Die Baikal-Amur-Magistrale: Wie Sowjetbürger im Namen des Kommunismus litten und starben

I. Zotin/Sputnik
Die Baikal-Amur-Magistrale (kurz die BAM) war ein echtes sowjetisches Großprojekt. Es befand sich so lange im Bau, dass es einen Spitznamen - „Baustelle des Jahrhunderts “ - erhielt. Aber nicht im positiven Sinne. Es kostete vielen Menschen das Leben und verbrauchte jede Menge Ressourcen.

Alles begann (wie vieles andere auch) unter Stalin im Jahr 1932 mit einem Regierungsbeschluss „Über den Bau der Baikal-Amur-Eisenbahn“ mit einer vorgeschlagenen Frist von 3,5 Jahren. 

Der größte Teil der Strecke verläuft durch die gigantischen und schwer zugänglichen Regionen Jakutien, Tschukotka und Kolyma. Viele Streckenabschnitte führen durch unwegsames Gelände und reißende Flüsse (insgesamt 11).

Die Realität ließ keinen Stein auf dem anderen, als die Idee des Kremls von einem schnellen „Schock-Bauprojekt“ umgesetzt werden sollte. Der Begriff wurde für die wichtigsten Bauarbeiten des sowjetischen Landes verwendet, darunter befanden sich Kernkraftwerke, riesige Seehäfen und neue Städte.

Außerdem wollte niemand freiwillig in diese Gebiete wegen der schwierigen Arbeitsbedingungen. Die BAM benötigte 12.000 Bagger, aber nur 504 waren verfügbar; von den erforderlichen 2.389 Bohrern waren nur 50 vorhanden und so weiter. Aber die BAM musste gebaut werden. Erstens, um, aufgrund ihrer Ressourcen, die riesigen Gebiete Sibiriens und des Fernen Ostens zu besiedeln, zweitens, um die Grenzsicherheit zu erhöhen und eine Basis für die Pazifikflotte zu schaffen und drittens waren die fernöstlichen Gebiete Russlands lediglich über die Transsibirische Eisenbahn mit dem Rest verbunden. Würde ein Feind diese Verbindung blockieren, wären die östlichen Territorien des Landes völlig isoliert. 

Die Regierung entschied sich für ein bewährtes System: Gefangene wurden in neu errichtete Arbeitslager im Taiga-Wald umgesiedelt. Bis zum 1. Mai 1933 arbeiteten bereits 32.411 Menschen an dem Projekt. Im Winter sanken die Temperaturen hier auf minus 50 Grad Celsius und im Sommer litten die Arbeiter an Schwärmen von Mücken. In den ersten 18 Monaten waren die Sträflinge an der frischen Luft neben Lagerfeuern untergebracht. Zelte wurden nicht vorgesehen. Die Tagesration betrug 400 Gramm Brot.

Die Toten wurden durch neue Gefangenen ersetzt und bis Mitte 1937 waren die ersten 190 Kilometer der Strecke gelegt. Die zweite Etappe mit einer Länge von 5.000 Kilometer sollte 1945 abgeschlossen sein, doch der Zweite Weltkrieg brach aus. Und als Stalin 1953 starb, war das Projekt völlig in Vergessenheit geraten. 

Das Projekt wurde unter Leonid Breschnew neu belebt. Im April 1974 wurde die BAM zum „All-Union-Komsomol-Bauprojekt“ erklärt. Dies bedeutete, dass die BAM nun von jungen Menschen aus Komsomol-Organisationen aus dem ganzen Land gebaut werden sollte. Eine große Propagandakampagne wurde gestartet. Von nun an wurde von der BAM nur in ehrfurchtsvollen Tönen gesprochen, als hänge die versprochene helle Zukunft davon ab. 

Die Löhne der BAM-Arbeiter waren für die damalige Zeit sehr hoch. Zu Beginn der 1980er Jahre betrug das durchschnittliche Gehalt eines BAM-Arbeiters 322 Rubel, während einfache Sowjetbürger im Rest des Landes rund 180 Rubel verdienten. Das Projekt zog diejenigen an, die Geld verdienen und sich dann ein Auto, eine Wohnung oder eine Datscha leisten wollten. 

Die Lebensmittel- und Warenversorgung funktionierte hier sogar besser als in Moskau. Neue Siedlungen mit damals anständigem Wohnraum schossen wie Pilze aus dem Boden, und Sänger und Schauspieler kamen oft mit Gastspielen, um die Begeisterung für das Projekt in der Bevölkerung zu wecken.  

Aber Mitte der 1980er Jahre litt sogar die BAM unter Engpässen: Mehl, Zucker, Streichhölzer und andere Produkte wurden über Lebensmittelkarten verteilt. Alle Pläne zur Erschließung der Gebiete blieben auf dem Papier, doch die Strecke selbst wurde fertiggestellt. 1989 ging die Baikal-Amur-Magistrale endlich in Betrieb und zwei Jahre später brach die Sowjetunion zusammen.

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