Kein Happy End: Was aus den Kindern der sowjetischen Elite wurde

Geschichte
JEKATERINA SINELSCHTSCHIKOWA
Ihre Väter waren die Mächtigen der Sowjetunion, die das Land lenkten und Menschen ins Weltall schickten. Zugleich zerstörten sie tausende Leben. Was wurde aus ihren Nachkommen?

Sergo Beria: Raketenbauer im Exil 

Der einzige Sohn von Lawrenti Beria, Stalins Handlanger und Chef des Geheimdienstes NKWD, machte eine glänzende Karriere als Militäringenieur. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs absolvierte der damals 20-jährige einen dreimonatigen Schnellkurs für Funktechnik beim NKWD und trat der Armee als Techniker im Range eines Leutnants bei.

1941 wurde er zu einer geheimen Sonderoperation in den Iran geschickt, 1942 diente er in den Nordkaukasus-Truppen und später nahm er auf besondere Anweisung an den Konferenzen von Teheran und Jalta teil, inmitten der führenden Köpfe der Anti-Hitler-Koalition. 

Nach dem Krieg absolvierte Sergo die Leningrader Militärakademie für Kommunikation. Noch während er seine Diplomarbeit schrieb, plante er den ersten sowjetischen Luft-Boden-Marschflugkörper KS-1-Komet und wurde einer der besten Militäringenieure des Landes. Doch nach der Verhaftung und Hinrichtung seines Vaters im Jahr 1953 änderte sich auch Sergos Leben dramatisch.

Er kam ein Jahr in Einzelhaft, alle militärischen Ränge, Auszeichnungen und akademischen Grade wurden ihm aberkannt. Eine Kommission befand ihn des Plagiats für schuldig, seine Dissertationen galten als Überarbeitungen von Studien anderer Forscher und Ingenieure. 1954 wurde er zusammen mit seiner Mutter ins „administrative Exil“ in den Ural geschickt. Dort lebten sie zusammen in einer Dreizimmer-Wohnung und Sergo durfte weiter Raketen entwerfen. 

Mutter und Sohn änderten den Nachnamen in Gegetschkori, den Geburtsnamen der Mutter, überzeugt, dass „mit dem Nachnamen Beria die Menschen [uns] auseinanderreißen würden". „Sergo stellte sich von nun an stets mit Gegetschkori vor und erwähnte nie, wer sein Vater war”, erzählte Rel Matafanow, ein Kollege. Sergo startete beruflich neu als Ingenieur und gewann im Laufe der Jahre wieder mehr an Anerkennung. 1964 beantragte er, nach Kiew umziehen zu dürfen. Dort entwickelte sich seine Karriere weiter. Von 1990 bis 1999 arbeitete Sergo als leitender Konstrukteur am Kiewer Entwicklungs-Institut. Erst spät bekannte er sich zu seinem wahren Namen und schrieb seine Memoiren. 

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Leonid Chruschtschow: Lehnte sich gegen Stalin auf, starb im Kampf 

Nikita Chruschtschow hatte sechs Kinder, aber der älteste Sohn, Leonid, stach besonders hervor. Er arbeitete in einer Fabrik, doch als 1939 der  sowjetisch-finnische Krieg ausbrach, trat er freiwillig in die Rote Armee ein und forderte eine Versetzung an die Front als Bomberpilot. Während dieses kurzen Krieges flog er 30 Einsätze.

Im Juni 1941 marschierte Deutschland in die Sowjetunion ein und der Große Vaterländische Krieg begann. Leonid zog es erneut an die Front, doch er stürzte ab und wurde schwer verwundet. Ein Jahr später kehrte er, noch immer unter der Verletzung am Bein leidend, als Kampfpilot zurück an die Front. Dies sei, so behauptete seine Schwester Rada, die Strafe für die versehentliche und unbewiesene Erschießung eines Matrosen auf einer Feier gewesen. Leonids Enkelin Nina Chruschtschowa hält dies für erfunden. Es gibt zudem auch sonst keine Belege für diese Geschichte. 

Auf jeden Fall saß Chruschtschows Sohn wieder auf dem Pilotensitz. 1943 kehrte er von einem Flug nicht zurück. Er wurde für vermisst erklärt. Der offiziellen Version nach wurde er abgeschossen, als er das Flugzeug eines Freundes vor einer deutschen Focke-Wulf schützen wollte. 

Doch es existiert auch eine Verschwörungstheorie, vermutlich von Stalinisten verbreitet, um Nikita Chruschtschow zu diskreditieren. Demnach sei Leonid zu den Deutschen übergelaufen und auf Geheiß von Stalin entführt und hingerichtet worden. Auch diese Geschichte wurde nie bestätigt. 

