Der Kälte zum Trotz: Wie Russen Städte in Permafrostgebieten errichten (BILDER)

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ANNA SOROKINA
In Jakutsk kämpft man sowohl gegen Wärme als auch gegen Frost. Der Architekt Sergej Permjakow hat Russia Beyond erzählt, wie man eine moderne Stadt auf einem Permafrostboden errichtet.

Fast der gesamte nordöstliche Teil Russlands ist mit Permafrost bedeckt. Trotz des rauen Klimas werden in diesen Regionen jedoch immer noch Städte gebaut.

Jakutsk ist die größte Stadt der Welt, die auf einem Permafrostboden steht und die Heimat von mehr als 300 000 Menschen ist. Trotz der widrigen Wetterbedingungen wächst die Bevölkerungszahl von Jahr zu Jahr und auch die Stadt selbst expandiert. Es entstehen immer mehr neue Wohngebiete und moderne öffentliche Räume im nördlichen Stil.

Der in Jakutsk ansässige Architekt Sergej Permjakow, der am Entwicklungsprogramm Architects.ru  beteiligt ist, hat uns nun erzählt, wie man eine moderne Stadt auf einem Permafrostboden errichtet.

Erster Tipp: Nicht graben!

Die Republik Sacha-Jakutien ist die größte und die kälteste Region Russlands. Das Klima hier ist kontinental, was bedeutet, dass Temperaturen von minus 50 oder 60 Grad Celsius für niemanden eine Überraschung sind, während sie im Sommer auf bis zu 30 Grad Celsius steigen können. Bei einem Temperaturgefälle dieser Art ist es besonders wichtig, dass der Boden nicht schmilzt und für Stabilität gesorgt ist, da den Gebäuden und Straßen sonst im wahrsten Sinne des Wortes der „Untergang“ drohen würde.

„Die erste Regel des Hohen Nordens ist, dass nichts in den Boden gegraben werden kann“, erklärt Sergej. Alle Rohre, Heizleitungen und so weiter müssen sich über der Erde befinden und Teil der Stadtlandschaft werden. „Wir würden sie gerne architektonisch integrieren, zum Beispiel in den Bereich der Beleuchtung, doch bis jetzt handelt es sich dabei nur um eine Idee auf dem Papier“, sagt Sergej.

Alle Gebäude in Jakutsk stehen auf Stelzen, um zu verhindern, dass die Wärme, die sie generieren, den Permafrostboden zum Schmelzen bringt. Hier befinden sich auch das größte Wissenschaftszentrum der Nord-Östlichen Bundesuniversität, der weltweit erste, auf Stelzen gebaute Sportkomplex „Triumph“ sowie der Zirkus „Mamontenok“ mit der nördlichsten Indoor-Arena der Welt.

Bunte Gebäude im Jakutskstil

Die Stadt Jakutsk wurde von Kosaken im 17. Jahrhundert gegründet und ist die architektonische Heimat für zahlreiche Gebäude aus verschiedenen Epochen. Im Zentrum sind alte Handelshäuser und Kirchen zu sehen, während sich in den Vororten die typischen sowjetischen Hochhäuser auf Stelzen befinden. Darüber hinaus entstehen in Jakutsk gerade neue Wohnquartiere mit äußerst nordischem Flair. So gibt es ein Entwicklungsprojekt, das vorsieht, Häuser in Form von Mammutstoßzähnen zu bauen.

Wie in anderen nördlichen russischen Städten werden auch hier die Gebäude in hellen Farben gestrichen, in dem Glauben, dass dies Depressionen vorbeugt und hilft, sich in den Straßen bei frostigem Nebel zurechtzufinden.

Für die neuen Innenhofspielplätze werden umweltfreundliche Materialien, wie zum Beispiel Holz, verwendet.

In den neuen Wohnkomplexen werden die Kinderspielplätze in der Regel nicht am Boden, sondern auf dem Dach des ersten Obergeschosses errichtet, da die Kälte die Baumaterialien spröde macht und sie den Winter nicht überstehen.

Wie man Transportprobleme bei minus 50 Grad Celsius löst

„Der Permafrost führt in Jakutsk dazu, dass es keine Tiefgaragen gibt. Stattdessen befinden sie sich für gewöhnlich im Erdgeschoss“, berichtet Sergej.

Im Winter lassen die meisten Bewohner ihre Autos bis zum Frühling im Hof ​​stehen und benutzen stattdessen öffentliche Verkehrsmittel. Eigens dafür gibt es überdachte Haltestellen für Passagiere mit geschlossenen beheizten Pavillons, in denen Bildschirme mit Fahrplaninformationen, Steckdosen zum Aufladen von Handys, ein Fernseher und Wi-Fi zu finden sind.

Wer das Auto dennoch benötigt, startet üblicherweise den Motor im Herbst und schaltet ihn im Frühjahr ab. In der Zwischenzeit befindet sich das Auto in „Alarmbereitschaft“, mit dem Schlüssel im Zündschloss. Dennoch besteht keine Notwendigkeit, sich vor Autodieben zu fürchten. "Wer fährt denn bei minus 50 Grad Celsius noch? Bei diesen Temperaturen laufen nicht mehr viele Menschen durch die Straßen“, sagt Sergej.

Jakutsk kämpft gegen den Staub

Das größte Problem in der Stadt im Sommer ist Staub, da Jakutsk eine sehr trockene Luft, viele Schotterstraßen und wenig Grün besitzt. Es gibt sogar ein städtisches Programm zur Bekämpfung des Staubproblems: Straßen müssen mit Asphalt bedeckt sein. Der Raum zwischen ihnen und den Gebäuden am Straßenrand muss entweder eine grüne Zone bilden oder alternativ mit Kies oder anderem nichtstaubhaltigen Material gefüllt sein. Das Klima ist jedoch so, dass die Pflanzen keine Wurzeln schlagen können und sich die Bemühungen daher auf den Erhalt bereits bestehender Bäume konzentrieren. „Es ist in Jakutsk verboten, sie zu fällen. Wenn wir also eine Straße bauen, versuchen wir, die Bäume zu umgehen“, erläutert Sergej.

Wie Jakutsk wohl in zehn Jahren aussehen wird? „Architekten wollen auf eine moderne Stadt blicken und unsere Aufgabe ist es, öffentliche Räume zu schaffen, die dem Klima entsprechen“, sagt Sergej. Es gibt viele natürliche Seen in der Stadt, die natürliche Anziehungspunkte für die Menschen darstellen. Zudem könnte man neue Parks und Freizeitbereiche anlegen.“

Ein weiterer öffentlicher Raum, „Die Tore von Jakutsk“, soll bald in der Nähe des Flughafens errichtet werden. Dabei handelt es sich um ein stilisiertes, lebensgroßes Modell einer sibirischen Festung, das die furchtlosen Besucher Jakutsk begrüßt. 

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