Faktencheck: 7 populäre Legenden über Stalin

Kira Lisitskaja (Photo: Hulton Archive/Getty Images; Freepik.com)
Ist es wahr, dass Stalin bis zu 500 Seiten am Tag gelesen hat? Stimmt es, dass ihm ein 14-jähriges Bauernmädchen ein Kind geboren hat?

Legende Nr. 1

Stalin hatte Flugangst, deshalb verbot er allen hohen Parteifunktionären, mit dem Flugzeug zu reisen

Wahr!

Allem Anschein nach stimmt das, denn in seinem ganzen Leben reiste Stalin nur zweimal mit dem Flugzeug und legte dabei jeweils 500 Kilometer zurück. Im November 1943, als er von Baku nach Teheran flog, um Roosevelt und Churchill zu treffen, und im Dezember desselben Jahres, als er zurückflog. In allen anderen Fällen bevorzugte er den Land- oder Wasserweg. Selbst zur Teilnahme an der Potsdamer Konferenz 1945 reiste Stalin nicht mit dem Flugzeug. Er posierte lediglich für ein Foto an einer Gangway und fuhr dann mit dem Zug nach Deutschland.

Seine Angst vor dem Fliegen war jedoch berechtigt. In jenen Jahren kam es regelmäßig zu Flugzeugabstürzen. Bis 1933 gab es zum Beispiel keine obligatorische jährliche Befähigungsprüfung für Piloten oder Vorrichtungen für Blindflüge bei Nacht oder schlechter Sicht. Nach einer solchen Katastrophe verhängte Stalin ein Flugverbot für alle Mitglieder des Politbüros und hochrangige Beamte. Ungehorsamkeit wurde mit einem strengen Verweis geahndet.

Legende Nr. 2

Stalin benutzte einen Globus bei der Kriegsführung 

Unwahr!

Joseph Stalin.

Die Geschichte, dass Stalin die operative Situation während des Zweiten Weltkriegs mit Hilfe eines Globus verfolgte (weil er keine Karten lesen konnte), wurde zuerst von Nikita Chruschtschow verbreitet. In seiner Rede vor dem 20. Kongress im Februar 1956 sagte er laut der Abschrift seiner Rede: „Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass Stalin Operationen mit Hilfe eines Globus plante. (Lachen im Saal). Ja, Genossen, er nahm einen Globus und zeichnete die Frontlinie darauf ein.“ Chruschtschow versuchte, den Eindruck zu vermitteln, dass Stalin in militärischen Fragen völlig unwissend gewesen sei. Letzteres stimmte jedoch nicht. Und Stalins Zeitgenossen bezeugten dies.

Marschall Alexander Wassiljewski schrieb, dass Stalin ab der Mitte des Krieges „die stärkste und herausragendste Figur im strategischen Kommando war“ und General Sergei Schtemenko hatte folgendes über den Globus zu sagen: „Hinter dem Tisch, in der Ecke von Stalins Büro, stand ein großer Globus. Ich muss sagen, dass ich das Büro hunderte Male besucht habe, und ich habe nie gesehen, dass er benutzt wurde, wenn operative Angelegenheiten besprochen wurden. Behauptungen, dass Operationen an der Front auf dem Globus entschieden wurden, sind nicht haltbar." 

Legende Nr. 3

Stalin sprach bis zum Alter von zehn Jahren kein Russisch, lernte aber Russisch, weil er Priester werden sollte

Wahr!

Stalin in 1894.

Stalin stammte ursprünglich aus Georgien, daher sprach er als Kind seine Muttersprache Georgisch. Stalins Mutter wollte, dass ihr Sohn Priester wird, und beschloss, ihn auf eine religiöse Schule der orthodoxen Kirche zu schicken. Aber er wurde abgelehnt, weil er kein Russisch konnte. Daher bat die Mutter die Kinder des örtlichen Priesters, ihrem Sohn die russische Sprache beizubringen. 

„Bis zum Alter von acht Jahren konnte Josef nahezu kein Russisch, aber innerhalb von zwei Jahren hatte er es gelernt", sagt der Historiker Wladimir Dolmatow. „Er schloss die religiöse Schule in Gori in Georgien mit einer Auszeichnung ab. Während seiner ersten Jahre am Priesterseminar in Tiflis war er ein ausgezeichneter Schüler. Aber er wurde wegen revolutionärer Aktivitäten von dort verwiesen. 1924 begann er, eine Bibliothek aufzubauen. Am Ende seines Lebens enthielt sie über 20.000 Bücher. Er las bis zu 500 Seiten am Tag."

Legende Nr. 4

Das Pseudonym „Stalin“ bedeutet „Stahl“

Unwahr!

Stalin applaudiert einem Redner, der während des achten Sowjetkongresses über Stalins Bericht über den Entwurf der neuen Verfassung der UdSSR spricht.

Iosif Dschugaschwili wählte sein bekanntes Pseudonym, als er beschloss, der Enge der regionalen Politik des Kaukasus zu entkommen. Weil der Name so klingt, als sei er von „stal" (dem russischen Wort für „Stahl“) abgeleitet, und seine hervorstechendsten Eigenschaften hervorragend beschrieb: Zähigkeit. Viele glaubten daher, dass der Name Stalin eine bewusste Anspielung auf das Wort „Stahl“ sei.

