„Perestroika“: Beim letzten Computerspiel der UdSSR ging es um Demokratie

Locis
Nicht nur das Computerspiel Tetris wurde in der UdSSR entwickelt. In der Zeit des Erfolgs von Mario Bros.‘, Prince of Persia oder Pac Man brachten sowjetische Tüftler das erfolgreiche Spiel „Perestroika“, auch als Toppler bekannt, heraus.

„Perestroika“ wurde zum letzten Computerspiel, das in der UdSSR entwickelt wurde. Es kam 1990 auf den Markt. Nur ein Jahr später gab es das Land nicht mehr. Dennoch erfreute sich das Spiel sowohl in der UdSSR als auch im Ausland großer Beliebtheit. Bis heute kann man immer noch einige Versionen finden, die speziell für IPhone- oder Android-Benutzer entwickelt wurden.

Das Spiel spiegelt die turbulente Zeit seiner Entstehung wider. Auf dem Startbildschirm des DOS-Spiels sieht man den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, der den Umbau der Gesellschaft, die Perestroika, initiierte, sowie die bröckelnden Mauern des Kremls als Hintergrund. Um dem Spiel einen russischen „Touch“ zu verleihen, wird am Anfang  das russische Volkslied „Dubinuschka“, die Verniedlichungsform des Wortes „Keule“, gespielt.

Froschdemokraten gegen Käferbürokraten

Die Hauptfigur, der Benutzer, sieht wie ein kleiner grüner Frosch aus. Allerdings handelt es sich dabei nicht wirklich um einen Frosch, sondern um das Symbol für einen Demokraten. Der froschähnliche Demokrat springt von einem Seerosenblatt zum nächsten und versucht, höhere Ebenen zu erreichen. Die Seerosen sind in ständiger Bewegung und auch nicht einfach nur Seerosen: Sie verkörpern die sich immer wieder ändernden Gesetze und Vorschriften in der Endphase der Sowjetunion.

Die Bewegungen des Frosches haben ebenfalls einen tieferen Sinn. Auf seinem Weg sammelt der Demokrat einige Punkte in Form von Lebensmittelgütern, da die späten 1980er Jahre eine Zeit der Knappheit in der UdSSR waren. Außerdem finden Währungstransaktionen statt, da unter Gorbatschows Regierung ausländische Währungen ihren Weg nach Russland fanden.

Diese Boni machen den „Froschdemokraten“ stärker. Allerdings gibt es für ihn auch negative Aspekte, wie die Steuerprogression zum Beispiel, die sich ungünstig auf sein Wohlergehen auswirkt. Zudem haben die Demokraten auch Feinde, die Bürokraten, die als rote Käfer dargestellt sind. Diese wollen die auf Reformen ausgerichtete Figur vernichten. Deshalb ist es ihr Ziel, diese zu meiden und die obere rechte Ecke zu erreichen, um auf eine höhere Ebene zu gelangen.

„Cha-cha-cha“ und „njam-njam“

Das Spiel, obwohl es recht einfach gestrickt ist, wurde berühmt und millionenfach auf den PCs installiert. „Perestroika“ wurde von Nikita Skripkin, einem Angestellten einer Genossenschaft, im Rahmen einer neuen Geschäftsidee geschaffen, was unter Michail Gorbatschows Reformen möglich wurde. Das Spiel ist durch eine japanische Fernsehsendung inspiriert, bei der Leute Holzscheite ins Wasser eines Teiches warfen und dann auf sie sprangen und versuchten, der Erste zu sein, der den Teich überquerte.

Laut Skripkin waren die Untermalung durch ein Lied und andere Geräusche im Computerspiel etwas, was die „Perestroika“ von anderen Spielen, nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland, unterschied. „Zum ersten Mal begann ein Computer zu „singen“ und mit einer menschlichen Stimme zu sprechen“, sagte der Designer. Neben der „Dubinuschka“-Aufnahme sprechen die Spielcharaktere nämlich menschliche Töne wie „njam-njam“, wenn ein Spieler sein „Wohlbefinden“ erhöht und am Ende den Tanz der Bürokraten „cha-cha-cha“, wenn der Spieler verliert. Einer der Entwickler schaffte es, die Stimme seiner Frau in diese Laute umzuwandeln und sie in das Spiel zu integrieren.

Skripkin erinnert sich daran, wie sie „Perestroika“, als das Spiel fertig war, in eines der vielen sowjetischen Forschungsinstitute brachten. „Die Arbeit kam bereits am nächsten Tag zum Stillstand. Von überall her ertönte „njam-njam" und "cha-cha-cha". Eine ähnliche Situation herrschte in vielen Einrichtungen und Agenturen, die Computer besaßen.“ Ein Freund von Skripkin erzählte ihm, dass das Spiel in den USA ebenfalls sehr populär wurde.

Ein Spiel von historischem Wert

Die Entwickler von „Perestroika“ gaben zu, am Spiel nichts verdient zu haben, doch es trug dazu bei, ihr Ansehen zu steigern. Nicht zufällig bemerkte das Portal „old-games.com“, dass das Spiel für die Spielindustrie einen historischen Wert hat. Aus der Genossenschaft wurde eine Firma, die immer noch ein wichtiger Akteur auf dem russischen Computerspielmarkt ist.

Auf dem Höhepunkt des Erfolgs von „Perestroika“ erschien 1991 seine Fortsetzung: „Die Verteidigung des Weißen Hauses“. Inspiriert wurde es durch den gescheiterten Versuch des Staatsstreichs im Jahr 1991, als die demokratisch gesinnte Öffentlichkeit das Gebäude der Regierung von Boris Jelzin, das im Volksmund „das Weiße Haus“ genannt wurde, vor den Eroberungsversuchen der konservativen sowjetischen Führung schützte. Der „Perestroika“ selbst wurde im Jahr 1995, als sie für die Windows-Computer neu herausgegeben wurde, ein neuer Anstrich verpasst.

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