„Leonid ist sehr eigenwillig gewesen. Das hat, so denke ich, zu Spannungen zwischen ihm und seinem Vater geführt, der aus ihm einen Kommunisten machen wollte, der Leonid nie werden wollte”, erzählt Nikita Chruschtschows Urenkelin Nina. Sie beschreibt Leonid als Moskauer Dandy, sehr von sich eingenommen und hyperaktiv. Heutzutage würde man ihn als „Adrenalin-Junkie” bezeichnen, glaubt sie. 

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Galina Breschnewa: Brannte mit einem Zirkusartisten durch, starb in der Psychiatrie 

In ihrer Jugend träumte Breschnews Tochter davon, Schauspielerin zu werden, doch ihr Vater schickte sie zum Studium der Philologie an die Universität. Ihre künstlerischen Ambitionen  konnten auf diese Weise allerdings nicht gestillt werden. So suchte Galina einen anderen Weg, sich auszudrücken. 1951 verliebte sie sich in den Zirkusartisten Jewgeni Milajew, der mit 41 nur vier Jahre jünger als Leonid Breschnew und 21 Jahre älter als Galina war.  Sie brach ihr Studium ab, brannte mit ihrem Geliebten durch und arbeitete bei Milajews Zirkus als Kostümbildnerin. Beide bekamen eine Tochter, doch die Beziehung scheiterte, weil Milajew eine Affäre mit einer anderen Künstlerin hatte. Galina heiratete daraufhin den 18-jährigen Igor Kio, den Sohn des berühmten Illusionisten Emil Kio. Doch schon nach zehn Tagen ließ sich das Paar auf Drängen von Galinas einflussreichem Vater wieder scheiden.

Als Breschnew die Macht übernahm, wurde seine Tochter ein Magnet für die leichtlebige High Society. In Oberstleutnant Juri Tschurbanow fand sie schließlich einen dazu passenden Partner.  Sie verbrachte ihre Zeit vor allem bei Soiréen und wurde alkoholabhängig.

Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1982 wurde Galinas Leben zu einem Albtraum. Die oberen Zehntausend wandten sich von ihr ab, ihr Ehemann wurde verhaftet. Gegen die Familie Breschnew wurden Antikorruptionsverfahren eingeleitet. Am Ende brachte Galinas eigene Tochter sie in eine psychiatrische Klinik, wo sie an einem Schlaganfall starb. 

Natalia Chajutina (Jeschowa): Versuchte sich umzubringen und ihren Vater zu rehabilitieren 

Bei den stalinistischen Säuberungen von 1937 bis 1938 wurden fast 700 000 Menschen zum Tode verurteilt (laut Archivdokumenten), und dies alles im Namen des damaligen Chefs des Geheimdienstes NKWD, Nikolai Jeschow. Natalia war seine Adoptivtochter und sein einziges Kind. Es gibt Gerüchte, dass sie ein uneheliches Kind von Jeschows letzter Ehefrau gewesen sei oder ein uneheliches Kind von Jeschow selbst oder die Tochter sowjetischer Diplomaten, die von seinem NKWD hingerichtet worden waren. 

Was auch immer die Wahrheit sein mag, das Mädchen wurde im Alter von elf Monaten adoptiert und wurde zu Jeschows wichtigster Ablenkung. „Er war ein großartiger Vater. Er hat viel Zeit mit mir verbracht “, erinnerte sich Natalia. Als Jeschow 1938 verhaftet wurde, bettelte er: „Lasst mein Mädchen in Frieden.” Ihre Adoptivmutter hatte sich das Leben genommen und so kam Natalia in ein spezielles Waisenhaus für Kinder von Volksfeinden. Dorthin fuhr sie in einem bewachten Zug. Schon während der Fahrt sagte man ihr, sie solle den Namen des Vaters vergessen. Doch Natalia hatte Jeschow verehrt und nutzte jede Gelegenheit, um darüber zu sprechen, wer sie war. 

Irgendwann wurde ihr alles zu viel und sie unternahm den Versuch, sich zu erhängen. Doch der Strick hielt nicht. Später zog Chayutina freiwillig in ein Dorf in der Nähe von Magadan, in das ihr Vater viele seiner Opfer verbannt hatte - um ihnen näher zu sein. 1999 strengte sie ein Verfahren an, um ihren Vater rehabilitieren zu lassen, doch das Gericht lehnte den Fall ab. 

In Magadan verfasste sie Gedichte und Lieder. Das Haus verließ sie nur selten. Jedes Klopfen an der Tür ließ sie erschaudern: „Ich denke immer noch, dass sie eines Tages an die Tür klopfen und sich an mir für das rächen werden, was mein Vater für sie war.” Sie starb 2016. 

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