Zaghaft, berechnend und heuchlerisch: Wie Chruschtschow Stalin und dessen Erbe demontierte

Global Look Press; AP; Das Staatliche Historische Museum des Südurals/russiainphoto.ru
Zu Stalins Lebzeiten war Nikita Chruschtschow ein treuer Gefolgsmann Stalins. Doch später wandte er sich gegen den gefürchteten Führer.

„Stalins Tod am 5. März 1953 hat unter der sowjetischen Elite als einzig mögliche Reaktion Freude ausgelöst”, sagt (rus) der Historiker Professor Rudolf Pichoja von der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Diese Freude überraschte nicht, da Stalins Regime von Unberechenbarkeit und Repressionen geprägt war. „An einem Tag konnte man zum inneren Zirkel Stalins gehören, am nächsten Tag sah man sich einem Erschießungskommando gegenüber.” Es gab Anzeichen für eine kurz bevorstehende neue Säuberungsaktion, da verwunderte es nicht, dass seine Gefolgsleute nicht allzu sehr trauerten.

Die Beerdigungszeremonie zu Stalins Tod

„Doch es gab auch viele Menschen in der UdSSR, für die Stalins Tod eine Tragödie war”, sagt Pichoja. Kurz vor seinem Tode wurde Stalin gottgleich verehrt. Städte und Dörfer wurden nach ihm benannt, Denkmäler errichtet, er wurde überall zitiert. Nach seinem Tode wurde er an Lenins Seite im Mausoleum beigesetzt. Seinem Nachfolger, wer auch immer das sein würde, hinterließ er ein schwieriges Erbe. 

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Zweifel am Personenkult

Gulag-Insassen

Während der Regierungszeit Stalins wurden nach zurückhaltenden Schätzungen mehr als 780 000 Menschen hingerichtet und 3,8 Millionen inhaftiert. Viele davon waren unschuldig. Der Versuch, die Wahrheit über die Zeit der Repressionen zu vertuschen, wäre sinnlos gewesen, da es Überlebende aus dem Gulag gab. 

Also musste sich die Partei öffentlich äußern. Die Nachfolger Stalins waren zunächst sehr vorsichtig und wählten ihre Worte mit Bedacht. Insbesondere Nikita Chruschtschow, der die Macht in seinen Händen konzentriert hatte, sprach nur sehr vage von einem „Personenkult“.

„Wir glauben, dass der Personenkult des Genossen Stalin dem Genossen Stalin selbst am meisten geschadet hat. Genosse Stalin war in der Tat eine hoch aufragende Gestalt, ein genialer Marxist. Doch auch solch einem Menschen sollte es nicht erlaubt sein, die Macht so zu genießen, wie er das getan hat”, sagte (rus) Chruschtschow im Jahr 1954. In offiziellen Reden wurde Stalin dagegen noch immer als großer Führer und Nachfolger Lenins gewürdigt. 

Eine Entscheidung musste getroffen werden

Anastas Mikojan, Nikita Chruschtschow, Josef Stalin, Georgi Malenkow, Lawrenti Beria, Wjatscheslaw Molotow (l-r)

Das änderte sich 1956. Die Partei ließ eine eigens eingerichtete geheime Kommission das Ausmaß der Säuberungen in den 1930er Jahren untersuchen. Das Ergebnis (rus) war erschreckend: 1,5 Millionen Menschen wurden allein in den Jahren 1937 bis 1938 verhaftet, 680 000 von ihnen wurden erschossen.

Die Parteioberen diskutierten die Frage, ob sie diese Informationen veröffentlichen und den Verantwortlichen der Repressionen nennen sollten. 

Der 20. Parteitag der Kommunistischen Partei rückte näher - diese Veranstaltung, an der hochrangige Parteimitglieder aus dem ganzen Land teilnahmen, könnte der perfekte Ort sein, um Stalin anzuprangern. Die Strategie war jedoch riskant - einige, darunter Stalins langjähriger Weggefährte Wjatscheslaw Molotow, hielten es für einen falschen Ansatz, der die Autorität der Partei untergraben könnte. 

Doch die Mehrheit hat entschieden. Der hochrangige Parteiführer Anastas Mikojan erklärte (rus) die Entscheidung: „Wenn wir es auf dem Kongress nicht tun [die Wahrheit über Stalins Rolle bei den Repressionen preisgeben] und jemand es später tut, wird jeder uns für die Verbrechen verantwortlich machen.”

