Wenn Liebe Glaubensgrenzen überwindet

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Obwohl Russland ein säkularer Staat ist, bezeichnen sich 80 Prozent der Russen als christlich-orthodox. Dazu kommen Katholiken, Protestanten, Muslime, Buddhisten und auch Atheisten. Wir erzählen die Geschichten einiger Pärchen, die es geschafft haben, trotz unterschiedlichen Glaubens, eine langanhaltende Beziehung aufzubauen.

1. Daria und Jewgeni (atheistisch/orthodox) – 18 und 20 Jahre, seit zweieinhalb Jahren zusammen, Samara

Daria und Jewgeni / Personal archiveDaria und Jewgeni / Personal archive

Daria: Zuerst hatte ich gehofft, Jewgeni von meiner Position zu überzeugen, aber dann beruhigte ich mich. Ich habe zum Beispiel aufgehört, über Religion Witze zu machen. Das ist schon fast ein Fortschritt! (lacht).

Jewgeni: Ja, wir haben viel diskutiert. Ich habe versucht, Dascha davon zu überzeugen, dass es Gott gibt. Jetzt verstehe ich, dass dies jeder auf seine Weise betrachten muss.

Über Taufe und Trauung

Jewgeni: Ich bin davon überzeugt, dass die Taufe dem Schutz eines Kindes dient, aber ich will meinem Baby nichts aufzwingen. Über die Bedeutung einer kirchlichen Trauung habe ich bislang nicht nachgedacht.

Daria: Wenn es keinen Gott gibt, dann kostet eine Taufe ja nichts, außer ein bisschen Zeit und Geld. Wenn es für Jewgeni wichtig ist, habe ich nichts dagegen. Ich glaube, so verhält es sich auch mit einer Trauung: Warum also nicht? Aber bitte nicht am selben Tag, an dem ich in meinem wunderschönen weißen Kleid für Fotos posieren werde (lacht).

Orthodoxe Feiertage

Daria: In diesem Jahr habe ich mitgeholfen, Osterkuchen zu backen. Warum auch nicht? Der Kuchen ist doch so lecker. Wenn meine Freunde mir dann sagen, „Christus ist auferstanden“, dann ist mir schon klar, dass sie Witze machen. Ich kann dann angemessen antworten, aber sie zufriedenstellen kann ich nicht.

Jewgeni: Kirchliche Feiertage waren für mich schon immer ganz normale Tage. Die Osterkuchen sind nur ein Dessert für die Feiertage mit der Familie. Wahrer Glaube kommt von innen.

Wie schwierig es ist, die Ansichten des Partners zu akzeptieren

Daria: Ich kann wirklich nicht verstehen, warum Menschen in die Kirche gehen, um ihren Kuchen und ihr Wasser weihen zu lassen. Wird sie das von allen Krankheiten heilen oder was? Und dieser Brauch mit den Ikonen im Auto: Schützt Gott nur die, die eine Ikone an der Windschutzscheibe haben?

Jewgeni: Na ja… Viel Platz nimmt eine kleine Ikone nicht ein. Aber was ist, wenn jemand dort oben existiert, und die Ikone hilft?

 

2. Marfa und Artjom (jüdisch/orthodox) – 19 und 21 Jahre, seit über zwei Jahren zusammen, Sankt Petersburg

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Marfa: Die Religion ist ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens. Eine Zeit lang hatte ich davon geträumt, jemanden unter den jüdischen Junggesellen zu finden. Aber dann kam Artjom und zerstörte meinen Traum (lacht).

Artjom: Ich verbringe die meisten kirchlichen Feiertage mit meiner Familie. Aber ich glaube, das Wichtigste ist, den Glauben im Herzen zu halten. Marfas Traditionen haben meinen Horizont sicherlich erweitert und ich versuche, ihren Bräuchen zu folgen, weil sie für Marfa sehr wichtig sind.

Über kirchliche Traditionen

Marfa: Meine Mama glaubt an Gott und praktiziert fast jede Religion. Deshalb bin ich seit meiner Kindheit an unterschiedliche Arten von Tradition gewöhnt. Aber die jüdischen Bräuche ziehe ich vor.

Artjom: Die orthodoxen Feiertage verbringe ich mit meiner Familie, die jüdischen aber mit Marfa.

Über die Schwierigkeit, die Ansichten des Partners zu akzeptieren

Marfa: Vor orthodoxen Kirchen habe ich Angst. Alles ist in Gold, die Atmosphäre ist formal… Ich mag es nicht. In Synagogen herrscht einfacher Umgang, alles ist vertraut. Aber Artjom geht nicht allzu oft in die Kirche und bittet mich auch nicht, mit ihm mitzukommen.

Artjom: Wenn Marfa meinen Antrag weiter ablehnt, werde ich wohl zum Judentum konvertieren müssen.

