Karierte Einkaufstaschen: Symbol des wirtschaftlichen Wandels

Juri Abramotschkin/russiainphoto.ru; Wladimir Fedorenko/Sputnik; Legion Media
Als der Eiserne Vorhang fiel, zog es die Sowjetbürger in Scharen ins Ausland. Doch sie machten dort keinen Urlaub, sondern kauften ausländische Waren, die sie auf heimischen Märkten wieder unter die Leute brachten.

In den späten 1980er Jahren öffnete die UdSSR ihre Grenzen und erlaubte dann den Freihandel. Sowjetische „Touristen“ überfluteten fremde Länder und kauften alles, was ihnen unterwegs begegnete, um es zu Hause weiter zu verkaufen: von Kondomen und Würstchen bis zu Lippenstiften und Mixern.

Kleinhändler, Tschelnoki, wie sie auf Russisch genannt wurden, trugen ihre Einkäufe nicht in schweren Koffern, sondern in billigen, riesigen, karierten Taschen. Ein paar Jahre später, als die UdSSR nicht mehr bestand und die ehemaligen Sowjetrepubliken von einer schweren Wirtschaftskrise getroffen wurden, war der Handel mit ausländischen Waren für viele Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren hatten, die Rettung. 

Marktwirtschaft 

„In der UdSSR war meine Mutter Ingenieurin mit einem guten Gehalt und einer klaren Vorstellung vom Leben“, erzählt (rus) ein Internetnutzer in einem Onlineforum. „Dann kamen die 1990er Jahre und sie ereilte das gleiche Schicksal wie so viele andere Menschen: Sie wurde arbeitslos und wurde Kleinhändlerin. Sie erinnert sich an die 90er als die Zeit, in der sie sich erstmals frei fühlte und Zukunftspläne schmieden konnte. Nicht alle ihre Bekannten haben diese Zeit so gut überstanden.“ 

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR waren viele Menschen tatsächlich ohne Arbeit: Staatliche Unternehmen hatten einfach kein Geld, um ihren Mitarbeitern Löhne zu zahlen, und entlohnten sie in Naturalien, mit den produzierten Waren. Viele Dörfer und Städte waren von einem einzigen großen Arbeitgeber abhängig, so dass dies ein gewaltiges Problem war. Die Lehrer, Ärzte und Ingenieure von gestern waren gezwungen, nach neuen Wegen zu suchen, um Geld zu verdienen. Für viele lief es darauf hinaus, ausländische Waren auf einem Markt zu verkaufen.

Für diejenigen, die in den Grenzgebieten lebten, war es einfacher: Einwohner der Ukraine, Weißrusslands und des westlichen Teils Russlands konnten nach Polen, Deutschland, in die Tschechoslowakei und von dort in das übrige Europa reisen. Einwohner der Region Leningrad konnten nach Finnland gehen, während die Bewohner des russischen Fernen Ostens Waren aus China mitbrachten.

Das bevorzugte Ziel für sowjetische Kleinhändler war jedoch die Türkei. Die Qualität der türkischen Waren in den neunziger Jahren war ausgezeichnet: Stoffe, Schuhe und Kosmetika hielten viele Jahre und waren dennoch günstig. 

Ein neuer Geschäftszweig entstand: Einkaufstouren. Die Kleinhändler wurden mit der Fähre, dem Zug oder dem Bus aus einem Grenzgebiet zu Lagern, Fabriken oder Geschäften auf der anderen Seite gebracht, wo sie alles kaufen konnten, was sie brauchten. Dann ging es wieder zurück in die Heimat.  

Auf eigene Gefahr  

Die Kleinhändler benötigten zunächst einmal Geld, um die Einkaufstour zu finanzieren und Waren einkaufen zu können. Das liehen sie meist bei Freunden. Sie mussten schwer schleppen und ihre Waren bei Wind und Wetter auf den Freiluftmärkten verkaufen. Der Gewinn, den sie dabei machten, war oft nicht der Rede wert.  

In den neunziger Jahren gab es immer noch Beschränkungen hinsichtlich der Menge an Fremdwährung, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ausgeführt werden durfte (zum Beispiel durfte eine Person, die Russland verließ, nicht mehr als 700 US-Dollar mitführen). Deshalb nahmen die Kleinhändler oft Dinge mit, die sie im Ausland verkaufen konnten (sowjetische Kameras, Schmuck, Alkohol) und verwendeten den Erlös, um die Sachen zu erwerben, die sie dann zu Hause verkaufen wollten. 

„Viele von uns haben früher sowjetische Mützen nach China gebracht. Jede kostete sieben Rubel, und die Chinesen tauschten bereitwillig zwei Hüte gegen ein Paar Stiefel, die in Luschniki für 2.000 Rubel verkauft werden konnten“, erinnert sich (rus) der Kleinhändler Andrei.

Importierte Waren wurden auf Märkten verkauft: In jeder größeren Stadt gab es mindestens einen, wenn nicht sogar mehrere große Märkte, auf denen man alles finden konnte. In Moskau waren die bekanntesten von ihnen Luschniki (unter dem Sportstadion wurden die alten Tribünen in Stände umfunktioniert) und ein Dutzend kleinere.

Die Moskauer Märkte waren Orte, an denen nicht nur gewöhnliche Käufer, sondern auch Händler aus anderen Teilen des Landes kamen. Es war billiger für sie, Waren in der Hauptstadt zu kaufen, als ins Ausland zu reisen. Dort kamen Mitte der neunziger Jahre auch in großer Zahl Migranten aus den zentralasiatischen Republiken mit ihren Waren an.

Denkmäler für Kleinhändler 

Allmählich wurde der Kleinhandel immer weniger rentabel. Die Regierungen führten neue Zollvorschriften ein, die Fluggesellschaften reduzierten die Freigepäckmenge, während die städtischen Behörden versuchten, die Kontrolle über die Märkte zu übernehmen, die oft ein Nährboden für Kriminalität und Krankheit waren.

Ein Denkmal für Kleinhändler in Jekaterinburg

Darüber hinaus gab es 1998 eine große Wirtschaftskrise, der Rubel brach ein und viele Unternehmer, die Schulden in Dollar hatten, gingen bankrott. In den frühen 2000er Jahren tauchten in russischen Städten Einkaufszentren auf, darunter große ausländische Ketten. Die Kleinhändler wurden durch diese ersetzt und die Märkte gingen nach und nach ein.

Es ist schwer, das Volumen des Kleinhandels zu beziffern.  Schätzungen zufolge machte er Mitte der neunziger Jahre bis zu einem Drittel aller Importe in das Land aus, aber natürlich führte niemand korrekt Buch. Es ist jedoch bekannt, dass in diesem Sektor bis zu zehn Millionen Russen (rus) tätig waren.

Ein Denkmal für Tschelnoki in Blagoweschtschensk

Diese Bedeutung dieser kurzen Periode der modernen Geschichte spiegelt sich sogar in der monumentalen Kunst wider. Denkmäler für Kleinhändler sind in mehreren russischen Städten zu beliebten Wahrzeichen geworden. Sie werden normalerweise in der Nähe von Einkaufszentren errichtet, wo die früheren Märkte der „wilden 1990er Jahre“ waren.  

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