Tatsächlich hatten viele der Parteioberen unter Stalin unzählige Todesurteile unterschrieben. Nun mussten sie die Schuld dafür alleine auf Stalin abwälzen.  

Chruschtschows Rede 

Auftritt von Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU

Am allerletzten Tag des Kongresses, dem 25. Februar 1956, hielt Chruschtschow eine außerplanmäßige Rede über den Personenkult und seine Folgen, in der er mit Stalins Erbe hart ins Gericht ging.

Zum ersten Mal in der Geschichte hörten mehrere hundert Sowjetbürger davon, dass Stalin hinter den Repressionen gestanden hatte - und es war ein Schock.

„In der Rede wurden jedoch die Opfer der Kollektivierung nicht erwähnt ... und der Terror gegen die sowjetischen Völker im Allgemeinen. Das Hauptziel laut Chruschtschow seien Angehörige der Partei und Armee gewesen, aber sie zählten auch Millionen. Die Anschuldigungen gegen sie waren erfunden, Beweise gefälscht, sie gestanden ihre Schuld nach Folter ein und wurden erschossen, obwohl sie nichts getan hatten und dafür verantwortlich war Josef Stalin”, fasste der Journalist Juri Saprykin die Rede zusammen.

Chruschtschow schwieg zu vielen anderen Themen und wagte nicht, seine eigene Verantwortung (oder die der Parteiführung) zu erwähnen. Trotzdem kam seine Ansprache wie ein Blitz aus heiterem Himmel. 

Ein gestürztes Idol 

Die Rede, obwohl offiziell „geheim“, wurde sehr schnell Gegenstand öffentlicher Diskussionen, als die Delegierten des 20. Kongresses davon in der gesamten UdSSR berichteten. Die Welt von Millionen von Sowjets wurde erschüttert. Sie hatten an Stalin als weisen und fairen Führer geglaubt. Das Ausmaß der Gewalt bei den Säuberungen hatten sie sich nicht vorstellen können. 

„Wir begrüßen das Eingeständnis der Führungskreise”, schrieb (rus) der Autor Igor Dedkow. „Aber wie viel Trauer, wie viel Zweifel verweilt noch in der Seele! Jahrzehntelange grausame Machtkämpfe, tausende von Menschen wurden erschossen und gefoltert, tausende von Seelen ausgelöscht - und das alles unter dem Deckmantel einer ehrenwerten und zutiefst menschlichen Ideologie… Wie können wir das überwinden?”  

Zerstörung eines Stalin-Denkmals in Budapest, 1956

Bald darauf wurden zahlreiche politische Gefangene der Stalin-Ära rehabilitiert. Sein Name verschwand nahezu vollständig aus den offiziellen Reden und wurde aus der sowjetischen Nationalhymne gestrichen. Trotzdem handelte Chruschtschow weiter zurückhaltend. Er fürchtete Unruhen unter den Stalin-Anhängern.

Er legte die Entstalinisierung auf Eis und schloss sich der Kritik erst 1961 an. In diesem Jahr wurde Stalins Leichnam aus dem Mausoleum entfernt und in der Nähe der Kremlmauer beigesetzt. Alle Städte und Dörfer, die seinen Namen trugen, wurden umbenannt. Chruschtschow beschrieb Stalins Regierungszeit als „das Reich der Axt und des Terrors.

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Rückzug

Leonid Breschnew

1964 musste Nikita Chruschtschow zurücktreten. Auf ihn folgte Leonid Breschnew. Während der langen Herrschaft Breschnews (1964 - 1982) wurde Stalin weder gewürdigt noch kritisiert. „Unter Chruschtschow haben wir unsere Intelligenzija korrumpiert”, sagte (rus) einer der mächtigen konservativen Staatsmänner der Breschnew-Ära, Michail Suslow, und meinte damit unter anderem die Entstalinisierung. 

Für eine Weile blieben Stalin und die Säuberungen in der UdSSR ein Tabuthema - zumindest auf der Ebene der Parteifunktionäre. Erst während Gorbatschows Perestroika begann eine neue Welle von Rehabilitierungen und die Verbrechen der 1930er Jahre wurden verurteilt. Es ist kein Zufall, dass einer der Hauptinitiatoren dieser neuen Entstalinisierungswelle, Alexander Jakowlew, 1956 in Moskau Chruschtschows „geheime Rede“ angehört hatte. 

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