Marfa: Ich fürchte, das ist es nicht wert.

Artjom: Mal sehen. Ich bin zu mehr bereit, als du erwartest.

Über Taufe und Trauung

Marfa: Ich glaube, es ist nicht wirklich wichtig, auf welche Weise man heiratet. Wichtig ist, was du in deiner Seele fühlst. Wir hatten ein Paar Probleme beim Thema Taufe, haben aber beschlossen, die Kinder selbst wählen zu lassen. Ich hätte es gern, dass sie in jüdischen Gemeinschaften aufwachsen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass sie richtig gut sind.

Artjom: Über die Trauungszeremonie habe ich noch nicht nachgedacht. Aber wenn es um jüdische Gemeinden geht, dann bin ich absolut dafür. Ich habe gesehen, wie gut die Bedingungen für Kinder in der jüdischen Gemeinde von Petersburg sind. Aber es ist ihre Wahl. Insgesamt bin ich ja stark orthodox, aber ich kann mich durch gesunden Menschenverstand überzeugen lassen (lacht).

 

3. Zarifa und Michail (muslimisch/orthodox) – 38 und 50, seit 18 Jahren zusammen, Sankt Petersburg

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Zarifa: Meine ganze Familie sind Moslems, obwohl diese Religion in der UdSSR verboten war. Sie wissen über den Islam nur wenig, aber die wichtigsten Gebete haben sie sich aus ihrer Kindheit gemerkt.

Ich habe mein ganzes Leben lang an Allah geglaubt und die Heirat hat daran nichts geändert. Ich habe rund 100 unterschiedliche Kirchen besucht. Aber selbst wenn ich Donatellos Arbeiten in der Santa Croce sehe, vergesse ich nicht zu sagen: „Seist du gepriesen, Allah, dass ich die Chance habe, diese Schönheit zu sehen.“

Dass ich einen Christen geheiratet habe, war für meine Eltern eine Katastrophe. Aber mit der Zeit lernten sie Mischa besser kennen und mochten ihn. Sie verstehen, dass Mischa mich nicht davon abhält, meinen Glauben auszuüben.

Michail: Als wir uns trafen, war ich nicht getauft, wollte aber orthodox werden. Dem Islam gegenüber war ich gleichgültig. Ich wusste nur, dass einige islamistische Bewegungen Gewalt rechtfertigen, aber mit meiner Frau hatte das nichts zu tun.

Mit der Zeit teilten wir auch unsere Kulturen miteinander. Ich lernte zum Beispiel das Wort „ssublyk“, eine kleine gute Tat aus Anlass von Freude oder Trauer.

Zarifa: Ich versuche, die Ansichten meines Mannes nicht zu ändern. Er ließ sich taufen, als er älter als 30 Jahre war. Er hatte sich lange darauf vorbereitet. Aber wir diskutieren auch über Religion. Ich versuche, meinen Mann zu überzeugen, dass der Islam eine faire und selbstlose Religion ist, während in der Orthodoxen Kirche ein Gottesdienst Geld kostet. Mischa sagt, Menschen verüben Terroranschläge im Namen Allahs. Aber es macht keinen Sinn, über solche Fanatiker zu reden, sie verstehen den wahren Kern der Religion nicht.

Über Glaubenstradition

Zarifa: Wir feiern sowohl muslimische als auch orthodoxe Feiertage. Ich helfe, die Ostereier zu bemalen und nach Mitternacht decke ich den Tisch, damit Mischa seine Fastenzeit beenden kann. An muslimischen Feiertagen verteile ich Spenden und kümmere mich um die Armen.

Michail: Die Traditionen sind für uns größtenteils Formalitäten, aber ich verzichte nach Möglichkeit auf Schweinefleisch. Von den orthodoxen Feiertagen feiern wir Weihnachten und Ostern zuhause mit meinen Eltern.

Über die Schwierigkeit, die Ansichten des Partners zu akzeptieren

Zarifa: Mein Mann versucht alles, um unangenehme Situationen zuhause zu vermeiden. Selbst seine Ikonen und Heiligen Bücher stellt er auf ein hohes Regal, wo ich sie nicht sehen kann.

Michail: Mich stört aber fast gar nichts. Wenn Probleme kommen, lösen wir sie in aller Ruhe.

Über Taufe und Trauung

Michail: Einer meiner Bekannten scherzte, ich müsse jetzt doch Muslim werden, nachdem ich Zarifa geheiratet habe.

Zarifa: Wir hatten eine einfache Zeremonie beim Standesamt, mehr nicht. Was die Taufe angeht: Wir wollen ein Kind adoptieren und ihm die Wahl überlassen. Ich werde dem Kind den Islam beibringen und Mischa kann ihm ja seine Religion lehren. Wir werden sehen, wer am Ende überzeugender ist.

Russland und die Religion: Wie der Staat den Islam sieht

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