„Keine Sensation“: Wie Russland auf die Panama Papers reagierte

Der Offshore-Skandal ist das Ergebnis der Auswertung von rund 11,5 Millionen Dokumenten, geleakt von einer anonymen Quelle aus der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama.

Der Offshore-Skandal ist das Ergebnis der Auswertung von rund 11,5 Millionen Dokumenten, geleakt von einer anonymen Quelle aus der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama.

Reuters
Die ganze Welt empört sich über die Enthüllungen über die Briefkastenfirmen von Politikern und Geschäftsleuten in Panama. Die ganze Welt? Nein, aus einem Land regt sich bislang kaum Protest: Russland. Lässt der Korruptionsskandal die Russen kalt?

Die Veröffentlichung der Panama Papers, die inzwischen auch unter dem Schlagwort „Panama-Gate“ im Netz kursieren, ist das bislang größte Daten-Leak in der Geschichte des internationalen Journalismus. Der Offshore-Skandal, der durch die Recherchen des Internationalen Konsortiums für investigative Journalisten (ICIJ) aufgedeckt wurde, ist das Ergebnis der Auswertung von rund 11,5 Millionen Dokumenten, geleakt von einer anonymen Quelle aus der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama.

In den Skandal verwickelt sind unter anderem Staatschefs und Minister aus Island, Großbritannien, der Ukraine und Aserbaidschan. Auch zwölf russische Politiker und Geschäftsleute werden in den Dokumenten genannt – sie sollen rund zwei Milliarden US-Dollar auf Konten in Panama parken.

Was weltweit für Empörung sorgte, scheint in Russland auf wenig Protest zu stoßen. Dabei hatte schon eine Woche vor der großen Enthüllung Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Präsidenten, eine „Informationsattacke“ angekündigt. Der Kreml arbeitete bereits an Stellungnahmen, um Anfragen von Journalisten zu bearbeiten. Doch als der große Skandal schließlich öffentlich gemacht wurde, passierte – gar nichts. Das staatliche Fernsehen berichtete kaum über die Panama Papers und so verpuffte die Sensation.

Erwähnte ein Staatssender in den Morgennachrichten die Auswertung der Panama Papers überhaupt, dann nur im Zusammenhang mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, der in Panama Aktiva seines Süßwarenkonzerns Roshen lagert. Die Nachrichtenagentur Tass erwähnte lediglich die Namen des suspendierten Uefa-Präsidenten Michel Platini und des Fußballstürmers Lionel Messi. Allein die Agentur Ria Nowosti beleuchtete das Thema mit mehreren kleinen Berichten. Die staatlichen und kremlnahen Zeitungen hingegen veröffentlichten bis zum Morgen des 4. April – dem Tag nach der Enthüllung – gar nichts zum Leak.

„Heiße Pfannkuchen braucht man nicht zu braten“

Wie viele andere betroffene Länder auch kündigte Russland eine Überprüfung der Medienberichte über die eigenen Landsleute an. Damit wird sich die russische Generalstaatsanwaltschaft beschäftigen.

Doch davon abgesehen hüten sich viele vor voreiligen Schlüssen. „Man braucht mindestens ein paar Wochen für die Analyse aller Informationen, um zu verstehen, was da genau vorliegt und wie man das gebrauchen kann“, erklärte German Gref, Chef des größten russischen Finanzinstituts Sberbank. Damit sprach er wohl aus, was viele denken: Man müsse keine „heißen Pfannkuchen braten“, wie Gref hinzufügte.

Einige Russen, die in den Panama Papers namentlich genannt werden, bestritten bereits eine Beteiligung an den exotischen Briefkastenfirmen. „Ich habe damit nichts zu tun“, unterstrich etwa Alexej Uljukajew, Russlands Minister für wirtschaftliche Entwicklung. Und der Duma-Abgeordnete Wiktor Swagelski kündigte an, die Zeitung „Nowaja Gaseta“ wegen Verleumdung verklagen zu wollen. Die Zeitung, die als ICIJ-Mitglied an der Auswertung der Dokumente teilnahm, hatte über zwei Offshorefirmen berichtet, die angeblich Swagelski gehören sollen.

Ein anderer Duma-Abgeordneter hingegen ist verärgert ob der ungewöhnlich ruhigen Reaktion der Medien auf den wohl größten Skandal aller Zeiten: Gennadi Gudkow schickte eine Anfrage an die Leiter der Nachrichtenagenturen, warum sie „nicht in vollem Umfang“ über die Auswertung der Panama Papers berichteten. „Es ist doch merkwürdig, dass führende russische Medien das Thema fast gar nicht aufgreifen. Entweder wird der Skandal allein auf ausländische Politiker bezogen oder gar nicht erwähnt“, schrieb Gudkow in seiner Anfrage.

„Nicht mehr wert als ein müdes Lächeln“

Doch gänzlich unerhört blieb der Skandal bei den Russen nicht. In den sozialen Netzwerken fiel die Reaktion auf „die Enthüllung“ der Briefkastenfirmen umso größer aus. Auch wenn nicht so sehr der Skandal selbst von den Nutzern diskutiert wurde als vielmehr die Selektivität der nationalen Medien hinsichtlich der präsentierten Informationen zum Skandal.

Die Nutzer sparten auch nicht an Spott und Häme, etwa zum Cellisten Sergej Roldugin, der in den Panama Papers auftaucht. Die Journalisten schreiben ihm eine Schlüsselrolle zu, denn er soll das Vermögen seines engen Freundes Wladimir Putin verwaltet haben. Er wird in den Berichten des ICIJ auch als „Putins Geldbeutel“ bezeichnet. „Mein Sohn hätte Cello lernen sollen. Wenn ich das gewusst hätte“, schreibt ein russischer Kommentator spöttisch.

Möglicherweise hatte Pressesprecher Peskow mit seiner Ankündigung aber auch größere Erwartungen geschürt. Die Meldungen über die Briefkastenfirmen und den geparkten zwei Milliarden US-Dollar beeindruckten jedenfalls nicht jeden: „Zwei Milliarden, die auf den schmutzigen Firmenkonten von Putins Freunden gefunden wurden, sind doch nicht mehr wert als ein müdes Lächeln“, bemerkte ein anderer Nutzer.

Die Kritik aus den sozialen Netzwerken auf die Straßen zu tragen, schafften indes nur drei Russen: Sie standen vereinzelt neben dem Parlamentsgebäude und wurden verhaftet. Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern wie in Island sind in Russland undenkbar.

Das gehöre einfach nicht zu den russischen Gepflogenheiten, erklärt Natalia Sorkaja, Leiterin der Abteilung für sozialpolitische Studien am Lewada-Zentrum. „In Russland hat es schon mehrere Korruptionsskandale gegeben, auch im Zusammenhang mit dem Generalstaatsanwalt oder dem Verteidigungsministerium. Das hätte die Menschen aufrühren können“, sagt sie. Doch die Leute gingen nicht auf die Straße, weil sie keine Beteiligung wie in europäischen Demokratien genossen. „Die Gesellschaft versteht nicht, dass sie mit Demonstrationen etwas bewegen kann. Wir sind leider noch nicht so weit“, bedauert Sorkaja.

Doch davon abgesehen gebe es ohnehin noch keine zuverlässigen Beweise für die veröffentlichten Informationen. Die Vorstellung, dass die Regierung korrupt ist, sei sehr alt, die Nachricht über Briefkastenfirmen in Panama deshalb auch eigentlich keine Sensation, meint die Soziologin. 

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