Später stellte sich heraus, dass es nichts mit Stahl zu tun hatte. Doch die Meinungen gehen auseinander. Einige Forscher glauben, dass „Stalin“ eine Übersetzung eines Teils seines Nachnamens „Dschuga" ins Russische war und dass es lediglich einen Vornamen bezeichnete. Die kurioseste Theorie ist jedoch, dass Stalin sich den Namen zu Ehren des liberalen Journalisten Jewgeni Stalinski, der eine berühmte Übersetzung des georgischen Epos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli  veröffentlicht hatte, zugelegt hat. Stalin war ein glühender Verehrer von Rustaweli und insbesondere von diesem Gedicht, aber aus irgendeinem Grund wurde die beste Ausgabe des Gedichts mit der Stalinski-Übersetzung, die 1889 erschien, aus allen Auslagen, Bibliotheken und bibliographischen Einträgen entfernt und in literarischen Artikeln nicht erwähnt. Nach Ansicht des Historikers Wilijam Pochlebkin ging es Stalin darum, „sicherzustellen, dass das ‚Geheimnis‘ hinter der Wahl des Pseudonyms nicht gelüftet werden würde.“ 

Legende Nr. 5

Er hatte ein Kind mit einem 14-jährigen Bauernmädchen

Wahr!

Sie hieß Lida Pereprygina und war zum Zeitpunkt ihrer Romanze mit dem 37-jährigen Stalin gerade einmal 14 Jahre alt. Von 1914 bis 1916, während seiner sibirischen Verbannung, war er in dem Haus einquartiert, in dem sie lebte, und in dieser Zeit hatte Lida zwei Kinder mit ihm. Das erste starb, während das zweite im April 1917 geboren wurde und als Alexander Dschugaschwili (unter Stalins richtigem Nachnamen) registriert wurde. Im Dorf geriet Stalin wegen der Beziehung zu einer Minderjährigen in Schwierigkeiten und musste versprechen, Lida zu heiraten, aber sobald seine Zeit des Exils vorbei war, verließ er sie für immer.

Lida Pereprygina schrieb daraufhin an Stalin und bat um seine Hilfe, erhielt aber keine Antwort. Stattdessen wurde sie in den 1930er Jahren gezwungen, eine Geheimhaltungsvereinbarung in Bezug zur Abstammung ihres Sohnes zu unterzeichnen.

Legende Nr. 6.

Stalin war ein Asket

Unwahr!

Der populäre Mythos, dass Stalin sein ganzes Leben lang in demselben Militärmantel herumlief, dass er keine Ersparnisse hinterließ, als er starb, und dass er eine asketische Lebensweise führte, ist von der Realität weit entfernt. Tatsächlich war er enorm wohlhabend, weil er unbegrenzten Zugang zu allen Vorteilen und Privilegien des Amtes hatte. Autos, Datschas, Privatärzte, Essen, ein Heer von Personal, das ihm in jeder seiner Residenzen zur Verfügung stand - alles wurde ihm zur Verfügung gestellt und vom Staat voll bezahlt. In der Zeit, in der er die UdSSR regierte, wurden für ihn etwa 20 offizielle Außenresidenzen in verschiedenen Teilen des Landes gebaut, die alle mit den neuesten technischen Raffinessen ausgestattet waren. Stalin trug nie Geld bei sich - das brauchte er auch nicht. Zur gleichen Zeit hatte er auch sein offizielles Gehalt (dessen Höhe er selbst festlegte) - 10.000 Rubel (das entspricht heutzutage etwa 40.000 Euro) sowie enorme Tantiemen für seine Schriften und Übersetzungen seiner Werke in Fremdsprachen.

Legende Nr. 7

Stalin war extrem besorgt um seine eigene Sicherheit  

Wahr! 

Nach den Erinnerungen seines Leibwächters Wladimir Wassiljew war der Saal des Bolschoi-Theaters selbst bei feierlichen Sitzungen zusätzlich zu den Wachen rund um das Gebäude, an den Ein- und Ausgängen und hinter der Bühne regelrecht überschwemmt mit zivil gekleideten Mitgliedern des Sicherheitsdienstes. Auf drei geladene Gäste kam ein Agent. Stalin vertraute niemandem, auch nicht seinen persönlichen Köchen, und bei Empfängen aß er erst, nachdem vorgekostet wurde.

In den Nachkriegsjahren konnte der Schutz von Blischnaja, Stalins Datscha in der Nähe von Kunzewo, nur mit Hitlers Wolfsschanze verglichen werden: „Die einzige Straße, die zur Datscha führte, wurde Tag und Nacht von Polizeipatrouillen bewacht. Es war ein stämmiger, breitschultriger Haufen, jeder vom Rang eines Hauptmanns oder Majors, obwohl sie die Schulterabzeichen von Unteroffizieren trugen. Der Wald, der die Datscha umgab, war mit Stacheldraht umzäunt. Wenn es jemandem gelungen wäre, einen Weg hindurch zu finden, hätte ich ihn nicht beneidet. Er wäre von den Schäferhunden angegriffen worden, die entlang des zwischen den Pfosten gespannten Drahtes frei herumliefen", schrieb Wassiljew.

„Die nächste Verteidigungslinie war eine Reihe von Lichtstrahlgeräten, die aus Deutschland kamen. Zwei parallel installierte Strahler bewachten sicher den ‚Perimeter‘. Wenn auch nur ein Hase in ihren Weg sprang, leuchtete ein Licht auf dem Bedienfeld des diensthabenden Offiziers auf und zeigte ihm an, in welchem Sektor sich der ‚Eindringling‘ befand. Dann folgte ein fünf Meter hoher Zaun aus sehr dicken Brettern. Dieser hatte Öffnungen in Form von Schießscharten, daneben befanden sich Unterstände für die bewaffneten Wachen. Dann gab es einen zweiten Zaun, diesmal etwas niedriger. Dazwischen waren Marine-Signallampen installiert. Und neben dem Haus selbst stand die Leibgarde Stalins, Mitglieder des 9. Direktorats", erinnerte sich Wassiljew.

>>> Verwandte des Diktators: Was wurde aus Stalins Nachkommen?

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