Kerzen für die Kirchenkasse: Die Finanzen der Russisch-Orthodoxen Kirche

Lokale Kirchen erzielen ihre Einnahmen hauptsächlich aus dem Verkauf von Kerzen. Je nach Größe der Kirche kommen dadurch zwischen 65 und rund 36 000 Euro zusammen.

Lokale Kirchen erzielen ihre Einnahmen hauptsächlich aus dem Verkauf von Kerzen. Je nach Größe der Kirche kommen dadurch zwischen 65 und rund 36 000 Euro zusammen.

Kommersant
Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist nicht nur eine bedeutende moralische Instanz im Land. Sie ist auch wirtschaftlich erfolgreich, wie die aktuellen Zahlen zeigen. Im Jahr 2014 nahm sie rund 69 Millionen Euro ein. Insbesondere Kerzenverkäufe finanzieren ihre Aktivitäten.

69 Millionen Euro, das ist in etwa der Betrag, den die Russisch-Orthodoxe Kirche im Jahr 2014 eingenommen hat. So besagen es die Zahlen der Föderalen Steuerverwaltung. Für das letzte Jahr liegen noch keine Angaben vor. Die Einnahmen stammen unter anderem aus dem Verkauf religiöser Literatur, Kerzen und Ikonen, aus Spenden oder Zahlungen für religiöse Rituale.

Schätzungen des Soziologen Nikolaj Mitrochin zufolge habe die Russisch-Orthodoxe Kirche Anfang der 2000er-Jahre noch 455 Millionen Euro pro Jahr eingenommen: 55 Prozent davon erwirtschafteten die kommerziellen Unternehmen der Kirche, 44 Prozent kamen durch Spenden zusammen, fünf Prozent stellten die Diözesen bereit, so Mitrochin.

Weniger Spenden bedeuten weniger Einnahmen

Inzwischen ist vor allem das Spendenaufkommen rückläufig. Dafür machen die Beiträge der Diözesen mittlerweile fast die Hälfte des gesamten Kirchenbudgets aus, berichtete Oberpriester Wsewolod Tschaplin der russischen Wirtschaftszeitung „RBC“. Er war bis Ende letzten Jahres für die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft zuständig.

Eine der wichtigsten Einnahmequellen des Moskauer Patriarchats ist etwa Sofrino – ein Hersteller von kleinen, preiswerten Kerzen sowie Ikonen bis hin zu kompletten Kircheneinrichtungen im Wert von mehreren tausend Euro. Die Diözesen sollen ihren Bedarf bevorzugt bei Sofrino decken. Rund die Hälfte aller russischen Kirchen wird von dem Unternehmen beliefert.

Weitere Wirtschaftsfelder der Russisch-Orthodoxen Kirche sind laut der russischen Zeitung „Wedomosti“ Pharmazeutik, Schmuck, die Vermietung von Konferenzsälen, Landwirtschaft und Bestattungsdienstleistungen.

Dem Informationsportal Spark zufolge war das Moskauer Patriarchat Miteigentümer des Orthodoxen Bestattungsservices, eines inzwischen nicht mehr aktiven Unternehmens, dessen Tochterfirma im Jahr 2014 jedoch einen Gewinn von 673 000 Euro erwirtschaftete.

Weltliche Unternehmen im Auftrag der Kirche

Weitere Einkünfte erzielt die Kirche auch aus ihren beiden Moskauer Hotels – Universitetskaja und Danilowskaja. Letzteres nahm 2014 rund 1,36 Millionen Euro ein.

Nach Angaben des russischen Online-Portals Newsland mischte die Russisch-Orthodoxe Kirche im Jahr 2010 als Partner einer österreichischen BMW-Tochter und Miteigentümer der BMW Russland GmbH auch im Autohandel mit.

Einige regionale Verwaltungsbezirke der Kirche haben ebenfalls ein breitgefächertes Portfolio. Die Diözese von Jekaterinburg etwa war im Besitz eines großen Granitsteinbruchs. Die Diözese Kemerowo ist die alleinige Eigentümerin des Bauunternehmens KSK und Miteigentümerin des Computerzentrums Nowokusnezk sowie des Nachrichtenportals Europa Media Kusbass.

Auch der Staat unterstützt die Kirche

Lokale Kirchen erzielen ihre Einnahmen hauptsächlich aus dem Verkauf von Kerzen. Zahlungen für kirchliche Rituale bringen zusätzliche Gelder. Hergestellt werden die Kerzen in dutzenden Manufakturen, wobei nicht nur frischer Wachs für die Produktion verwendet wird – abgebrannte Kerzenreste werden recycelt. Die Herstellungskosten und die Verkaufspreise unterscheiden sich erheblich. Je nach Größe der Kirche kommen durch den Kerzenverkauf zwischen 65 und rund 36 000 Euro zusammen.

Zwischen zehn und 15 Prozent ihrer Einnahmen führen örtliche Kirchen – rund 34 000 landesweit – an die Diözesen ab. Diese wiederrum geben 15 Prozent dieser Beträge an das Patriarchat weiter.

Auch der Staat unterstützt die Russisch-Orthodoxe Kirche: Zwischen 2012 und 2015 erhielt sie 14 Milliarden Rubel – rund 175 Millionen Euro – vom Fiskus. Der Staatshaushalt für 2016 sieht für die Russisch-Orthodoxe Kirche 2,6 Milliarden Rubel – rund 32,5 Millionen Euro – vor. Bewilligt werden die Gelder im Rahmen staatlicher Programme zur Entwicklung von Bildungszentren, sowie zum Erhalt und zur Restauration der Kirchen.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ist eine weitere lukrative Einnahmequelle der Russisch-Orthodoxen Kirche. Nur ist nicht vollends klar, wessen Budget sich daraus speist. Auf dem Gelände der Kathedrale befinden sich auch eine Kantine, eine Wäscherei, ein unterirdisches Parkhaus und eine Autowaschanlage. Allein das Parkhaus soll neuesten Schätzungen zufolge bis zu 615 000 Euro erwirtschaften. Zudem werden Konferenzräume im Kirchengebäude vermietet.

Offiziell gehören die Kathedrale und das umliegende Gebiet nicht der Kirche, sondern der Stadt Moskau. Verwaltet werden sie von einem nicht-kommerziellen Träger – der Stiftung der Christ-Erlöser-Kathedrale. Die Stiftung wird subventioniert, auch von der Verwaltung der Hauptstadt: Für den Erhalt des Bauwerks wurden zwischen Januar 2010 und September 2012 rund 8,5 Millionen Euro bewilligt.

Der Artikel basiert auf Informationen der russischen Zeitungen „RBC“, „Wedomosti“ und „Newsland“.

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