Fotografien der mittelalterlichen Architektur historischer Siedlungen wie Suzdal und Wladimir. Zwischen 1903 und 1916 reiste er durch das Russische Imperium und schoss mit seiner neuen Technik über 2000 Fotografien, die drei Aufnahmen auf einer Glasplatte beinhalten. Im August 1918 verließ er Russland mit seiner Kollektion von Glasnegativen und ging nach Frankreich. Nach seinem Tod im Jahr 1944 in Paris verkauften seine Erben diese Kollektion an die Kongressbibliothek. Im frühen 21. Jahrhundert digitalisierte die Bibliothek die Prokudin-Gorski-Kollektion und machte sie für die Öffentlichkeit frei zugänglich. Zahlreiche russische Webseiten führen nun Teile dieser Kollektion auf.

2005

>>> Zeitmaschine: Farbfotos von Russland vor hundert Jahren und heute

>>> Die Toltschkowo-Fresken – überwältigende geistliche Kunst in Jaroslawl

>>> Die Landschaft um Rjasan als Quelle poetischer Inspiration

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