Wiktor Kortschnoi: Rote Schachlegende unter fremder Flagge

Anatoli Karpow (l.) und Wiktor Kortschnoi (r.) bei der Schach-Weltmeisterschaft 1981 in Italien. Die Begegnung war politisch brisant: Karpow trat für die Sowjetunion an, während Kortschnoi bereits unter schweizerischer Flagge spielte.

Anatoli Karpow (l.) und Wiktor Kortschnoi (r.) bei der Schach-Weltmeisterschaft 1981 in Italien. Die Begegnung war politisch brisant: Karpow trat für die Sowjetunion an, während Kortschnoi bereits unter schweizerischer Flagge spielte.

IMAGO / Legion-Media
Am Montag starb der älteste noch aktive Schachgroßmeister der Welt im schweizerischen Wohlen. Dort verbrachte Wiktor Kortschnoi 40 Jahre, nachdem er nicht in die Sowjetunion zurückgekehrt war. Das Lebenswerk des Schachprofis liest sich wie ein Krimi.

Mit 13 Jahren stellte der Leningrader polnisch-jüdischer Abstammung die Weichen für seine Schachkarriere. Wiktor Kortschnoi wollte einem Literaturkreis, einer Musikgruppe und einem Schachverein beitreten. Die Literaturfreunde wollten ihn nicht aufnehmen, weil er Probleme mit der Aussprache hatte. Die Musiker schlossen ihn aus, weil ihm ein eigenes Klavier fehlte. Bei den Schachspielern konnte der zukünftige Großmeister jedoch auf Anhieb überzeugen. Und es war die richtige Entscheidung: Mit 16 Jahren gewann er die sowjetische Schulmeisterschaft.

Neun Jahre später, 1956, holte Kortschnoi den Großmeistertitel. Bei einem Turnier in Deutschland Mitte der sechziger Jahre erhielt der Schachprofi das Angebot, auf die Rückkehr in die UdSSR zu verzichten. Er lehnte ab. Später bereute er seinen Entschluss: „Ich habe elf Jahre eines menschenwürdigen Lebens verloren“, räumte er ein.

Die Begegnung mit Anatoli Karpow beim Kandidatenturnier in Moskau 1974 wurde für ihn zu einer Zäsur. Kortschnoi verlor den Kampf und mokierte sich später über seinen Herausforderer in einem Interview. Seine Niederlage sei auf Druck von oben zurückzuführen, beklagte er.

Das Sportkomitee der Sowjetunion reagierte drastisch: Stipendium gekürzt, Ausreise aus der Sowjetunion verboten. Andere Großmeister verurteilten ihn in einem Sammelschreiben. Schon nach einem Jahr wurde das Ausreiseverbot jedoch aufgehoben. Ausgerechnet Karpow, sein verhängnisvoller Rivale, hatte entscheidend dazu beigetragen.

Persona non grata

Bei seinem ersten internationalen Turnier in Amsterdam lernte Kortschnoi den damaligen Fide-Präsidenten Max Euwe kennen. Der sowjetische Großmeister bat um politisches Asyl in den Niederlanden, erhielt aber nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Einige Zeit lebte er noch dort. Einladungen in die USA lehnte er ab. Das im Vergleich zur Sowjetunion hastige Lebenstempo habe ihn abgeschreckt, sagte er in einem Interview dazu. Später zog er in die Schweiz.

„Millionen halten mich für einen Dissidenten, für jemanden, der für den Zerfall der Sowjetunion kämpfte. Aber dem ist nicht so. Ich wollte einfach nur Schach spielen. Aus der Sowjetunion bin ich geflohen, weil meiner Karriere Gefahr drohte. Ich habe damit nicht angefangen. Die Sowjetführung hat mich in diesen Krieg hineingezogen. Man kann es so sehen: Der Kampf gegen die Sowjetunion war der Kampf für mich selbst“, schrieb er in seinen Memoiren.

1978 wurde ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Seiner Familie wurde es untersagt, das Land zu verlassen, sein Sohn von der Universität geworfen. Ein Jahr lang drückte sich dieser erfolgreich vor dem Wehrdienst, einer Verhaftung entkam er jedoch nicht. Wegen Wehrdienstverweigerung wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt – eine klare Abrechnung mit dem Vater.

Kortschnoi schrieb zahlreiche Briefe an Leonid Breschnew mit der Bitte um Freilassung für seinen Sohn und um Ausreise für seine Verwandten. Alles vergeblich. Erst nach sechs Jahren wurde der Familie des Großmeisters die Ausreiseerlaubnis erteilt.

Rehabilitation ohne Rückkehr

1990 wurde Kortschnoi gemeinsam mit anderen Dissidenten rehabilitiert. Er erhielt seine Staatsbürgerschaft zurück, auf eine Rückkehr verzichtete er trotz aller Angebote dennoch. An Schachturnieren in Russland nahm er aber trotzdem häufig teil.

Vier Jahre später erhielt er die schweizerische Staatsangehörigkeit und trat bei Wettkämpfen unter eidgenössischer Flagge auf. Zum Champion reichte es aber nicht. Auf die Frage, warum, sagte er: „Es wäre ein Leichtes, alles auf Breschnew zu schieben. Nach dem Motto, er hat es nicht zugelassen. Da ist schon was Wahres dran. Als Schützling der KPdSU erhielt Karpow die besten Schachressourcen des Landes. Andererseits behinderte Breschnew auch Garri Kasparow dabei, Weltmeister zu werden. Der aber hielt dem Druck stand und bezwang den Gegner.“

Seinen letzten Titel holte Kortschnoi 2011: Im Alter von 80 Jahren gewann er das Veteranenturnier zu Ehren des großen russischen Schachspielers Michail Botwinnik.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Gazeta.ru

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