Yandex.Lavka: Konkurrenz für den stationären Lebensmittel-Handel?

Wirtschaft
WICTORIA RJABIKOWA
Innerhalb von 15 Minuten Lebensmittel bequem nach Hause oder ins Büro geliefert bekommen? Kein Problem, verspricht Yandex’ neuer Service Yandex.Lavka. Hält das Unternehmen, was es verspricht? Wir haben es getestet.

Laut InfoLine werden in Russland bis 2023 jährlich für 200 Milliarden Rubel (etwa 2,9 Milliarden Euro) Lebensmittel online verkauft werden. Das russische Internetunternehmen Yandex hat Yandex.Lavka im August 2019 gestartet und schon jetzt hat der Lieferservice für Lebensmittel den Markt erobert. Ist der Hype gerechtfertigt? 

Große Auswahl in Dark Stores 

Seit Anfang Februar 2020 betreibt Yandex in Moskau rund 60 sogenannte Dark Stores. Diese Lagerräume, aus denen die Online-Bestellungen bedient werden, bevorraten auf einer Fläche von rund 150 Quadratmetern zwischen 1.500 bis 2.000 verschiedene Produkte. Neben der üblichen pasteurisierten Milch lagern dort zum Beispiel auch Magermilch oder Soja-, Hafer- und Kokosmilch sowie Fertiggerichte, die von Partnerrestaurants vorgekocht wurden. Es gibt auch und Ready-to-cook-Boxen, inklusive Rezepte. In jedem dieser Lager ist eine kleine Küche vorhanden, so dass auch Gerichte warm gemacht werden können. 

Kunden können zudem Waschpulver, Hygieneartikel, Tierfutter oder Batterien und sogar Mehrfachstecker ordern.  

Lieferung per Fahrradkurier 

In jedem Geschäft haben die Mitarbeiter maximal vier Minuten Zeit, die bestellten Waren zusammenzusuchen. Dann kommt ein Kurier und liefert die Bestellung per Fahrrad an die Zieladresse aus.  Alle Waren werden in speziellen Taschen geliefert. 

Der Lieferradius beträgt anderthalb bis zwei Kilometer um jeden Dark Store oder zehn Fahrradminuten. So ist garantiert, dass die Lieferung binnen 15 Minuten erfolgt, selbst, wenn es unterwegs zu einer Verzögerung kommen sollte. Die Kuriere sind nicht bei den Dark Stores beschäftigt, sondern bei Yandex.Food. Die Lieferung ist kostenlos. Die Mindestbestellmenge kann je nach Nachfrage zwischen 100-300 Rubel (etwa 1,5 bis 4 Euro) liegen. Im Durchschnitt wird für 600-1.000 Rubel (etwa 8,5 – 14,5 Euro) bestellt. Laut Yandex sind die am häufigsten bestellten Waren Wasser, Eier, Milch, Bananen und Zitronen.

Unser Test 

Ich will ein Croissant mit Lachs bestellen. Es soll 119 Rubel (etwa 1,7 Euro) kosten. Im nächstgelegenen Bistro müsste ich dafür 200 Rubel zahlen. Doch schon gibt es ein Problem: es gibt in der Nähe meines Arbeitsplatzes im Zentrum von Moskau keinen Dark Store. Also ist eine Bestellung nicht möglich. 

Yandex hat versprochen, bis Ende 2020 etwa 200 weitere Lager in Moskau einzurichten und den Service zudem auch in Sankt Petersburg anzubieten. 

Ich starte einen neuen Versuch und bestelle wieder ein Croissant mit Lachs. Diesmal für meine Mutter an einen weniger zentral gelegenen Ort. Es ist 15.33 Uhr. Auf meinem Mobiltelefon werde ich über den Bestellverlauf informiert. Das Verpacken und die Übergabe an den Kurier dauern ca. zwei Minuten. Für die nächsten 10 Minuten lasse ich den Blick nicht von der App. Den Weg des Kuriers kann ich in Echtzeit verfolgen.

Plötzlich biegt er ab und kehrt um Richtung Dark Store. Die Bestellung hat er nicht geliefert. Es ist nun 15:25 Uhr. Das ersehnte Croissant ist vom Radar verschwunden. Ich rufe an und bekomme zu hören: „Ich habe Dich nicht gefunden. Aber es sind noch mehr Bestellungen für diese Adresse eingegangen. Ich komme wieder.“ Um 15:34 Uhr ist das ersehnte Croissant da. Es hat 31 Minuten und damit doppelt so lange gedauert wie versprochen. 

„Wir werden überprüfen, was schiefgelaufen ist“, verspricht der Dark Store. Später wurde ich informiert, dass der Kurier zehn Minuten warten musste, bis der Kunde das Croissant entgegengenommen hat. „Das kommt selten vor. Der prozentuale Anteil der Verspätungen und Stornierungen, weil der Kunde nicht erreichbar ist, ist extrem niedrig“, heißt es bei Yandex. 

Konkurrenz für den Kühlschrank 

Das Erscheinen von Yandex.Lavka und ähnlichen Diensten markiert eine wichtige Veränderung auf dem Markt. Laut Yandex kaufen die Verbraucher heutzutage impulsiver. „Sie machen keine Großeinkäufe mehr und kaufen nicht mehr auf Vorrat ein. In gewisser Hinsicht konkurriert Yandex.Lavka daher mehr mit dem Kühlschrank als mit dem Einzelhandel“, sagt Elena Nowikowa, Pressesprecherin von Yandex.Lavka. Der Yandex Service befriedigt die Bedürfnisse der Kunde umgehend und liefert sozusagen frisch vom Fass.

Lija Lewinbuk, Vizepräsidentin des russischen Verbands der Internethandelsunternehmen, ist sicher, dass der Anteil des Online-Handels in Russland zwar von Jahr zu Jahr steigen werde, jedoch keine Bedrohung für das Offline-Geschäft sei. „Die stationären Geschäfte werden niemals schließen. Ihre Standorte und Grundfläche können sich ändern, aber es wird sie auf jeden Fall immer geben“, sagt sie.

„Es ist unwahrscheinlich, dass es in den nächsten zehn Jahren zu Massenschließungen kommen wird“, pflichtet ihr Andrej Karpow, Vorsitzender des russischen Verbandes der Einzelhandelsmarktexperten, bei. „Sicherlich werden irgendwann die Offline-Geschäfte ganz verschwinden, aber nicht mehr in diesem Leben. Ein gewisser Anteil der Lebensmittel wird zwar online gekauft, aber ich bezweifle, dass er in absehbarer Zeit 50 Prozent überschreiten wird“, gibt er sich gelassen und zuversichtlich.